Heilung Mein Leben als Frau

Matthias Matussek beschreibt, wie er in sechs Wochen 20 Kilo abnahm.


Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich ins komische Rollenfach wechseln sollte, in die Buffo-Abteilung der gemütlich-dröhnenden Dicken mit den grellen Krawatten, die auf Betriebsfesten immer den späten Elvis gaben.

SPIEGEL-Redakteur Matussek: vorher, nachher

SPIEGEL-Redakteur Matussek: vorher, nachher

Bis dahin war ich eigentlich der dünne Jeanstyp, der auf Betriebsfesten den späten Elvis gab. Jetzt dagegen war ich feist, denn ich hatte nach meiner Herz-Operation mit dem Rauchen aufgehört und versucht, die prompt eingetretene große innere Leere zu füllen: mit Schokoladenpudding, kalten Wiener Würstchen, Käsewürfeln und allem, was einem so in die Hand fiel, wenn man nachts zu spontanen Stichproben vor dem Kühlschrank stand.

Ständig musste ich neue Anzüge nachkaufen. Warum Anzüge? Weil Jeans an meiner Wampe abrutschten. Die Anzüge hatten den Vorteil, dass ich sie mit Hosenträgern tragen konnte. Ich sah im Anzug aus wie Helmut Kohl, ein Riese im Ein-Mann-Zelt. Zu dick. Ich erhielt über hundert Hass-E-Mails, nachdem ich in einer Talkshow feist auf der Sofakante gesessen und gemeint hatte, dass die Leute nun mal den Gürtel enger zu schnallen hätten. Und dann das Herz. Mein Arzt warnte mich.

Ich wog - bei einer Körpergröße von 187 Zentimetern - 105 Kilo, als ich mich zur Diät entschloss. Im "Gräflichen Park" in Bad Driburg bot man die "F.X.Mayr"-Kur an. Eine Entschlackungskur, der mit Bittersalz nachgeholfen wird.

Sie besteht im Wesentlichen daraus, Dinkelbrötchen laaangsam zu kauen und basische Suppen zu schlürfen. Dazu viel Wasser trinken, was hier ein besonderes Vergnügen ist, denn der gräfliche Park verfügt über eine eigene Heilwasserquelle, die schon Friedrich Hölderlin genossen hat, als er hier 1796 mit seiner Geliebten Susette Gontard Station machte.

Der Trick besteht darin, beschäftigt zu bleiben. Hölderlin tat es damals auf seine Weise - die Gräfin berichtete mir, die Aufzeichnungen des damaligen Grafen hätten ergeben, dass Hölderlin und seine Susette kaum je ihr Zimmer verließen.

Ich dagegen war soldatischer. Morgens um 6.30 Uhr ließ ich mich wecken und begab mich hinüber ins Schwimmbad zur Gymnastik, wo mich eine zierliche, aber stahlharte Trainerin Wasser treten ließ. Danach gab es kalte und heiße Aufgüsse. Sodann trottete ich in den Frühstücksraum, wo ich in großer, in andächtiger Stille das Dinkelbrötchen zu mir nahm. Laaangsam. Wer weiß, wann es wieder zu essen geben würde! Ich warf dabei elegische Blicke auf die Wand, auf die kunstvoll geschnörkelt Hölderlin-Liebesgedichte an Diotima gemalt waren.

Ich beschäftigte mich damit, die Gedichte auswendig zu lernen, was ganz gut klappte, denn auch das Lernen funktioniert nach dem Rhythmus Käuen und immer wieder Käuen.

Chef der Abteilung ist Dr. Henk Hietkamp, eine ruhige, nahezu durchgeistigte Erscheinung. Noch nie habe ich einen Arzt erlebt, der so ausführlich und faszinierend und lyrisch über den menschlichen Darm und seine Funktionen und Schwierigkeiten parliert hat. Man könnte ihn den Hölderlin des Darms nennen, einen heilig-nüchternen Seher im weißen Kittel, von dem die Legende erzählt, dass seine sensiblen Künstlerhände in der morgendlichen Bauchmassage bei einem sehr dünnen Model erspürt haben sollen, dass es kurz vor der Behandlung ein Brötchen und drei Gummibärchen zu sich genommen hatte.

Wenn Hietkamp über die Essgewohnheiten von Büro- und Kantinenmenschen wie mich sprach, lag in seinem Gesicht eine Mischung aus Entsetzen und Mitleid. "Sie knallen sich den Pamp ohne zu kauen direkt an die Rachenrückwand, von wo er senkrecht und in großen Brocken nach unten klatscht." Brrr!

Das Geheimnis des Abnehmens, so machte mir Dr. Hietkamp klar, ist die Veränderung der Essgewohnheiten. Viel kauen. Viel Wasser trinken. Und nach 18 Uhr gar nicht mehr essen, denn nichts ist tödlicher und dickmachender als unverdautes Essen, das nachts gärend im Magen herumlümmelt und dem Darm Ärger macht.

Tatsächlich: Es klappt. Schon nach zwei Tagen ist das erste Kilo weg. Der Sport - Tennis! - machte mir mehr Spaß, und die Spaziergänge durch den prächtigen gräflichen Landschaftspark mit den Rehwiesen und künstlichen Weihern und Waldpfaden wurden meditative Unternehmungen mit Beethoven-Sonaten im iPod.

Jeder Spaziergang wurde ein Weg zu mir selber, und nach einer Woche hatte ich fünf Kilo herunter und nach zwei Wochen zehn. Und danach nahm ich Abschied vom Doktor und seinem Gesundheitspersonal mit der Feierlichkeit eines Soldaten, der nun ganz auf sich gestellt hinter den feindlichen Linien in der Welt dort draußen klarkommen muss.

Zu Hause wurde der eingeschlagene Weg fortgesetzt, und nach weiteren drei Wochen hatte ich weitere zehn Kilo runter. Die alten Anzüge wurden weggegeben und wahrscheinlich zu Fallschirmen oder Löschdecken für Waldbrände umgearbeitet, und dann entdeckte ich, dass es Läden gab, in denen Anzüge und Jeans verkauft werden, die ganz normalen Menschen passen.

Allerdings hat alles seine Kehrseite: In den Wochen darauf wurde ich nur noch selten auf meine Artikel angesprochen. Stattdessen ständig auf mein Äußeres. Ich sähe phantastisch dünn aus, mal sehen, ob das hält, bloß kein Jojo wie bei Joschka Fischer, hä hä, aber sehr schön schlank, und wie ich das mache, und viel Glück.

Jetzt weiß ich, wie es ist, wenn man nur auf sein Äußeres reduziert wird. Kurz: wie man sich als Frau fühlt.

Eigentlich gar nicht schlecht.



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