Gefühle Abstieg in die Wasserhölle

Der Österreicher Herbert Nitsch ist der beste Freitaucher der Welt. Mit nur einmal Luftholen dringt er in über 200 Meter Tiefe vor. Für seinen lebensgefährlichen Sport muss er nicht nur fit sein, er darf vor allem keine Angst haben.

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Genau 214 Meter unter dem Meeresspiegel. Nichts als Kälte und Dunkelheit. Enormer Druck. Kaum Fische, kaum Pflanzen. Eine der lebensfeindlichsten Gebiete dieses Planeten, eine Todeszone. Sagenhafte 214 Meter tief ist Herbert Nitsch am 14. Juni dieses Jahres getaucht - ohne Atemgerät, nur mit der Luft eines einzigen Atemzugs. Noch nie ist ein Mensch ohne Sauerstoffflaschen so weit hinabgetaucht - und lebend zurückgekehrt.

Der Kampf des Mannes gegen die Tiefe spielte sich vor Spetses, einer kleinen Insel in der Ägäis, ab: Die Temperatur lag bei gut 30 Grad Celsius, es wehte ein sanfter Wind, keine Wolke verdeckte das Blau des Himmels.

Es ist ungefähr 13.30 Uhr. An der Wasseroberfläche formt Herbert Nitsch mit Zeige- und Mittelfinger das Victory-Zeichen, reißt den Mund noch einmal so weit wie möglich auf - und verschwindet im Nichts.

Eine Art Schlitten, verbunden mit einem Seil, treibt den nur mit einem Neoprenanzug und einer Brille geschützten Taucher in die Tiefe, mit einer Geschwindigkeit von bis zu drei Metern pro Sekunde. In weniger als zwei Minuten erreicht Nitsch die fast unglaubliche Marke von 214 Meter. Der Weg nach oben dauert etwas länger. Doch nach exakt 4 Minuten und 24 Sekunden schießt Nitschs Faust aus dem Meer. Weltrekord!

"Mein Körper hat den Tauchgang gut weggesteckt", sagt Nitsch ein paar Monate später in einem Wiener Café. Er hält kurz inne, als würde er sich darüber wundern. Dann leuchten seine Augen: "Es ist ein großer Reiz, absolut an die eigenen Grenzen zu gehen." Nitsch nickt mehrmals, als wolle er sich selbst zustimmen. "Es war eigentlich wie ein Sonntagsausflug." Er grinst.

Der Mensch Nitsch, das sind zunächst einmal 84 durchtrainierte Kilo, verteilt auf 1,88 Meter Körpergröße in klassischer V-Form. Von Beruf ist dieser Mann Pilot bei einer europäischen Fluggesellschaft, derzeit in Teilzeit. Er ist unverheiratet, hat keine Kinder.

Der Österreicher Herbert Nitsch ist der beste Freitaucher auf dem Globus. Weltweit gibt es etwa 20.000 solche Tauchfreunde, die sich ohne Stahlflaschen in die Tiefe wagen, Free Diving oder Apnoe-Tauchen nennen sie ihren Sport (Apnoe, griechisch "Nicht-Atmung"). Nitsch ist für viele schon heute eine Legende.

Beim Freitauchen in extremer Tiefe überlebt nur, wer sowohl körperlich absolut fit ist als auch über eine fast übermenschliche mentale Stärke verfügt. Denn Schwäche jeglicher Art wird 200 Meter unter dem Meeresspiegel mit dem Tod bestraft.

Lange hielten es Mediziner für unmöglich, ohne Atemgerät tiefer als 50 Meter zu tauchen. Der Franzose Jacques Mayol schaffte 1976 als Erster die magischen 100 Meter. Sein über Jahre dauerndes Duell mit dem Italiener Enzo Maïorca verfilmte der französische Regisseur Luc Besson in seinem Kult-Streifen "Im Rausch der Tiefe".

160 Meter und tiefer tauchten bis heute außer Nitsch nur vier Menschen. Ohne Schaden davongekommen ist neben ihm nur die Amerikanerin Tanya Streeter. Der Venezolaner Carlos Costa sitzt im Rollstuhl, die Französin Audrey Mestre und ihr Landsmann Loïc Leferme sind beide tödlich verunglückt.

Leferme starb erst am 11. April dieses Jahres vor der Küste Südfrankreichs. Er trainierte für einen neuen Weltrekord, es war der 39. Trainingstauchgang, als beim Auftauchen etwas schiefging. Irgendwie blockierte das Seil, was genau passiert ist, lässt sich bis heute nicht rekonstruieren. Taucher finden Leferme schwebend im Wasser, mit ausgebreiteten Armen, die Augen nach unten gerichtet, aus seinem Mund kommt rötlicher Schaum. Ums Leben gekommen ist er vermutlich in einer Wassertiefe von 30 Metern, vermutlich.

"Jeder muss das Risiko für sich selbst einschätzen." Nitsch sitzt ruhig auf seinem Kaffeehaus-Stuhl, wenn er spricht. Das Schicksal seines ehemaligen Konkurrenten scheint ihn nicht zu erschüttern, zumindest zeigt er es nicht. Gern hält Nitsch seine kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Die Gefahren eines Tauchgangs müsse man nüchtern analysieren, einordnen, minimieren. "Ich habe jedenfalls keine Todessehnsucht, ich lebe gern, jeden Tag." Er blinzelt in den Wiener Himmel. Wer ihn in diesem Moment sieht, der glaubt ihm.

"No Limits", so heißt die besonders riskante Freitauch-Disziplin, ist immer auch ein medizinisches Experiment. Was kann der Körper aushalten? Bis zu welcher Tiefe bleibt ein Rest Leben im Menschen? Wann brechen die Vitalfunktionen zusammen? Wo genau liegt die Grenze zwischen Tauchen und Tod?

Die große Herausforderung dabei ist die Luft anzuhalten, vor allem aber dem Wasserdruck standzuhalten. Nitsch verfügt über ein Lungenvolumen von zehn Litern (ein durchschnittlicher Erwachsener erreicht vier bis fünf Liter) und kann durch eine spezielle Atemtechnik, das sogenannte Buccal pumping, zusätzlich fünf Liter in seine Lungen zwängen. Sein Zwerchfell kann er bewegen wie andere Menschen einen Arm oder Fuß. Oberirdisch und in Ruhe schafft er es, knapp zehn Minuten die Luft anzuhalten, unter Wasser sind es je nach Tiefe und Anstrengung weniger.

Schlimmer als die Atemnot ist jedoch der Druck. Er wächst pro zehn Meter um ein Bar. Schon in rund 30 Meter Tiefe hat der Wasserdruck die Lunge auf etwa ein Viertel zusammenschrumpfen lassen, der Auftrieb verschwindet, der Taucher sinkt wie ein Stein in Richtung Meeresgrund.

Während an der Wasseroberfläche der Druck ein Bar beträgt, sind es in 214 Meter Tiefe mehr als 22 Bar. Auf Nitschs Körper lastet dann ein Gewicht von mehreren Tonnen. Sein Tauchanzug, oben eng anliegend, flattert. Nitsch muss eine spezielle Taucherbrille tragen, die direkt an den Augen anliegt. Mit einer luftgefüllten Tauchermaske vor dem Gesicht würde es Nitsch die Augäpfel aus den Höhlen reißen.

In der Tiefe wird ihm das Blut aus Armen und Beinen in den Rumpf gepresst, alle Organe gewaltsam unter die Rippen geschoben. Seine Lunge wird zusammengequetscht auf die Größe einer Orange, sie misst jetzt nur noch ein Zwanzigstel ihrer normalen Größe. Ihre Kapillaren füllen sich mit Blut - ein lebensrettender Vorgang: Das eindringende Blut schützt die Lunge vor dem Kollabieren, denn Flüssigkeit hält dem Druck stand, Luft nicht.



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l.augenstein 12.11.2007
1.
Zitat von sysopDer Österreicher Herbert Nitsch ist der beste Freitaucher der Welt. Mit nur einmal Luftholen dringt er in über 200 Meter Tiefe vor. Für seinen lebensgefährlichen Sport muss er nicht nur fit sein, er darf vor allem keine Angst haben. Können Sie die Leidenschaft Nitschs verstehen oder schütteln Sie den Kopf?
Sich in extreme Ausnahmesituationen zu begeben hat immer etwas faszinierendes, reizvolles. Ich kann dieses Vordringen in äußerste Grenzbereiche voll und ganz verstehen, obwohl ich gerade Nitschs "Sport" schon als den absoluten Wahnsinn empfinde!
Umberto, 12.11.2007
2.
Zitat von l.augensteinSich in extreme Ausnahmesituationen zu begeben hat immer etwas faszinierendes, reizvolles. Ich kann dieses Vordringen in äußerste Grenzbereiche voll und ganz verstehen, obwohl ich gerade Nitschs "Sport" schon als den absoluten Wahnsinn empfinde!
Hier sind wir mal nicht einer Meinung. Diese Art zu tauchen kann man "sich antrainieren". Und so dunkel ist's in 200 Meter Tiefe ja noch nicht. Da braucht's auch keine Angst, wenn man genau weiß, was man da tut.
LouisWu 12.11.2007
3.
Zitat von UmbertoHier sind wir mal nicht einer Meinung. Diese Art zu tauchen kann man "sich antrainieren". Und so dunkel ist's in 200 Meter Tiefe ja noch nicht. Da braucht's auch keine Angst, wenn man genau weiß, was man da tut.
Naja, bei allem Training: Wenn der in 200m Tiefe angekommen ist und plötzlich einen Hustenanfall bekommt, ist's wohl vorbei. Trotzdem habe ich keine Einwände, jeder sollte so gefährlich leben können, wie er will.
Umberto, 12.11.2007
4.
Zitat von LouisWuNaja, bei allem Training: Wenn der in 200m Tiefe angekommen ist und plötzlich einen Hustenanfall bekommt, ist's wohl vorbei. Trotzdem habe ich keine Einwände, jeder sollte so gefährlich leben können, wie er will.
Warum sollte der, ausgerechnet dann, einen Hustenanfall bekommen?
LouisWu 12.11.2007
5.
Zitat von UmbertoWarum sollte der, ausgerechnet dann, einen Hustenanfall bekommen?
Murphy's Gesetz. Wobei die Aufzählung in Wiki bei weitem nicht vollständig ist. Z.B. fehlt: Hustenanfälle kommen immer dann, wenn man sie am wenigsten brauchen kann (also wenn man etwa Durchfall hat, oder gerade in 200m Tiefe schwimmt ;-)).
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