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Liebe, Lust & Rollenspiele: Das gewollte Klischee

Von Rafaela von Bredow

Allein des Sexes wegen findet sich das Weib auf der Venus, der Mann auf dem Mars - ansonsten gleichen sich die Geschlechter frappierend. Dennoch stirbt der Mythos vom großen Unterschied nicht - er zementiert so hübsch die Rollenbilder.

Was will eine Frau?" Für Sigmund Freud war dies "die große Frage", die er trotz seines "30-jährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag".

Mysterium Frau - seit der Antike versuchen Denker, die eigenartig andere Welt des Weibes zu ergründen. Aristoteles vertrat noch die Überzeugung, die Frau sei "gleichsam ein verstümmeltes Männchen und der Monatsfluss Samen, der aber nicht rein ist; denn es fehlt ihm nur noch eines, das Prinzip der Seele".

So gesehen ist seit der Antike geistesgeschichtlich eine Menge passiert bei der Suche nach Erklärungen für die Exotik des Weibes. Die Prämisse allen Grübelns darüber hat sich allerdings bis heute nicht verändert: Die Frau sei von Natur aus ein fundamental anderes Geschöpf als der Mann. Dabei ist dies bis auf den heutigen Tag nicht bewiesen.

Im Gegenteil. Es liegen gute, wissenschaftlich belegte Gründe auf dem Tisch, die uralte Idee vom großen Unterschied zwischen Weib und Mann als das zu entlarven, was sie ist: ein Mythos.

Zwar haben Neuroforscher, Biologen und Psychologen jahrzehntelang nach den Differenzen der Geschlechter gefahndet. Doch je tiefer sie in die Gehirne blickten, je länger und exakter sie die kognitiven Leistungen von Männlein und Weiblein testeten, desto mehr verblassten die Kontraste. Die Wissenschaftler fanden vor allem - Ähnlichkeiten. Befund für Befund greift die Erkenntnis Raum: Mann und Frau unterscheiden sich kaum.

Weniger Hirn? Weniger Orientierungssinn? Höhere Geschwätzigkeit?

Und da, wo sich Verschiedenheit messen lässt, spielt sie entweder keine Rolle für den Lebensalltag oder ist unbedeutend klein. Vor allem aber scheint sie nicht das Ergebnis biologischer Bestimmung zu sein. "Es gibt kein Phänomen 'Geschlechterunterschied', das zu erklären wäre", sagt die Psychologieprofessorin Janet Hyde von der University of Wisconsin.

Beispiel Gehirnvolumen: Über die Jahrhunderte galt das verhältnismäßig kleine Denkorgan der Frauen als Beweis ihrer Schlichtheit im Geiste, umgekehrt sollte der große Brocken im Männerschädel dessen brillanten Intellekt belegen. Bis in die achtziger Jahre findet sich dieser Gedanke noch bei Wissenschaftlern. Tatsache ist aber, dass es in Tests allgemeiner Intelligenz Männern partout nicht gelingen will, besser abzuschneiden.

Oder der Orientierungssinn: Der soll legendär unterentwickelt sein bei Frauen und sie höchstens zum Auffinden von Schuhgeschäften befähigen. Und tatsächlich schneiden sie in Studien schlechter ab als Männer. Inzwischen aber ist bekannt, dass nicht etwa das Geschlecht, sondern die Orientierungsmethode darüber entscheidet, ob jemand ratlos durch die Gegend irrt: Ob Mann oder Weib, gute Pfadfinder schauen im Geiste von oben drauf aufs fremde Gebiet, denken in Himmelsrichtungen, merken sich ihren Ausgangspunkt. Es verfährt sich hingegen leicht, wer auf Landmarken achtet: rechts beim Bäcker, dann links an der Tanke. Der Effekt war lange verdeckt, weil es einfach mehr Frauen gibt, die sich der erfolgloseren Strategie bedienen.

Die Forscher wissen auch, warum das so ist: Kleine Mädchen dürfen meist nicht so frei herumstromern wie Jungs; daher fehlt ihnen das frühe, langjährige Training des Orientierungssinns.

Null Belege gibt es auch für die angeblich naturgegebene Geschwätzigkeit des Weibes: 20.000 Wörter täglich sollen demnach aus dem Frauenmunde perlen, der Mann begnüge sich mit gerade mal 7000. Tatsächlich lässt sich keine seriöse Studie finden, die dies je über Tage hinweg bei ausreichend vielen Probanden gezählt hätte. Dort, wo der Wortschwall im Alltag wenigstens ansatzweise gezählt wurde, deuten die Ergebnisse sogar eher auf den Mann als Quasselstrippe.

Janet Hyde fand in der bisher größten Übersichtsuntersuchung zur Differenz zwischen Mann und Frau heraus, dass sich die Geschlechter tatsächlich in nur einem Fünftel von 124 untersuchten Talenten, Schwächen oder Gelüsten tatsächlich deutlich unterscheiden - darunter fanden sich rein physische Fähigkeiten wie die Wurfweite. Was angesichts der unbestritten größeren Muskelmasse der Männer nicht wirklich überrascht.

Was genau unterscheidet die Frau dann im Kern überhaupt noch vom Manne? "Lange nicht so viel, wie alle immer denken", sagt Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich. Das klingt ziemlich lapidar angesichts der Tragweite dieses kleinen Halbsatzes.

Wenn nämlich in beiden Geschlechtern im Grunde die gleichen Talente schlummern, was genau führt dann dazu, dass Studentinnen immer noch eklatant unterrepräsentiert sind in Disziplinen wie Mathematik und Physik? Und das, wo Mädchen bei Schulabschlüssen und Pisa-Fragen besser abschneiden als die Jungen?

Geschlechterpolitik wird mit Biologie gerechtfertigt

Wie lässt sich dann noch erklären, warum Wirtschaft wie Wissenschaft ihre Top-Positionen nur aus der einen, der männlichen Hälfte von Deutschlands Allerbesten rekrutieren? Obwohl fast die Hälfte aller Beschäftigten dem weiblichen Geschlecht angehören, gibt es in den Vorständen aller Dax-Unternehmen nur eine Frau. Und Forscherinnen besetzen nur 15 Prozent der Professuren und gerade mal 9 Prozent der C4-Stellen - ewiger Old Boys' Club. Währenddessen verwendet daheim die Architektin, die Studienstiftlerin, die habilitierte Biologin ihre Intelligenz darauf, Gluten aus dem Babybrei herauszuhalten.

Trotz der neuen Erkenntnisse von der Ähnlichkeit der Geschlechter beharren selbst gebildete Menschen auf der These vom großen, naturgewollten Unterschied. Die angebliche Macht der Biologie lässt sich nämlich prima dazu nutzen, Geschlechterpolitik zu legitimieren. So verkündete vor drei Jahren Larry Summers, damals Präsident der amerikanischen Elite-Uni Harvard, dass es dem Weibe wohl von Natur aus an Talent mangele für die exakten Wissenschaften. Denn die Tatsache, dass es so wenige brillante Frauen in jenen Fächern gebe, lasse sich "nicht leicht der Sozialisation zuschreiben".

In die gleiche Richtung gehen, wenn auch um ein Vielfaches provinzieller, Versuche wie der von Eva Herman, ihre Geschlechtsgenossinnen mit dem Biologieargument wieder zurück in den Dauerdienst an der Wiege zu schicken. So erzählt die selbsternannte Expertin, dass eine komplette Hirnregion bei Müttern vergrößert sei. Daher würden sie ihren Babys "mit wachsender Begeisterung" stundenlang Silben vorsprechen: "Sag mal Ma - ma, ma - ma, bis das Kind 'Mama' sagt".

Solche pseudowissenschaftlichen Anekdoten sind umso schwerer zu glauben, wenn man weiß, dass nicht einmal die Schwangerschaft "ausschlaggebend für die Bindung an menschliche Säuglinge ist", wie Melissa Hines erklärt, Neuropsychologin an der University of Cambridge. "Sonst würden Adoptivmütter weniger sichere Bindungen knüpfen als biologische Mütter." Das ist aber nachweislich nicht der Fall. Überhaupt ist der "Mutterinstinkt" weder instinktiv noch allen Müttern eigen, bemerkt die große amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in ihrem Monumentalwerk "Mutter Natur".

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© SPIEGEL special 1/2008
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Männer und Frauen: Gleicher als gedacht

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