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Design: Die Möblierung der Lust

Von Frank Thadeusz

Designer verheben sich regelmäßig bei dem Versuch, erotische Einrichtung zu gestalten. Eine Bilanz des Scheiterns.

Der Mensch gibt sich mitunter gerade dann der Lächerlichkeit preis, wenn es ihm besonders ernst ist. Schlagen zwischen einem Mann und einer Frau die Funken, kann es ernster kaum kommen.

Irgendwann kamen Designer allerdings auf die Idee, diesem fundamentalen Ereignis zwischen den Geschlechtern nicht recht über den Weg zu trauen. Sie fingen an, Einrichtungsgegenstände zu entwerfen, die den Gefühlsrausch der sich Liebenden noch gehörig anheizen sollten. So sind womöglich noch dem einen oder anderen die Kreationen des Möbel-Machos Luigi Colani aus den siebziger und achtziger Jahren in Erinnerung: Angetan von der weiblichen Anatomie rundete der Chefprotz sogar Waschbecken und Nasszellen in erotomaner Hingabe.

Wer einst bei diesen vergleichsweise ambitionierten Versuchen erotischer Steigbügelhalterei nicht in Wallung geriet, wird an der Gegenwart schwerlich größeren Gefallen finden. Denn unter etlichen Gestaltern scheint inzwischen ein ähnlicher Geist verbreitet wie jüngst bei der Autorin der "Feuchtgebiete", Charlotte Roche: Richtig sexy ist demnach nur, was fließt und platscht.

Doch welche Form der Lüsternheit verheißt etwa ein Sitzmöbel wie "Polifemo" - eine Zweisitzercouch, deren Rückenlehne einem in die Höhe ragenden Genital nachempfunden ist? Ein Fausthieb ins Gesicht mithin für jeden, für den sich Erotik am wirkungsvollsten in der zarten oder gar geistreichen Andeutung mitzuteilen hat.

Oder: Was mag Mario Philippona geritten haben, als er seine "Sexy Furniture" schnitzte? Zugegeben filigrane hölzerne Frauenbeine, die unten in gewagt hohen Stöckelschuhen enden, während oben ein rundliches Hinterteil nahtlos in einer Tischplatte mündet. Glaubt der Niederländer allen Ernstes, frustrierte Single-Männer würden mit einem lustvollen a tergo über den eigenen Wohnzimmertisch herfallen? Denn für ein Rendezvous ist das Möbel ungeeignet. Nach aller Erfahrung dürfte kaum eine Frau, die auf sich hält, sich an einen derartigen Tisch zum anregenden Dinner setzen.

In dieser Wüstenei der Unzweideutigkeit besticht beinahe jene von aller Schlüpfrigkeit befreite Gebrauchsprosa, mit der eine Schreinerei aus dem Rhein-Neckar-Raum eines ihrer Produkte bewirbt: "Das 'Hölzerne Pferd'", so ist zu lesen, "ist eine geniale Erweiterung unseres Wohnsystems. Es kann in jedes Möbel dieser Reihe integriert werden. Je nach Bedarf (strenge oder extrem strenge Erziehung) bieten wir den hölzernen Einsatz in spitzer oder stumpfer Form an. Auch ein Bezug aus Leder ist möglich. Dieser kann bequem gepolstert oder mit unangenehmen Nieten besetzt sein."

Schließlich beruhigt die Firma, ihr Meisterstück des Erotik-Designs sei "im alltäglichen Gebrauch des Möbels nicht sichtbar". Mit dieser Feststellung trifft das Unternehmen freilich den Nagel auf den Kopf: Geräte für sado-masochistische Praktiken wie das Hölzerne Pferd mögen zwar der stimulierenden Züchtigung des Partners dienen, haben aber als Gegenstand prominenter Möblierung der eigenen Potenz in der Wohnung nichts verloren.

Um wie viel leidenschaftlicher gestaltet sich wohl eine Liebesnacht, wenn sie sich in einem herzförmigen Bett mit Ledermatratze und goldenem Rahmen ereignet? Ob die Verantwortlichen von Möbel Höffner - ausgemachte Apologeten des Massengeschmacks - von dieser Frage bewegt waren, als sie die beschriebene Liegegelegenheit in ihr ansonsten durchweg konventionelles Programm aufnahmen?

Vermutlich überwog doch eher die Hoffnung, auf eine Goldader gestoßen zu sein. Doch schon hat sich das herzige Möbel in einen Problemfall verwandelt. "Das Bett verkauft sich ganz schlecht", staunt Geschäftsführer Thomas Dankert darüber, dass die Kundschaft ihren guten Geschmack noch nicht völlig verloren hat.

In einer Höffner-Filiale bei Hamburg hatte sich kürzlich gar ein Mitarbeiter offenbar auf eigene Faust auf brenzliges Terrain gewagt. Ein Bett mit Metallstäben hatte der Vorwitzige gleich mit Handschellen ausgestattet. Das von der Polizei wie von Anhängern des Marquis de Sade gleichermaßen geschätzte Instrument werde bei Kauf des Bettes nicht mitausgeliefert, beschied das Unternehmen auf Anfrage.

Womöglich erinnerte man sich in Erwartung versicherungstechnischer Usancen an jenen heiklen Fall aus einem deutschen Schlafzimmer: Ein Ehemann hatte zur Stimulation seine Frau an das Bett gekettet und sich selbst ein Superheldenkostüm übergezogen. Die erotische Dramaturgie schrieb nun einen Sprung vom Fensterbrett vor, um die vermeintlich Gefangene zu befreien. Dabei landete der tollpatschige Heroe allerdings nicht auf dem Bett, sondern mit dem Kopf auf dem Fußboden. Angesichts ihres in der Folge ausgeknockten Superdeppen blieb der Ehefrau nichts anderes übrig, als lauthals um Hilfe zu schreien.

Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand haken Frauen, statt sich von tölpelhaft versextem Interieur verführen zu lassen, bei der Besichtigung einer Kandidatenwohnung ohnehin einen eher praxisorientierten Fragenkatalog ab: Lagert im Kühlschrank nur gammelige Wurst und Bier, oder gibt das Kühlfach gesunde Biokost her? Wie ist das CD-Regal bestückt? Céline Dion neben Status Quo ist schon fast ein Ausschlusskriterium. Erschöpft sich das Bücherregal im Branchenbuch und einer Auswahl von Harry-Potter-Bänden? Hmmh.

Streng verboten sind überdies eine ausufernde Kuscheltiersammlung und allzu auffällig angebrachte Bilder der Ex. Eine fundamentale Uneinigkeit scheint unter Frauen allenfalls in der Bettenfrage zu bestehen: Gereicht dem Mann eine Matratze auf dem Boden eher zum Nachteil ("Igitt, mit Flusen und Wollmäusen auf Augenhöhe!"), oder wirkt die asketische Bettstatt gar besonders männlich?

Doch Obacht! Auch Frauen können schwer danebenliegen. Ästhetinnen werden an einer Schrankwand, einem gefliesten Wohnzimmertisch und beleuchteten Vitrinen mit Porzellanfiguren Anstoß nehmen. Weniger anspruchvolle Gemüter erheben erst bei kratziger Bettwäsche Protest.

Schlussendlich muss gleichwohl allen Schöpfern vermeintlich lustfördernder Einrichtungsgegenstände klargemacht werden, dass einzig und allein Mann und Frau selbst ein wahrhaft knisterndes Ambiente zu möblieren wissen. Der Romancier Ulrich Woelk hat dieser Einsicht Ausdruck verliehen, als er einen der Protagonisten des Buches "Liebespaare" sagen lässt: "Ihre Hüften müssen sein wie ein luftig aufgeklopftes Federkissen, in dessen Mitte man mit einem sanften Handkantenschlag zur Dekoration eine Kerbe gepufft hat."

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© SPIEGEL special 4/2008
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Erotik-Design: Hölzerne Sex-Phantasien


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