Der SPIEGEL

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18. November 2008, 00:00 Uhr

Frühe Jahre

"Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben"

Der Neurobiologe Gerald Hüther über die Lust am Spielen

SPIEGEL: Professor Hüther, der Bewegungsradius von Kindern, das Spielrevier, in dem sie sich frei bewegen können, wird immer kleiner. Wie wirkt sich das auf ihre Entwicklung aus?

Waldkindergarten (in Ilmenau): "Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden"
DPA

Waldkindergarten (in Ilmenau): "Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden"

Hüther: Kinder unter Daueraufsicht, die immer nur an der Hand von Erwachsenen umhergeführt werden, gleichen Haustieren, Stalleseln, die das Leben in der Freiheit nicht mehr kennen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unter diesen Bedingungen die Ausreifung des Gehirns nicht optimal gelingt. Das Gehirn bleibt eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können.

SPIEGEL: Was ist falsch daran, wenn sich die Eltern in die Aktivitäten des Kindes einmischen?

Hüther: Die Eingriffe der Erwachsenen sehen häufig so aus, dass das Kind den Mut am eigenen Gestalten und Entdecken verliert - Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben. Nehmen wir ein einjähriges Kind, das endlich aus fünf Holzklötzen einen kleinen Turm gebaut hat und darauf stolz ist. Dann kommt der Papa nach Hause und sagt: "Oh, hast du einen schönen Turm gebaut! Aber guck mal, der Papa kann einen noch größeren!" So etwas ist tödlich. Der Vater mischt sich ins Spiel ein, statt das Kind zu ermutigen, und verdirbt ihm so den Spaß am Turmbauen. Ein vorbildlicher Vater schickt das Kind auf seiner Suche nach Antworten auf den richtigen Weg. Kinder müssen von Erwachsen inspiriert werden, nicht angeleitet.

SPIEGEL: Wie können Eltern, die mit ihrem Kind mitten in einer Großstadt leben, noch inspirierend sein?

Hüther: Die Eltern können sich mit den Kindern aufs Fahrrad setzen und dorthin fahren, wo es etwas zu entdecken gibt. Keine Museen, sondern Schrottplätze, Müllhalden! Oder Wiesen, Bäche, Wälder - da gibt es viele Möglichkeiten. Eltern können sich auch zusammentun, können innerhalb ihres Wohnbereichs Räume schaffen, in denen die Kinder Dinge gestalten können. Denn das ist kindliches Spielen: gemeinsam Dinge gestalten, die nicht von Erwachsenen vorgeschrieben sind. Es gibt auch Kindergärten, in denen das versucht wird, beispielsweise die Waldkindergärten. Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden.

SPIEGEL: Statt mehr Freiheit wird - vor allem im schulischen Bereich - häufig mehr Disziplin im Umgang mit Kindern gefordert. Was halten Sie davon?

Hüther: Aus neurobiologischer Sicht - und das weiß auch jeder Pädagoge, der das Herz an der richtigen Stelle hat - führt mehr Disziplinierung nicht zu mehr Disziplin, sondern lediglich zu Gehorsam, wenn überhaupt.

Wer Disziplin will, muss Kindern die Möglichkeit geben, den Nutzen von Disziplin zu erfahren. Sie sollten Gelegenheit bekommen, eine selbstgestellte Aufgabe zu lösen, etwa ein Baumhaus zu bauen. Dabei erfahren sie, dass man das nicht hinkriegt, wenn man sein Werkzeug nicht zurechtlegt und nicht vorher einen genauen Plan gemacht hat. Kinder müssen eingeladen werden, sich als Weltentdecker und Gestalter dieser Welt zu betätigen - und das können sie am leichtesten im Spiel, nicht im Unterricht.

SPIEGEL: Schule gilt heute als Institution, in der Kinder Dinge lernen, die sie für ihr späteres Leben benötigen.

Hüther: Die meisten Eltern, viele Schulen und wahrscheinlich sogar einige Kultusbehörden haben noch nicht mitbekommen, dass die Wirtschaft und auch die Hochschulen am schlimmsten darunter leiden, dass dort junge Leute ankommen, die nicht genug Motivation mitbringen. Sie haben die Lust am Entdecken und Gestalten hoffnungslos verloren.

Wir versuchen immer, den Kindern in der Schule Sachwissen beizubringen. Dabei haben Pädagogen schon vor hundert Jahren darauf hingewiesen, dass es nicht darauf ankommt, einfach nur die Kulturgüter an die Kinder weiterzugeben, sondern darauf, in den Kindern immer wieder neu den Geist zu wecken, der die Kulturgüter hervorbringt.

Das heißt, am Ende ginge es in unseren Schulen nicht primär darum, dass alle perfekt Mathe, Englisch und Deutsch oder sonst was können, sondern dass sie begeisterte Lerner und Entdecker dessen sind, was Mathe, Englisch und Deutsch beinhaltet. Das ist etwas völlig anderes. Schon die alten Griechen haben gesagt: Es geht nicht darum, Fässer zu füllen, sondern Fackeln anzuzünden.

Das Interview führte Felix Zeltner

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