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Frühe Jahre: "Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben"

Der Neurobiologe Gerald Hüther über die Lust am Spielen

SPIEGEL: Professor Hüther, der Bewegungsradius von Kindern, das Spielrevier, in dem sie sich frei bewegen können, wird immer kleiner. Wie wirkt sich das auf ihre Entwicklung aus?

Waldkindergarten (in Ilmenau): "Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden"
DPA

Waldkindergarten (in Ilmenau): "Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden"

Hüther: Kinder unter Daueraufsicht, die immer nur an der Hand von Erwachsenen umhergeführt werden, gleichen Haustieren, Stalleseln, die das Leben in der Freiheit nicht mehr kennen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unter diesen Bedingungen die Ausreifung des Gehirns nicht optimal gelingt. Das Gehirn bleibt eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können.

SPIEGEL: Was ist falsch daran, wenn sich die Eltern in die Aktivitäten des Kindes einmischen?

Hüther: Die Eingriffe der Erwachsenen sehen häufig so aus, dass das Kind den Mut am eigenen Gestalten und Entdecken verliert - Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben. Nehmen wir ein einjähriges Kind, das endlich aus fünf Holzklötzen einen kleinen Turm gebaut hat und darauf stolz ist. Dann kommt der Papa nach Hause und sagt: "Oh, hast du einen schönen Turm gebaut! Aber guck mal, der Papa kann einen noch größeren!" So etwas ist tödlich. Der Vater mischt sich ins Spiel ein, statt das Kind zu ermutigen, und verdirbt ihm so den Spaß am Turmbauen. Ein vorbildlicher Vater schickt das Kind auf seiner Suche nach Antworten auf den richtigen Weg. Kinder müssen von Erwachsen inspiriert werden, nicht angeleitet.

SPIEGEL: Wie können Eltern, die mit ihrem Kind mitten in einer Großstadt leben, noch inspirierend sein?

Hüther: Die Eltern können sich mit den Kindern aufs Fahrrad setzen und dorthin fahren, wo es etwas zu entdecken gibt. Keine Museen, sondern Schrottplätze, Müllhalden! Oder Wiesen, Bäche, Wälder - da gibt es viele Möglichkeiten. Eltern können sich auch zusammentun, können innerhalb ihres Wohnbereichs Räume schaffen, in denen die Kinder Dinge gestalten können. Denn das ist kindliches Spielen: gemeinsam Dinge gestalten, die nicht von Erwachsenen vorgeschrieben sind. Es gibt auch Kindergärten, in denen das versucht wird, beispielsweise die Waldkindergärten. Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden.

SPIEGEL: Statt mehr Freiheit wird - vor allem im schulischen Bereich - häufig mehr Disziplin im Umgang mit Kindern gefordert. Was halten Sie davon?

Hüther: Aus neurobiologischer Sicht - und das weiß auch jeder Pädagoge, der das Herz an der richtigen Stelle hat - führt mehr Disziplinierung nicht zu mehr Disziplin, sondern lediglich zu Gehorsam, wenn überhaupt.

Wer Disziplin will, muss Kindern die Möglichkeit geben, den Nutzen von Disziplin zu erfahren. Sie sollten Gelegenheit bekommen, eine selbstgestellte Aufgabe zu lösen, etwa ein Baumhaus zu bauen. Dabei erfahren sie, dass man das nicht hinkriegt, wenn man sein Werkzeug nicht zurechtlegt und nicht vorher einen genauen Plan gemacht hat. Kinder müssen eingeladen werden, sich als Weltentdecker und Gestalter dieser Welt zu betätigen - und das können sie am leichtesten im Spiel, nicht im Unterricht.

SPIEGEL: Schule gilt heute als Institution, in der Kinder Dinge lernen, die sie für ihr späteres Leben benötigen.

Hüther: Die meisten Eltern, viele Schulen und wahrscheinlich sogar einige Kultusbehörden haben noch nicht mitbekommen, dass die Wirtschaft und auch die Hochschulen am schlimmsten darunter leiden, dass dort junge Leute ankommen, die nicht genug Motivation mitbringen. Sie haben die Lust am Entdecken und Gestalten hoffnungslos verloren.

Wir versuchen immer, den Kindern in der Schule Sachwissen beizubringen. Dabei haben Pädagogen schon vor hundert Jahren darauf hingewiesen, dass es nicht darauf ankommt, einfach nur die Kulturgüter an die Kinder weiterzugeben, sondern darauf, in den Kindern immer wieder neu den Geist zu wecken, der die Kulturgüter hervorbringt.

Das heißt, am Ende ginge es in unseren Schulen nicht primär darum, dass alle perfekt Mathe, Englisch und Deutsch oder sonst was können, sondern dass sie begeisterte Lerner und Entdecker dessen sind, was Mathe, Englisch und Deutsch beinhaltet. Das ist etwas völlig anderes. Schon die alten Griechen haben gesagt: Es geht nicht darum, Fässer zu füllen, sondern Fackeln anzuzünden.

Das Interview führte Felix Zeltner

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Forum - Spielen unter Daueraufsicht - sind Eltern zu vorsichtig?
insgesamt 257 Beiträge
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1.
Tobhecht, 25.11.2008
---Zitat--- "Oh, hast du einen schönen Turm gebaut! Aber guck mal, der Papa kann einen noch größeren!" So etwas ist tödlich. ---Zitatende--- Na na! Also jetzt wolln wirs mal nicht übertreiben! Kinder lernen bekanntlich auch durch Nachahmung ihrer Vorbilder. Sie sind begeistert, wenn Papa oder Mama ihnen etwas zeigen und ihnen neue Möglichkeiten vorleben.
2. Nette Utopie
Hercules Rockefeller, 25.11.2008
Natürlich hat Herr Hüther recht! Aber Aufgabe von Eltern ist nunmal nicht nach dem neurobiologischen Ideal zu erziehen, sondern anhand der gegebenen Umweltbedingungen. Solange unsere Bildungsinstitute und die Wirtschaft keinen gesunden, selbstdenkenden und selbstzufriedenen Menschen die Türen öffnet, solange muss man die Kinder eben zu soziopathischen, ängstlichen Klugscheißern erziehen. Was bringt es denn, wenn man da eine Fackel heranzieht, die dann nur einen Notendurchschnitt von Drei oder schlechter auf dem Papier hat. So jemand kommt nicht auf die Uni und auch garnicht erst zum Vorstellungsgespräch-so sieht es nunmal leider aus. Und die meisten von uns sind nunmal auf Erwerbsarbeit angewiesen bzw. haben nicht das Geld, gleich mit eigenen Ideen durchzustarten. Es gibt also keine Wahl bei der Erziehung.
3. Geduckte Eltern - geduckte Kinder
freedomofspeech, 25.11.2008
Die Eltern können nur das weitergeben, was Sie selbst sind. Und da bundesdeutsche Eltern zum großen Teil selbst nur Haustiere sind, die glücklich über ihre erworbenen Kunststückchen sind, geben sie die dafür notwendige Unterwürfigkeitshaltung an ihre Kinder weiter. Die können ja auch gar nicht anders. Wer Dankbarkeit über die Gnade zivilisatorische Kunststückchen beigebracht bekommen zu haben empfindet, geht mit dieser Dankbarkeit an die Dressur der eigenen Kinder. Und weils im eigenen Leben nicht viel mehr gibt, als die Weitergabe der Demut, gehört natürlich ein ausgepräger Drang dazu, diesen Lebnssinn zu hüten und in Form des gegängelten Nachwuchses auch so weit es geht zu beschützen. Mehr als funktionierende Marionetten müssen in der Konsumgesellschaft ja auch nicht herauskommen. Ein paar Alphatiere als Ausnahmeerscheinungen reichen ja aus. Mein Vorschlag: Ganztaqshelmpflicht für alle Kinder!
4.
Hercules Rockefeller, 25.11.2008
Zitat von TobhechtNa na! Also jetzt wolln wirs mal nicht übertreiben! Kinder lernen bekanntlich auch durch Nachahmung ihrer Vorbilder. Sie sind begeistert, wenn Papa oder Mama ihnen etwas zeigen und ihnen neue Möglichkeiten vorleben.
Also ich würde so jemanden als "Arschloch" bezeichnen, Vater hin oder her. Ist ja nix anderes, als wenn Ben Johnson zu den Paralympics geht und ruft "Guckt mal ihr Nasen, ich kann noch schneller!". Davon hat ein Kind überhaupt nix, ausser einem kaputten Selbstbewusstsein. Es lernt dadurch nur, das egal was es macht, es reicht nicht aus. Am Ende macht es dann garnix mehr. Oder alle anderen sind Konkurrenten. Da wird der "Minderleister Papa" dann eben ins Altenheim aussortiert, wenn er nicht mehr die Leistung bringt...
5. besorgniserregende Entwicklung
simie 25.11.2008
Das Problem sind nicht nur die Eltern. Wo können denn Kinder heute noch spielen? Wenn selbst Kitas gerichtlich vorgeschrieben wird, wann die Kinder im Garten spielen können, da sie angeblich eine störende Lärmquelle sind. Der öffentliche Raum ist doch zu großen Teilen für Kinder zur Tabuzone erklärt worden. Entweder ist er für Kinder nicht geeignet oder er wird stark reglementiert.
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