Auf dem Schulweg "Schule ist für Kinder da"

Der Schweizer Arzt und Kinderforscher Remo Largo über Lehrer, die ihre Schüler mögen, unsinnige Bildungsstandards und die Bedeutung sozialer Kompetenz.


SPIEGEL: Herr Professor Largo, wie wichtig ist es für die Bildungsentwicklung, als Kind Geborgenheit, Zuwendung und feste Bindungen erlebt zu haben?

Ob Doktorspiele oder kleines Einmaleins: Bleibende Erfahrungen machen Kinder oft aus eigenem Antrieb
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Ob Doktorspiele oder kleines Einmaleins: Bleibende Erfahrungen machen Kinder oft aus eigenem Antrieb

Largo: Sich geborgen fühlen und angenommen zu sein sind Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Lernen. Aber in der Schule sind solche Emotionen oft regelrecht tabu. Das ist nicht kindgerecht. Eltern haben eigentlich ein ganz gesundes Empfinden: Ein guter Lehrer ist einer, der Kinder gern hat und mit Kindern gut umgehen kann. Das klingt banal ...

SPIEGEL: ... aber das spielt doch schon bei der Berufswahl kaum eine Rolle.

Largo: Leider wahr. Es gibt zwar auch Lehrer, die diese Grundbedingung mitbringen, aber methodisch, didaktisch im Unterricht versagen. Kinder zu mögen ist also keine Garantie für guten Unterricht. Wenn dem Lehrer diese Voraussetzung allerdings fehlt, haben die Kinder ein Problem und der Lehrer auch.

SPIEGEL: In Bayern, das sich gern als deutsches Musterland sieht, wechseln die Kinder alle zwei Jahre, oft jedes Jahr den Lehrer. Das gilt als gute Vorbereitung auf eine globalisierte Welt, in der wir flexibel sein müssen für den Arbeitsmarkt.

Largo: Das kann man so behaupten. Aber im Grunde genommen ist das eine emotionale Misshandlung, man kann auch sagen: eine Vernachlässigung der Kinder. Da wird ein Grundbedürfnis einfach missachtet. Wenn wir nachschauen, warum manche Klassen völlig aus dem Ruder laufen, ist ein häufiger Grund intensiver Lehrerwechsel. Weil die Kinder irgendwann nicht mehr bereit sind, sich zu binden, sind sie auch nicht mehr führbar. Geborgenheit und soziale Akzeptanz sind verhaltensbiologische Notwendigkeiten für ein gutes Lernklima. Vielleicht dauert es noch ein Weilchen, aber irgendwann werden auch die Vertreter einer Hochleistungspädagogik darauf kommen.

SPIEGEL: Welchen Rang räumen Sie dem Intelligenzquotienten für die geistige Entwicklung ein?

Largo: Die Lernbereitschaft ist nicht abhängig vom IQ. Eine wichtige Voraussetzung ist die Beziehung. Das hat mit Wohlfühlpädagogik nichts zu tun, das hat schon die berühmte Studie des englischen Kinderforschers Michael Rutter 1979 wissenschaftlich bewiesen.

SPIEGEL: Sie fächern die Intelligenz in sechs Kompetenzen auf. Welchen Rang nimmt hierbei die soziale Kompetenz ein?

Largo: Manche Politiker teilen die Welt ein in Bildung, wofür die Schule zuständig sei, und in Erziehung, die Ausbildung der sozialen Kompetenz in der Familie. Das geht völlig an der Realität vorbei. Erstens: Die Kleinfamilie schafft allein die Sozialisation des Kindes nicht mehr. Zweitens: Die Kinder verbringen bis zu 15.000 Stunden in der Schule. Sie werden da zwangsläufig sozialisiert. Wir können uns dann nur noch darüber unterhalten, wie.

SPIEGEL: In den Jahren nach 1968 wurde der sozialen Kompetenz mehr Aufmerksamkeit als zuvor gewidmet. Hat sich das unter dem Eindruck der Pisa-Studien und anderer Leistungstests geändert?

Largo: Das Interesse der Wirtschaft an der sozialen Kompetenz hat stark zugenommen. Konfliktfähigkeit, Verantwortung übernehmen, Teamfähigkeit, das sind Voraussetzungen, die in den Stellenanzeigen obenan stehen. Die Schule hat noch nicht kapiert, dass die Kinder diese Fähigkeiten als Erwachsene nicht mitbringen werden, wenn die Schule sie dazu nicht erzieht. So was kann man nicht in der Kleinfamilie lernen.

SPIEGEL: Was sagen Tests wie Pisa über die Qualität von Bildung und Ausbildung aus?

Largo: Die Pisa-Studien sind methodisch erstaunlich gut gemacht und haben politisch die Einsicht erbracht, dass Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien im deutschsprachigen Raum deutlich benachteiligt sind. Aber: Wer meint, man müsse nun national oder in den Bundesländern, in einzelnen Schulen und für jedes Kind Standards einführen und hätte damit auch gleich die Qualität von Bildung verbessert, ist auf dem Holzweg. Dadurch wird nur der formale Wettbewerb angeheizt.

SPIEGEL: Heutzutage geraten Eltern und Kinder häufig schon in der Grundschule in Leistungsstress. Notendurchschnitte, Förderunterricht, Nachhilfe - das alles wird immer weiter nach vorn verlagert.

Largo: In Bayern brüsten sich die Minister sogar damit, dass nach der Grundschule die Noten besonders gut seien. Das ist wirklich tragisch und zeigt nur, dass viele Leute die Pisa-Resultate nicht verstehen. Die Vergleiche beziehen sich immer auf den Durchschnitt, aber Mittelwerte sagen doch überhaupt nichts über die große Streubreite der individuellen Leistungsfähigkeit aus.

Forum - Bildung oder Bindung - Was will ich, was das Kind soll?
insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 18.11.2008
1.
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich kenne diesen Wunsch aus der Hundeerziehung, da wird ein Superhund gekauft, der bekommt dann die Erziehung aufgedrückt, die von allen "Sachverständigen" anempfohlen wird. Da wird die Intelligenz des Hundes kontrolliert, ohne die Grundlagen von Vertrauen und Familienstrich zu bedenken. Bei Kindern ist das genau so, Kinder werden zum Statussymbol, spielen nur noch mit Lernspielzeug, sollen nur noch Wunderkinder sein und wenn sie die Eltern enttäuschen, weil sie noch nicht dem Standard entsprechen, werden sie verlassen. Zeit wird nicht investiert, besonders nicht, wenn der "Erfolg" ausbleibt. Das ist ein Rollenspiel, bei dem von Außen die Ansprüche festgelegt werden. Eltern sind Laien, die die Talente ihrer Kinder gar nicht beurteilen können. Selbst Fachleute haben Schwierigkeiten Talente zu erkennen. Eltern, die auch eigene Wünsche haben, sind damit überfordert, sie sollten ihre Kinder lieben, dass ist das, worauf sich Kinder und Eltern stützen können, auf Wünsche kann man nicht aufbauen. MfG. Rainer
Reziprozität 18.11.2008
2.
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich bin da ganz bei den Experten. Wenn Eltern, aus womöglich hehren Motiven ihren Kindern die unbeschwerte Kindheit rauben, dann sollte es Mittel geben ihnen in den Arm zu fallen. Früheinschulungen verhindern, die Fünfjährigen können ja vielfach noch nicht einmal den Füllfederhalter richtig halten. Aufgeräumt gehört vielmehr das "Kuschelbiotop Grundschule", da werden doch in der Regel die Weichen falsch gestellt.
MonaM 18.11.2008
3. Kindheitsdiebstahl
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich bin der - auch aus Erfahrung genährten - Überzeugung, dass Kleinkinder vor allem zwei Dinge brauchen: Viel liebevolle Zuwendung und viel zeitlichen Freiraum für das freie, unreglementierte Spiel. Die besten Spielkameraden sind natürlich die Eltern (Mutter _und_ Vater), andere vertraute Betreuungspersonen und Gleichaltrige. Spielen ist für Kinder sowieso eine ernste und lehrreiche Sache. Bis mindestens zum 5. Lebensjahr sollte es keine "Beschulung" der Kleinen geben, je nachdem auch bis zum tatsächlichen Schuleintritt nicht. Wer Kleinkinder zu Schülern macht, stiehlt ihnen die Kindheit.
DJ Doena 18.11.2008
4.
Auf der einen Seite kann man Kindern nicht zu früh zu viel zumuten, auf der anderen Seite finde ich es verschwendete Lebenszeit, wenn Kinder nach der dritten Klasse immer noch Probleme mit dem Alphabet haben, geschweigen denn mit diesen Problemen von der Hauptschule abgehen. Eltern dürfen ihren Kindern nicht zu viel abverlangen, sonst endet das in Selbstmordraten á la Japan. Aber endlos schleifen kann man es auch nicht lassen. Man versucht ja seinen Kindern nicht etwas beizubringen, damit diese dann für die Rente der Eltern sorgen können, sondern damit sie auf eigenen Beinen im Leben stehen können. Was hab ich davon Kindern 18 Jahre Kindheit zu gönnen, nur um sie dann in 55 Jahre Elend zu stürzen, weil sie nicht auf eine wissensbasierte Arbeitswelt vorbereitet sind?
DJ Doena 18.11.2008
5.
PS: Was für mich jenseits aller Diskussionswürdigkeit dazugehört, ist, dass die Kinder die Sprache altersgemäß beherrschen müssen, mit der sie in der Schule konfrontiert werden. Und zwar müssen sie diese (wieder: altersgemäß) beherrschen, _bevor_ sie die erste Klasse erreichen. Wenn man diese Vorraussetzung nicht als notwendig einsieht, kann man sich die Einschulung auch gleich sparen, denn viel sinnvolles wird dann eh nicht bei rauskommen.
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