Krisenkinder Ganz unten

Von Dialika Krahe

2. Teil: "Ich habe Kohle gebraucht"


Anna K. ist ein nachdenklicher Mensch, sie liest viel, schreibt Tagebuch, hat jeden Tag der letzten zwei Jahre dokumentiert: "Hier", sagt sie, zeigt auf ein Kästchen, "8 Uhr Arbeitsamt", hat sie dort mit blauem Fineliner hineingekritzelt. Sie fährt mit dem Finger über die Spalten, "Kredit" steht da, "Mietrückstand".

Es ist die Dokumentation eines langsamen Abrutschens, zwei Jahre Erosion. Abgelehnte Bewerbungen, Projektarbeit, zu lange Leerphasen zwischen den Jobs. Dann: die Rate für den Studienkredit, die ersten Mieten im Rückstand, Schulden bei der Videothek, Inkassobriefe. Schließlich rutschte ihr der Alltag weg. "Ich habe Kohle gebraucht", sagt sie, "ich hatte keine Zeit mehr, darauf zu warten."

Sie zündet sich eine Zigarette an. Dann erzählt sie, wie das Leben ihr abschmierte, Auslandsjahr, Abi, Studium, Praktika, und wie sie im Rotlicht landete.

"Ich hatte auf einmal richtig Existenzangst"

Es ist der 2. Januar 2007, kurz nach Ende ihres Studiums: Auf den Straßen liegen noch die festgetretenen Böller der Silvesternacht, und Anna K. steht zum ersten Mal in ihrem Leben auf dem Arbeitsamt St. Pauli. Säufer treffen sich hier, Verzweifelte.

"Die Geldnot kam so schnell", sagt sie, "ich hatte noch nicht einmal meine Studienunterlagen vom Schreibtisch geräumt." Als Studentin hatte sie als Kabelträgerin beim NDR gearbeitet, jetzt aber kündigt ihr der NDR, ihre Haupteinnahmequelle, weil sie keine Studentin mehr ist, schlagartig ist ihr Dispo am Limit. Auf ihre Bewerbungen gibt es noch keine Antworten; den Studienkredit muss sie trotzdem monatlich abbezahlen, 150 Euro, die Miete, 300 Euro, die Telefonrechnung, den Kaffee mit Freunden.

Jetzt also Hartz IV. Sie schaut sich um: Da steht ein Obdachloser neben ihr, stinkt, pöbelt, er brauche Futter für seinen Hund. "Ich hatte auf einmal richtig Existenzangst", sagt Anna, "das Leben, wie ich es kannte, war in diesem Moment vorbei."

Sie wartet monatelang auf den versprochenen Vertrag

Drei Monate vergehen, das Geld hilft, ist aber nie genug. In ihren Kalender schreibt sie: "Dauerauftrag Miete stoppen!!!"; "50 Euro an Sabrina, 150 an Barbara". Nach und nach trudeln Absagen auf ihre Bewerbungen ein. "Sie waren unter den letzten drei, leider mussten wir uns doch für jemand anderen entscheiden."

Anna K. schickt weiter Anschreiben raus, für große Magazine, kleine Magazine, für Lokalzeitungen, überregionale Zeitungen, für Volontariate, Festanstellungen. Dann, nach dreieinhalb Monaten Warten, Mietrückstand, Antrag auf Hartz IV, ist es endlich so weit: Eine Sekretärin der "Financial Times Deutschland" ruft an.

Sie spricht von Praktikum, bezahlt, "im April kannst du anfangen". Das ist es, denkt Anna K, ab jetzt Journalistin: Sie schreibt, liest endlich ihren Namen in der Zeitung. Die Redakteure bieten ihr an, als freie Autorin für sie zu schreiben. Einer empfiehlt sie für ein Volontariat bei einem Lifestyle-Magazin. Und tatsächlich: Sie bekommt eine mündliche Zusage, Tarifgehalt, der Vertrag komme bald per Post.

"Anna war ein Zombie", sagt eine Freundin

Doch die Wochen vergehen, und der Vertrag kommt nicht. Anna K. schaut in den Briefkasten, ruft an, wird von der Sekretärin vertröstet. Im September sagen sie ihr ab. Der Chefredakteur habe gewechselt, Geldschwierigkeiten, heißt es, man wisse nicht, ob man überhaupt noch Volontäre nehme.

Anna K. ist wieder pleite, sie fängt an zu kiffen. Ein weiteres schlechtbezahltes Praktikum kann sie sich jetzt nicht mehr leisten. Das Geld, das sie als freie Mitarbeiterin verdient, ist lächerlich gering. Wahrscheinlich war es naiv von ihr zu glauben, dass sie nach der Schule eine Anstellung finden könnte, die zu ihrer Berufsausbildung passt. Wahrscheinlich passt dieser Wunsch einfach nicht mehr in die heutige Zeit.

Sie bringt jetzt Pfandflaschen weg, um sich Bier und Briefmarken kaufen zu können. Abends besucht sie eine Freundin, die im Restaurant arbeitet, um bei ihr zu essen. Die sagt später: "Anna war ein Zombie. Ich hab sie noch nie so fertig gesehen." Sie macht jetzt nur noch Gelegenheitsjobs, Marktforschung für Joghurt, Damenbinden; sie lässt sich von einer Bekannten für ein Sat.1-Magazin filmen: 300 Euro für den großen BH-Test.

Anna K. ist jetzt keine Journalistin mehr.

Ende des Jahres steht sie wieder vor dem Arbeitsamt. Anfang Januar trifft sie die Studentin, die sie ins Telefonsex-Business bringt: "Ich hätte da einen Job", sagt das Mädchen, "Frauen und Männer in einer Flirtline verbinden." Von Telefonsex spricht es nicht.

© SPIEGEL special 1/2009
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