Von Michaela Schiessl
Wer sich seriös mit Humor beschäftigt, hat nicht viel zu lachen, das macht Willibald Ruch jedem Besucher gleich zu Anfang klar: Eine Plage sei es, klagt der 52-Jährige, dass er ständig nach seinem Lieblingswitz gefragt werde. Als wäre er ein Scherzbold, ein Komiker, ein Kalauerkönig.
Ist er aber nicht. Der Mann ist Professor für Psychologie an der Universität Zürich. Er forscht allen Ernstes über Freude, Lachen und Humor. Und damit jeder kapiert, dass er einem Witz allenfalls analytisch zu Leibe rückt, gibt er sich gern ein wenig spröde.
Was irgendwie überraschend wirkt angesichts seines optimistischen Forschungsobjekts. Ruch ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Positiven Psychologie, einer jungen, boomenden Fachrichtung, die sich mit den guten Seiten der menschlichen Psyche befasst. "Wir erforschen, was bislang vernachlässigt wurde: das Aufblühen der Menschen", sagt Ruch.
Statt die Defekte der Seelen zu thematisieren, setzt die Positive Psychologie an den Stärken an. Diese zu trainieren, so glauben die Anhänger der Lehre, führe zu weitaus mehr Lebenszufriedenheit als die ständige Korrektur der vermeintlichen Schwächen. Glück basiere auf einer Art optimistischer Selbstbeschreibung, und die sei erlernbar, für jedermann.
Glück ist machbar, Herr Nachbar!
Gilt er also doch, der alte Sponti-Spruch: Glück ist machbar, Herr Nachbar? Ja, sagt Ruch. "Glück hängt weniger von materiellen Verhältnissen ab als vom Charakter. Man kann sich Glück erarbeiten, es ist keine Frage des Schicksals."
Natürlich gilt das nicht für Menschen, die in Armut leben und täglich um ihre Existenz kämpfen müssen. Doch schon ab einer relativ niedrigen Einkommensschwelle, das ist empirisch belegt, hat das Vermögen keinen Einfluss mehr auf das gefühlte Glück.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass dieser daseinsfreudige Zweig der Psychologie in Zeiten höchsten Wohlstands erfunden wurde. Die New Economy war auf ihrem Höhepunkt, als der Depressionsforscher Martin Seligman 1999 einen aufsehenerregenden Vortrag hielt. Der damalige Präsident der American Psychological Association stellte auf einem Kongress das Konzept der Positiven Psychologie vor. Und traf nicht nur auf offene Ohren, sondern schlichtweg auf Begeisterung. Wie befreit schienen die Psychologen von der Idee, sich, neben all den Abgründen, auch mal mit der freudigen Seite der menschlichen Psyche zu befassen. Nicht das Unbewusste nach Sigmund Freud ist hierbei entscheidend, sondern das Bewusste. In kürzester Zeit erhielt Seligman 30 Millionen Dollar für weitere Forschungen.
Der Zeitgeist war getroffen. Auf der einen Seite eine Gesellschaft, der trotz Reichtums das Glück abhandengekommen war, auf der anderen Seite eine Wissenschaft, die zu lange schon zu einseitig forschte. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nämlich hatte sich die Psychologie der Seelenkranken angenommen. Nun, endlich, würde sie sich auch ums Gemüt der Gesunden kümmern. Denn obwohl 70 Prozent der Menschen nie unter einer psychischen Krankheit leiden, sind sie nicht automatisch zufrieden. Die Abwesenheit von Depression ist nicht Glück, sondern Leere, sagt Seligman. Die mit etwas Positivem zu füllen, ist eine der Aufgaben der Positiven Psychologie.
Dass Seligman zum Vater der Positiven Psychologie wurde, hat er vor allem seiner Tochter zu verdanken. Das fünfjährige Kind sollte eines Tages mit Daddy im Rosengarten Unkraut jäten. Doch statt artig zu rupfen, tanzte es fröhlich im Blumenbeet herum und spielte mit Schnecken. Ihr Vater, berüchtigt für seinen kurzen Geduldsfaden, schrie sie an.
Etwas altklug erklärte ihm seine Tochter: Jahrelang sei sie eine Heulsuse gewesen, bis sie eines Tages beschlossen habe, von nun an nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit loszugreinen. "Das war das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Und wenn ich aufhören kann zu weinen, kannst du auch aufhören, zu schimpfen und zu schreien."
Heule nicht, handle - die Idee gefiel Seligman. Sollte es dem Menschen möglich sein, aus seiner vermeintlichen Vorbestimmung auszubrechen? Ist Glück erlernbar? Was überhaupt ist guter Charakter?
Das Wort Charakter im wissenschaftlichen Kontext zu verwenden galt seinerzeit schon als ketzerisch. Wegen seiner wertenden Komponente war der Begriff seit langem aus der Forschung verbannt worden. Erst durch Seligman wurde die Kategorie wissenschaftlich wieder gesellschaftsfähig.
Mit welchen Mitteln erreicht man das Glück?
"Das neue Feld der Positiven Psychologie hat den Begriff Charakter wieder in den Mittelpunkt gestellt, ihn ungeniert zu einer der Grundsäulen der neuen Lehre erhoben und ihm eine zentrale Bedeutung für das Verständnis des psychologisch guten Lebens gegeben", sagt Seligmans Kollege Christopher Peterson. Seine Definition: "Charakter bezieht sich auf jene Aspekte der Persönlichkeit, die moralisch geschätzt werden. Der Positiven Psychologie geht es mithin um solche Charaktereigenschaften, die im Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit stehen."
Die Wissenschaftler arbeiteten sich durch die historische, philosophische, religiöse, ethische und psychologische Literatur und identifizierten schließlich zwei Dutzend dieser positiven Charaktereigenschaften. Zuvor benannten sie drei Schlüsselkriterien, von denen menschliches Glück abhängt: Engagement, Lebenssinn und Hedonismus, also das lustvolle Erleben. Am glücklichsten sind demnach jene Menschen, die ihr Leben aktiv gestalten, die Lebensfreude kultivieren und einen höheren Sinn in ihrem Dasein finden. Doch mit welchen Mitteln erreicht man diesen Zustand?
Die Wissenschaftler entdeckten, dass in jeder Gesellschaft, ob bei den Eingeborenen in Papua-Neuguinea oder den Bürgern von New York City, sechs stark ethisch geprägte Grundtugenden hoch geschätzt werden: Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Transzendenz. Sie sind so grundlegend für die menschliche Natur wie der aufrechte Gang, sagen die Positiven Psychologen.
Im nächsten Schritt ordneten die Forscher diesen Tugenden 24 Charakterstärken zu, die alle in einem Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit stehen. Zum Wissen etwa gehören die Charakterstärken Kreativität, Neugier, Urteilsvermögen, Liebe zum Lernen und Weisheit. Dem Mut wurden Authentizität, Tapferkeit, Ausdauer und Enthusiasmus zugeteilt.
Menschlichkeit wird geprägt durch Freundlichkeit, Bindungsfähigkeit und soziale Intelligenz, Gerechtigkeit durch Fairness, Teamwork und Führungsvermögen. Wer Mäßigung walten lassen will, sollte Vergebungsbereitschaft zeigen, Bescheidenheit, Vorsicht und Selbstregulation. Und zur Transzendenz gehören Charakterstärken, die Sinn stiften und uns einer höheren Macht näherbringen: Dankbarkeit, Hoffnung, Humor, Spiritualität und der Sinn für das Schöne.
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Ich verstehe nicht ganz, warum dieser Artikel hier so heruntergemacht wird. Er sagt ja gar nicht, dass jetzt jeder lernen muss, jederzeit "happy" zu sein. Sondern weist darauf hin, dass die derzeit übliche Lehrmeinung [...] mehr...
Ist doch ein passender Artikel in der jetzigen Zeit. Kurz bevor die Massenarbeitslosigkeit voll durchschlägt, werden schon mal Durchhalteparolen ausgegeben. Also Leute: Augen zu und durch und immer schön freundlich bleiben dabei. [...] mehr...
Ein guter Artikel. Man kann sich vieles antrainieren doch wer sich seiner SELBST nicht bewusst ist wird nicht wirklich glücklich und frei sein können. Ich kenne sehr viele Menschen wo man meint die hätten das Glück alles zu [...] mehr...
Volltreffer! Wenn ich daran denke wie ich von dem Erfolgsphilosophiegelaber Marke Dale Carnegie und Ratelband gequält fast zum Erzmisanthropen mutiert wäre.. Ich werde allein um diesen kokainverschnieften geistigen Müll zu [...] mehr...
Muss man alle 5 Jahre das Rad in den Medien neu entdecken? Glücksgefühle hat man nicht ständig, genausowenig man einen Dauerorgasmus 365 Jahre hintereinander weg hat. Heulen tut gut, werden die Gifte im Körper ausgespült. Sein [...] mehr...
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