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21.04.2009
 

Denken und fühlen

Zwei Leben lang Liebe

Von Bettina Musall

3. Teil: Die Frage, wen man warum abkriegt

Schon lange wissen Biologen, dass die Sexualität gar nicht nötig ist, um Nachwuchs zu zeugen. Manche Lebewesen vermehren sich ungeschlechtlich durch Teilung, Sprossung, Knospung, Abschnürung oder gar eingeschlechtlich wie manche Echsen, durch Jungfernzeugung.

Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther, der seit Jahrzehnten zwischen Kortex, Hirnanhangdrüse und gesundem Menschenverstand das Zusammenspiel von Geist, Gefühl und Verhalten ergründet, wartet mit Erkenntnissen auf, die das Liebesleben auch nicht einfacher machen. "Die unterschiedlichen Geschlechter", so Hüther, "sind nicht für den Sex gemacht, und der Sex dient nicht der Fortpflanzung." Verliebtheit und Liebe will Hüther ungern in einem Atemzug nennen. "Das eine", sagt der Wissenschaftler leise mit fast zorniger Entschiedenheit, sei "eine narzisstische Befriedigung". Und das andere? Der Mann senkt noch einmal die Stimme: "Ist ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Schutz, ein Gefühl der Bindung, ein natürlicher Kitt, das, was unser Menschsein ausmacht."

Zweifellos. Dennoch ist nicht jeder seriell monogame Herzensbrecher ein Casanova aus Überzeugung und nicht jede erotisch neugierig gebliebene Jungseniorin mit purer Lust ein nymphomaner Single. Selbst die bestens erhaltene Ehe hat hoffentlich irgendwann mit Schmetterlingen im Bauch angefangen. Egal, ob Liebeshungrige erst mal schnuppern oder, wie angeblich FC-Bayern-Stürmer Luca Toni, mit dem unteren Schnipsel der Krawatte winken - auch der strengste wissenschaftliche Beziehungsforscher muss sich in die Niederungen zwischenmenschlicher Anbahnung begeben, wo Herzen brechen, Köpfe verdreht werden und Emotionen bis über beide Ohren oder Hals über Kopf entstehen.

Denn alles beginnt mit jenem ozeanischen Gefühl, das einen scheinbar unterhalb der Bewusstseinsantenne erwischt und augenblicklich in einen Zustand zwischen Zwangsneurose und geistiger Umnachtung versetzt. Beim bloßen Gedanken an den Geliebten überzieht ein Ausdruck der Verblödung das Gesicht. Spätestens jetzt kann einem der Rest der Welt bis auf den einen gestohlen bleiben.

Neurobiologisch ist der verliebte Mensch einem Drogenabhängigen verwandter als einem vernunftbegabten Wesen, was zum Teil erklärt, warum die Verliebtheit wenig aussagt über die Haltbarkeit einer Verbindung. Adrenalin, Dopamin, Endorphine und natürlich Testosteron: Ein wilder Mix aus Botenstoffen schlägt im Körper von Verliebten Alarm, sorgt für Euphorie und Energie, bremst den Hunger und verführt die Patienten, sich fast zwanghaft dem Geliebten zu nähern. Aber warum diesem?

Die Frage, wen man warum abkriegt, hat Kurt Tucholsky in fröhlicher Demut beantwortet: "Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke, Ssälawih!"

Natürlich spielen Äußerlichkeiten eine Rolle. Wer wollte bestreiten, dass es leicht wäre, sich in Penélope Cruz oder Scarlett Johansson, in Brad Pitt oder David Beckham zu verlieben? Schönheit und Wohlstand wirken fraglos verführerisch. Und doch ist es das erotische Werben Cyrano de Bergeracs, des Dichtkünstlers mit der grausig-großen Nase, dessen Worten die liebliche Roxane in Edmond Rostands Theaterstück erliegt. Verguckt hat sich die Schöne zwar in den hübschen Christian, erhören aber will sie ihn nicht, weil er nichts zu sagen hat. Eine tröstliche Botschaft für alle Durchschnittstypen, die dem Mysterium Liebe eine weitere Facette hinzufügt.

Lange Zeit war die Psychologie überzeugt, dass es sich in der Kindheit entscheide, ob jemand mit einem anderen gut leben könne oder nicht. Scheidungswaisen und Sprösslinge Alleinerziehender hätten danach grundsätzlich schlechtere Lose gezogen als die Söhne und Töchter aus ehelich unverbrüchlichen Elternhäusern - eine These, die empirisch nicht bewiesen werden konnte. Sicher leben Mutter und Vater ein Beispiel für Gemeinschaft vor, das in das unbewusste Reservoir an Beziehungsphantasien wandert. Aber über das Liebesleben ihrer Kinder entscheiden die Eltern nicht. Das müssen die schon selber tun.

"In was haben Sie sich verliebt?", fragt der Hamburger Familienpsychologe und Paartherapeut Wolfgang Hantel-Quitmann seine Klienten oft in der ersten Sitzung. Eine gemeine Frage, wenn man gekommen ist, um sich gegenseitig zu beweisen, dass man nichts mehr voneinander wissen will.

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