Von Bettina Musall
"Er hat mich zum Lachen gebracht." "Sie war so schön." So fangen Beziehungen an. Acht Jahre später sagt sie vielleicht: "Er gibt mir Sicherheit." Und er: "Sie ist eine tolle Mutter." Im zehnten Beziehungsjahr schlafen die Eheleute "jeden Abend Löffelchen" ein - und fallen sich tagsüber schrecklich auf die Nerven. Erst in der Therapie entdecken die beiden, dass vor allem der Wunsch nach Familiengründung sie zueinander zog, den jeder, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, mit sich herumtrug. "Das Beuteschema dieser beiden", sagt Hantel-Quitmann, um im Bild zu bleiben, "wäre also nicht Humor und Schönheit gewesen, sondern eine diffuse Sehnsucht nach Geborgenheit." Sie ist noch genauso hübsch, und er kann genauso lustig sein wie einst, aber das reicht nicht mehr, seit die Kinder größer sind.
Beuteschema oder Beziehungsphantasien hin, Scheidungsziffern her: Es gilt zu untersuchen, was den Rausch der Triebe und die Langzeitliaison verbindet - respektive, was nicht.
"Und darum wird beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt", erkannte Tucholsky vor fast 80 Jahren die Sollbruchstelle jeglichen Liebesspiels. Mittlerweile ist wissenschaftlich erwiesen, dass jedenfalls der Veitstanz der Botenstoffe nach rund anderthalb Jahren, in denen sinnenfrohe Naturen nur ungern das Lotterbett verlassen, unwiderruflich endet. Selbst bei Partnern, die sich richtig gernhaben, sinkt die Koitusfrequenz in diesem Zeitraum auf ungefähr 50 Prozent des Anfangsrauschs.
Verliebtsein, die leidenschaftliche Form sexueller Liebe, lässt sich demnach nicht mal lange genug konservieren, um ein Kleinkind aufzuziehen. Immerhin hält die Körperchemie Kuschelhormone wie Vasopressin und Oxytocin bereit, die den Nestbau begünstigen. Weibliche Präriewühlmäuse fallen über das erstbeste Männchen her, nachdem ihnen Oxytocin injiziert wurde - das also war der Zaubersaft, den Elfenkönig Oberon in Shakespeares "Sommernachtstraum" der schlummernden Titania auf die Lider träufelte, so dass die sich beim Aufwachen in den Eselskopf Zettel verknallte - ein Bund, der bekanntlich auch nicht währte, bis der Tod sie schied.
"Menschen sind nun mal nicht von Natur aus monogam wie die Tauben", bescheidet Paartherapeut Hamburger bündig. Rund 200 Jahre ist die romantische Eingebung alt, Ehe und Familie ausgerechnet auf das fragilste aller Gefühle, die Liebe, zu gründen. Seit 200 Jahren scheitern also durchaus gutwillige und familienfreundliche Männer und Frauen an der Aufgabe, Liebe, Freundschaft und Sex dauerhaft in einer Zweisamkeit zu vereinen. War das vielleicht doch keine so gute Idee?
Die Liebe sei eine "emotionale Adaption, um Partnerwerbungsbemühungen auf ein bestimmtes Individuum zu konzentrieren", definiert der US-amerikanische Evolutionspsychologe Geoffrey Miller. Der Autor des ansonsten vor Witz und Sprachlust sprühenden Werkes "Die sexuelle Evolution"* verklausuliert in seiner Formel eine ebenso schlichte wie gesellschaftlich inakzeptable Botschaft: Wenn es nach Veranlagung und Lustprinzip ginge, würde der Mensch sich gern mehreren in Frage kommenden Kandidaten zuwenden.
Um derlei Liederlichkeit zu domestizieren, wird auf wenig berauschende, kulturelle Zuchtmittel zurückgegriffen. Treue zum Beispiel. Sie wird moralisch eingefordert, um den Nachkommen ein sicheres Biotop zu bieten. Andererseits locken Seitensprünge mit ungeahnten Fortpflanzungsmöglichkeiten. "Besonders für Männer", die ihre Gene gern verschwenderisch verstreuen, meint Evolutionspsychologe Miller mit selbstironischem Blick auf seine Geschlechtsgenossen, bedeute die Reduktion auf nur ein Weibchen argen Verzicht.
Und der muss einem selbstverliebten Schlawiner erst mal schmackhaft gemacht werden. Wer jung ist, tauscht * Geoffrey Miller: "Die sexuelle Evolution. Partnerwahl und die Entstehung des Geistes". Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg; 576 Seiten; 14,95 Euro.
einfach aus, neuer Kick, neues Glück. Wer jedoch ungern allein alt werden will, muss sich Fragen stellen, die zur Menschwerdung gehören und noch immer nicht beim Prosecco zu beantworten sind: Wer bin ich, und was suche ich?
In einer säkularen Ego-Gesellschaft, wo weder die Angstparolen religiöser Sittenwächter noch die arrangierte Ehe Schrecken verbreiten, stiften lobenswerte Familientaten, wie eine fürsorgliche Brutpflege, bestenfalls für die Mittelstrecke einer Zweierkiste Sinn. Auf die Dauer müssen stabilere und möglichst beglückendere Argumente her. Ein echter Muntermacher ist die Botschaft, dass es in der Beziehungsarbeit nicht darum gehe, einen anderen glücklich zu machen, sondern sich selbst. Wie das?
"Die Klammer zwischen der Sehnsucht nach einem Ankerplatz und der Suche nach Selbstverwirklichung ist die persönliche Entwicklung", sagt Paartherapeut Hantel-Quitmann und streitet mit den Partner-Agenturen, die suggerieren, der Richtige sei immer der mit den meisten Übereinstimmungen: "der Richtige", so Hantel-Quitmann, "um sich möglichst schnell zu langweilen". Niemand könne "in sich selbst versunken Identität entwickeln". Eine Beziehung sei "ein Versprechen auf Vervollständigung der eigenen Person". Was die Suche so kompliziert macht: "Einerseits soll es ein Seelenverwandter sein, andererseits die Herausforderung durch das andere." Beide Volksweisheiten stimmen also: Gleich und gleich gesellt sich gern, und Gegensätze ziehen sich an. "Das Gegensätzliche von Gleichen" ziehe sich an, formulierte der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi. Oder in den Worten des Philosophen Martin Buber: "Ich werde am Du."
Wenn zwei, die wie füreinander geschaffen scheinen, irgendwann wieder auseinanderfallen, verstehen das oft weder sie selbst noch die Freunde. Unüberbrückbare Gegensätze heißt das in der Sprache der Scheidungsanwälte dann gern. Dabei müssten viele Trennungswillige erst einmal nur begreifen, dass eins plus eins nicht eins, sondern immer wieder zwei ergibt, dass sich lieben nicht bedeutet, ineinander aufzugehen, sondern es bestenfalls zwei Leben lang zu versuchen.
"L'amour", hauchte die französische Filmschauspielerin und frühere Erotikbotschafterin Brigitte Bardot, "l'amour, ce n'est pas le problème, c'est la solution." Die Liebe sei nicht das Problem, sondern die Lösung. Die heute 74-Jährige ist in vierter Ehe verheiratet. Ihre stabilste Beziehung unterhält die Tierschützerin seit über 30 Jahren zu ihren Hunden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL Wissen 1/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH