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Gentherapie Eingriff ins Erbgut

2. Teil: "Ein Geschenk des Himmels"

Vor einem Jahr dann hatte Steven Howarth seinen Überraschungsauftritt. Die Kulisse dafür bildete eine umfunktionierte Lagerhalle in London. Dort hatten ihm seine Ärzte einen Hindernisparcours aufgebaut und die Straßenszenerie in Dämmerlicht getaucht. Zugegen waren Gentherapieexperten aus aller Welt. Sie beobachteten, wie der schlaksige, rothaarige Teenager an Wänden vorbeizirkelte, die man ihm in den Weg gestellt hatte.

Dank Gentherapie lief er nicht, wie früher, in sie hinein. Denn Steven Howarth leidet seit seiner Geburt an einer Augenkrankheit, der sogenannten Leberschen kongenitalen Amaurose. Dabei fehlt den Zellen der Netzhaut die Fähigkeit, den Sehfarbstoff zu regenerieren. In der dritten Lebensdekade sind die meisten der Betroffenen erblindet.

Zunächst fällt die Krankheit, die unter anderem auf ein fehlerhaftes Gen namens RPE65 zurückgehen kann, durch schwere Sehbehinderungen auf - vor allem nachts. "Ich musste nach Einbruch der Dunkelheit daheim sein. Sonst brauchte ich Hilfe, um nach Hause zu kommen", erzählte Steven Howarth. Er wurde gehänselt und kam immer schlechter in der Schule zurecht. Mit 16 Jahren musste er sich Bücher von einem Tutor vorlesen lassen.

Am University College in London fand er Mediziner, die ihm das intakte Gen RPE65 unter die Netzhaut spritzten. Eigentlich wollte der Humangenetiker Robin Ali nur testen, ob das Verfahren sicher war - nicht aber, ob es tatsächlich eine Verbesserung der Sehkraft bewirken würde.

Umso erfreuter waren die Ärzte, dass sich genau das bei Steven einstellte. Er erinnert sich noch, wie er sich das Vorher-Nachher-Video seines Dämmerlicht-Tests anschaute. "Das fühlte sich brillant an", sagte der 18-Jährige. Der Erfolg ist ein kleiner - denn zwei andere Patienten konnten nicht besser sehen. Doch schon machen sich Hunderttausende Patienten mit anderen Netzhautleiden, wie beispielsweise Retinitis Pigmentosa, Hoffnung, dass auch ihnen auf diesem Wege geholfen werden kann, dem unvermeidlich geglaubten Erblinden zu entkommen.

"Ermutigend", so kommentierte das "Deutsche Ärzteblatt" die Nachricht aus London. Positive Botschaften aus der Gentherapie häufen sich seitdem, weshalb manche Experten schon vorsichtig von einer Renaissance des Therapie-Ansatzes sprechen. Eine dieser Nachrichten betrifft eine Seuche, die rund um den Globus wütet: Aids.

Forscher um Gero Hütter von der Berliner Charité haben einem HIV-infizierten Mann helfen können. Der in Berlin lebende Amerikaner war an Blutkrebs erkrankt, weshalb eine Chemotherapie mit anschließender Knochenmarkspende notwendig war. Hütter suchte aber einen ganz besonderen Spender, einen der zwei Kopien einer Genvariante trägt, die immun gegen die HI-Viren machen. Er wurde fündig, transplantierte dem HIV-positiven Patienten die Blutstammzellen und konnte den Aids-Erreger auch 20 Monate danach nicht mehr nachweisen.

Die erst im Februar publizierte Fallstudie macht Gentherapie-Forschern Mut: Sie wollen jenes CCR5-Gen mit der "delta32-Mutation", die immun gegen HIV macht, auch anderen Infizierten hinzufügen. Die Biotech-Firma Sangamo BioSciences aus Richmond in Kalifornien etwa stellt künstlich jene schützenden Gene her. Bei Mäusen konnte das Unternehmen Zellen mit dem neuen Anti-Aids-Gen in die Blutbahn einbringen.

Seit Februar laufen erste Studien am Menschen. Dieser Patient aus Deutschland ist ein "solcher Segen für die Gentherapie", sagt Edward Berger von den National Institutes of Health in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland, der die Rolle von CCR5 vor mehr als zehn Jahren entschlüsselt hat.

Das neuerstarkte Selbstvertrauen der Gentherapeuten speist sich unter anderem aus neuen Erkenntnissen über sichere Vehikel für den Transport der DNA-Sequenz in die zu behandelnden Zellen. Auch die Stammzellforschung hat neues Grundlagenwissen über die zellulären Steuerungsmechanismen geliefert, die einen gentherapeutischen Eingriff in jenes System erleichtert.

Befruchtet wird die Gentherapeuten-Szene auch von einem jungen Forschungsfeld mit dem sperrigen Namen "RNA-Interferenz". Molekularbiologen sind dabei auf Methoden gestoßen, wie sich Gene im Körper schlicht abschalten lassen. "Ein Geschenk des Himmels" seien die neuen Erkenntnisse, sagt etwa der Chemiker Phillip Sharp vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston.

Der Jahreskongress der European Society of Gene and Cell Therapy Ende vergangenen Jahres im belgischen Brügge war deshalb nicht mehr geprägt von zermürbenden Analysen vergangenen Scheiterns. Mutig trugen die Teilnehmer die neuesten Ergebnisse aus Gentherapie-Studien am Menschen vor.

Eine Gruppe aus Frankreich etwa berichtete über Versuche, den Dopaminmangel bei Parkinsonkranken zu behandeln. Eine Gruppe aus Finnland kündete von ersten Erfolgen bei der Behandlung von malignen Gliomen, einer besonderen Art von Gehirntumoren. Im Januar begeisterten italienische Forscher um Alessandro Aiuti ihre Kollegen mit der Meldung, sie hätten Kinder mit einer seltenen Immunkrankheit ADA-SCID gentherapeutisch helfen können - ohne Krebsfälle wie bei den Pariser Bubble-Kindern.

Von einem Einsatz im medizinischen Alltag sind alle diese Ansätze noch weit entfernt. Die Studien finden mit kleiner Teilnehmerzahl statt. Oft nicht mehr als eine Handvoll zumeist hoffnungslos Kranke nehmen an ihnen teil. Aus ethischen Gründen wäre ein größerer Probandenkreis auch gar nicht möglich.

Besonnene Gentherapie-Forscher mahnen deshalb, die Hoffnung der Todkranken nicht zu stark zu schüren. Ein prominenter Mahner ist ein geläuterter Gentherapie-Enthusiast: James Wilson. Der Mediziner aus Pennsylvania leitete einst den tödlichen Versuch an Jesse Gelsinger.

Anfang Mai veröffentlichte Wilson im Fachblatt "Science" eine deutliche Warnung - nicht nur an die Gentherapeuten, sondern an jene neue Generation von Forschern, die an menschlichen Stammzellen forschen. "Das heutige Toben des Stammzell-Enthusiasmus", schrieb er, "lässt das eindringliche Echo der frühen, sorgenreichen Tage der Gentherapie erkennen."

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insgesamt 8 Beiträge
reuanmuc 19.07.2009
Wissenschaft und Forschung ist immer ein Zickzackweg. Es gibt neue Erkenntnisse, die euphorisch gefeiert werden und Hoffnungen schüren, dann kommt zwingend die Ernüchterung. Das ist ganz normal und ist nur ein Schnappschuss in [...]
Zitat von sysopSchadhafte Gene durch intakte ersetzen - so wollten Biomediziner Krebs und Erbkrankheiten heilen. Nach schweren Rückschlägen erlebt die Gentherapie derzeit einen zarten zweiten Frühling. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,633420,00.html
Wissenschaft und Forschung ist immer ein Zickzackweg. Es gibt neue Erkenntnisse, die euphorisch gefeiert werden und Hoffnungen schüren, dann kommt zwingend die Ernüchterung. Das ist ganz normal und ist nur ein Schnappschuss in der Entwicklung. Man hat gedacht, mit der Entzifferung des menschlichen Genoms den ultimativen Schlüssel zum Organismus in der Hand zu haben. Inzwischen musste man lernen, dass die Genetik viel komplizierter ist, dass es Regulationsmechanismen für Gene gibt, dass Gene meist nicht alleinverantwortlich sind, dass es Rückwirkungen gibt. Deshalb geht die Forschung weiter und die beschriebenen Phänomene werden sich wiederholen. Die jungen Wissenschaftler sind zu bedauern, weil der Lernstoff immer umfangreicher wird, um überhaupt erst mal an die Front des Wissens zu gelangen. Dadurch steigert sich notwendig die Spezialisierung und folglich ebenso der Zwang zur Kooperation. Hier liegen die eigentlichen Probleme für die Zukunft.
Newspeak 19.07.2009
Die Vertreter einer bestimmten Forschungsrichtung tun häufig so, als ob ihr Fachgebiet die Rettung der Menschheit bedeuten wird. Dabei ist jede Forschung wichtig. Dem AIDS-Kranken ist es schlußendlich egal, ob irgendwann mal eine [...]
Die Vertreter einer bestimmten Forschungsrichtung tun häufig so, als ob ihr Fachgebiet die Rettung der Menschheit bedeuten wird. Dabei ist jede Forschung wichtig. Dem AIDS-Kranken ist es schlußendlich egal, ob irgendwann mal eine Heilung auf "herkömmlichem" Weg, durch Medikamente, erreicht wird, oder durch Gen-Therapie oder Stammzellen oder sonstwas. Für die Wissenschaft ist jeder Therapieansatz, auch die gescheiterten, lehrreich. Wir tun manchmal so, als wären wir seit dem Mittelalter so viel weiter gekommen, und in der Tat sind wir es, trotzdem muten manche Verfahren z.B. in der Krebstherapie nicht viel besser an, als mittelalterliche Quecksilberkuren und ähnliche Quacksalberei. Jede noch immer praktizierte Dampfhammermethode (und dazu zählen viele Chemotherapien) zeugt nur vom absoluten Unverständnis der molekularen Vorgänge innerhalb unseres Körpers und selbst wenn man die molekularen Vorgänge im Detail kennt, heißt das nicht, das es eine bessere Therapie gibt. Andererseits kann es aber auch keine bessere Therapie geben, solange man die molekularen Vorgänge nicht kennt. Jeder Schritt, der dabei hilft, diese aufzuklären, ist also sinnvoll.
Uhlenspigel 19.07.2009
Kleine Bemerkung: Die sogenannte "Dampfhammermethode" basiert ja auch auf Forschung und der Erkenntnis, dass Krebszellen empfindlicher auf Zellgifte reagieren als normale Körperzellen. Auch hier hat sich viel getan; die [...]
Kleine Bemerkung: Die sogenannte "Dampfhammermethode" basiert ja auch auf Forschung und der Erkenntnis, dass Krebszellen empfindlicher auf Zellgifte reagieren als normale Körperzellen. Auch hier hat sich viel getan; die heutigen Therapieschemata sind natürlich für die Betroffenen immer noch eine Qual, aber schon unendlich viel weiter als die ersten Schritte auf dem Gebiet. Ich denke auch, dass man Forschern kaum übel nehmen kann, wenn sie nach einem Durchbruch in einem Gebiet ein wenig euphorisch werden. Jahrzehnte kommt man nicht weiter, und dann steht plötzlich die ultimate Möglichkeit im Raum. Dass dann immer noch viel Kleingedrucktes geduldig wegzuforschen ist, geht dann manchmal unter. Letztlich bewahrheitet sich jedoch die Euphorie; zwar muss man schwierige und langdauernde Wege gehen, aber die grundlegende Erkenntnis - dass Gentherapie möglich ist - wird sukzessive und mühsam realisiert.
lodi 19.07.2009
hallo, ich bin erstaunt wie differenziert die beiträge zu diesem thema sind....da war schlimmeres zu erwarten:) im prinzip gebe ich allen recht. nur details möchte ich ansprechen. vorab ich bin sozusagen "vom fach", [...]
hallo, ich bin erstaunt wie differenziert die beiträge zu diesem thema sind....da war schlimmeres zu erwarten:) im prinzip gebe ich allen recht. nur details möchte ich ansprechen. vorab ich bin sozusagen "vom fach", allerdings kein experte auf dem gebiet gentherapie. dass es genregulation gibt ist schon sehr lange bekannt. ein wichtiges beispiel ist hier das lak-operon, dass bereit 1961 von François Jacob und Jacques Monod beschrieben wurde. ich denke auch, dass kein forscher wirklich dachte, ihm würde die große erkenntnis vom großen und ganzen beim ersten blick auf die sequenz des human genoms kommen. man wusste, dass es lange dauern wird die informationen zuzuordnen. der grund für den hype ist wohl eher den medien und der wissenschaftspolitik zuzuschreiben und nicht der fehlenden weitsicht der forscher. ich finde ausserdem nicht das wir jungen forscher zu bedauern sind, da es mit den neuen infos auch neue techniken gibt die uns helfen die systeme zu verstehen. es ist zudem einfach spannend zu sehn wie dicht die einschläge beieinander liegen. ich gebe auch dem vor-poster recht, dass leute dazu neigen ihr eigenes fachgebiet überzubewerten. aber das ist auch wichtig, damit sie motiviert bleiben. als mündiger leser muss man sich eben seine eigene, differenzierte meinung bilden. wiedersprechen möchte ich allerdings der aussage "vom absoluten Unverständnis der molekularen Vorgänge innerhalb unseres Körpers". das ist eine große übertreibung. sicher haben wir mehr fragen als antworten, die aber aus dem relativ guten verständnis der elementaren (und das sind schon ganz schön viele!) physiologischen und pathologischen vorgänge erst entspringen konnten. es stimmt das chemotherapien einem dampfhammer gleichen. ABER, um z.B. auf die idee zu kommen nukleotidanaloga (das sind die meisten chemotherapeutika) zu verwenden, war erst das verständnis der transkription (DNA abschrift) nötig. alles in allem will ich sagen, dass wir besser als unser ruf sind! fachlich und menschlich (auch wenn meine ausführung hier sehr dozierend klingt, tschuldigung ^^) es ist wirklich sehr frustrierend zu sehn wie vorurteilsbelastet oft den moderenen (bio)wissenschaft begegnet wird (auch fernab von religiösen resentiments). mein appell: wir menschen, die anstatt sich für zB architektur zu interessieren, biochemie etc studiert haben und sind auf der strasse (meist^^) nicht vom durchschnittsbürger zu unterscheiden. der Nimbus der uns von den medien verliehen wird, verschwindet sobald man der uns leibhaftigt begegnet. wir sind auch nur menschen und machen (viele) fehler, diese können allerdings tragischer ausfallen als die eines bäckerlehrlings (siehe Jesse Gelsinger). Aber: aus fehlern lernt man...auch wenn davon leider die betroffenen nicht mehr profitieren können. ich bin der festen hoffnung, dass die gentharapie ihren platz in der etablierten medizin finden wird. nicht morgen, aber manch einer hier mag es noch erleben. lg
reuanmuc 19.07.2009
Der Begriff "Gentherapie" suggeriert etwas positives, im Gegensatz zu "Gentechnik". Der Zweck heiligt hier das Mittel. Wohl deshalb sind noch keine Kritiker erschienen, können aber noch kommen. ---Zitat--- [...]
Zitat von lodihallo, ich bin erstaunt wie differenziert die beiträge zu diesem thema sind....da war schlimmeres zu erwarten:)
Der Begriff "Gentherapie" suggeriert etwas positives, im Gegensatz zu "Gentechnik". Der Zweck heiligt hier das Mittel. Wohl deshalb sind noch keine Kritiker erschienen, können aber noch kommen. ---Zitat--- dass es genregulation gibt ist schon sehr lange bekannt. ---Zitatende--- Teilweise ja, aber die Epigenetik ist doch noch relativ jung, d.h. etwa seit 1985. Das Operon von Monod würde ich als Nichtfachmann nicht zur Regulation zählen, ist aber fast Ansichtssache. ---Zitat--- der grund für den hype ist wohl eher den medien und der wissenschaftspolitik zuzuschreiben und nicht der fehlenden weitsicht der forscher. ---Zitatende--- Die Medienberichterstattung ist zweifellos ein bedeutender Faktor bezüglich der öffentlichen Rezeption und Akzeptanz der Genforschung, mit Übertreibungen in beiden Richtungen. Sowohl Euphorie als auch Kritik oder gar Ablehnung sind oftmals auf die emotional gefärbten Medienberichte bezogen. Andererseits muss man anerkennen, dass Wissenschaft und Forschung auch davon profitiert, indem sie die nötige Aufmerksamkeit bekommt. ---Zitat--- ich finde ausserdem nicht das wir jungen forscher zu bedauern sind, da es mit den neuen infos auch neue techniken gibt die uns helfen die systeme zu verstehen. ---Zitatende--- Selbstverständlich wird die Forschungsarbeit heute erleichtert und erst richtig ermöglicht durch Computer und Kommunikationsmöglichkeiten und nicht zuletzt durch die Verkehrsmittel und die Öffnung vieler nationaler Grenzen. Die enorme Zunahme des Wissens und der Daten erfordert neue Methoden und Techniken zu ihrer effektiven und effizienten Beherrschung und letztlich erfolgreichen Anwendung. Last but not least sind Wissenschaftler keine Roboter. Das heißt, gesetzliche Regelungen sind ebenso notwendig und müssen fortgeschrieben werden wie gegenseitige Kritik und staatliche Kontrolle. Fehler und Irrtümer müssen angeprangert werden, dürfen und können aber nicht das Forschungsgebiet selber infrage stellen.
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