Von Andrea Brandt
Immer abends, nach der Arbeit, kamen die Angst-Attacken. Das Herz raste und sprang aus dem Takt, berichtet Hans Joachim Beiersdorf, 51. Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck gehörten 19 Jahre lang zu seinem Leben - und waren doch längst nicht das Schlimmste.
Viel dramatischer fand Beiersdorf die nächtlichen Atemaussetzer, die auch seine Frau so erschreckten. Regelmäßig fuhr er im Schlaf auf, schrie um Hilfe: "Ich dachte jedes Mal, ich ersticke." Doch mit der Zeit hatte er sich selbst daran gewöhnt, wie an all die anderen Leiden, die die Ärzte dem enormen Übergewicht des 160-Kilo-Mannes zuschrieben: die hohen Blutzuckerwerte, die Nervenschäden im linken Fuß, die Sehschwäche, die Schmerzen in den Kniegelenken.
Vielleicht hätte er immer so weitergemacht, sagt der gelernte Schlosser aus Herne - Abend für Abend 30-mal an den Kühlschrank schleichen, Kalorienbomben gegen Kummer futtern. Wäre da nicht im Dezember vergangenen Jahres die Schock-Diagnose beim Hausarzt gewesen: behandlungsbedürftiger Diabetes mellitus. Der Mediziner stellte ihn vor die Alternative, fortan Insulin zu spritzen oder sein Leben radikal zu ändern.
Beiersdorf entschied sich für Letzteres. Seit April hat er in einer einjährigen ambulanten Gruppentherapie im Adipositas-Zentrum an der Bochumer Augusta-Kranken-Anstalt, einer von bundesweit rund 35 Spezialeinrichtungen, den Kampf gegen die krank machenden Pfunde aufgenommen. Mit Hilfe eines interdisziplinären Teams aus Ärzten, Psychologen, Ernährungsberatern und Sportlehrern nahm Beiersdorf bislang 51 Kilo ab. Viele seiner Krankheiten besserten sich dadurch erheblich: Die Atemaussetzer sind weg, die Blutzuckerwerte und der Bluthochdruck stark gesunken. Statt vier muss er heute nur noch zwei Medikamente täglich einnehmen - in deutlich geringeren Dosen.
"Ich war auf dem besten Wege, mich zu Tode zu essen"
120 schwerstgewichtige Patienten suchen allein in Bochum jährlich Hilfe. Mehr als 90 Prozent von ihnen, so der psychologische Leiter Uwe Machleit, sind nicht nur dick, sondern krank. Sie schlucken täglich einen Cocktail aus bis zu 20 Pillen - gegen ihre Fettleber, ihre erhöhten Harnsäurewerte oder gegen Bluthochdruck. Etliche leiden unter insulinpflichtigem Diabetes. "Das kostet die Kassen pro Kopf oft 300 bis 400 Euro im Monat", sagt Machleit.
Doch während Staat und Krankenkassen jährlich hohe zweistellige Milliardenbeträge in die Behandlung sogenannter Folgekrankheiten pumpen, ist der Kampf gegen die Ursache all dieses Übels, die Fettleibigkeit, noch weitgehend Privatsache. Therapien wie in Bochum übernehmen Krankenkassen in der Regel nicht - auch wenn die Anbieter in immerhin 60 Prozent der Fälle auf Langzeiterfolge verweisen können.
12 der 14 Teilnehmer in Beiersdorfs Gruppe etwa mussten die Kosten von 2000 Euro selbst tragen. Absurd, findet der abgemagerte Diabetiker. "Viele unternehmen angesichts solcher Preise lieber gar nichts gegen ihr extremes Übergewicht." Das verschlimmere dann ihren Krankheitszustand - und lasse später die Kosten für die Beitragszahler explodieren.
Für einige Programme gebe es noch nicht genügend aussagekräftige wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit, begründet Stefan Gronemeyer, Bereichsleiter beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen, die Weigerungshaltung. Und Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen, bestätigt, dass Therapien gegen Fettleibigkeit generell nur eine "Kann-Leistung" der Kassen im Zuge der Rehabilitation seien. Sie sollen zum Beispiel besonders dicken Herzpatienten nach einem Infarkt bei der Genesung helfen.
Stephan Bischoff, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin an der Universität Stuttgart-Hohenheim, hält die Haltung der Krankenkassen für fahrlässiges Laisser-faire. Adipositas sei krankhaft und krank machend, doziert er. "Es ist ethisch, medizinisch und ökonomisch dringend notwendig, Fettleibigkeit endlich wie eine Krankheit zu therapieren - und zwar frühzeitig."
Welche Krankheiten starkes Übergewicht häufig verursacht und was sie die Gesellschaft kosten, hat ein Freiburger Kardiologe am Beispiel eines 68-jährigen Maurers dargestellt. Der Senior brachte 122 Kilo auf die Waage, litt an Herzschwäche, Luftnot, Diabetes mellitus Typ-2 (Altersdiabetes), Bluthochdruck, Bewegungsmangel und beidseitiger Kniearthrose. Allein die Frührente, die er wegen seiner zahlreichen angefutterten Erkrankungen ab dem 58. Lebensjahr bekam, kostete die Rentenkasse 120.000 Euro. Zusammen mit Untersuchungen, Knieoperationen und Medikamenten kamen fast 190.000 Euro zusammen - in nur sieben Jahren.
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© SPIEGEL Wissen 3/2009
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