Von Andreas Lorenz
Allerdings ist Chinas Ökolandwirtschaft oft ein Geschäft ohne Seele. Viele Bauern haben sich nicht so sehr aus grünem Bewusstsein sauberen Anbaumethoden verschrieben. Meist setzen größere Unternehmen auf Bio, weil sie es für eine prima Geschäftsidee halten, da die Verkaufspreise höher sind.
Ist das Misstrauen gegenüber chinesischen Produkten deshalb berechtigt?
Im Nordwesten Pekings, am Rande der Duftenden Berge, arbeitet Jiang Gaoming. Der Botaniker der renommierten Chinesischen Akademie der Wissenschaften ist mit Leib und Seele ein Öko, sein Institut versucht gerade in der Inneren Mongolei eine Biohühnerfarm aufzubauen, um die Bauern von der traditionellen Rinder- und Ziegenwirtschaft abzubringen: "Die zerstört das Grasland."
Jiang weiß durchaus von schwarzen Schafen unter den Biobauern. So ertappte er im Umland der Hauptstadt einen Produzenten, dessen "organisches" Gemüse "ohne Anzeichen organischer Produktion" gedieh, aber zu "organischen Preisen" verkauft wurde.
Selbst wenn alles mit rechten Dingen zugeht, leiden die Biofarmen oft unter dem Einfluss der Nachbarschaft. Denn "die Bauern in der Umgebung sprühen weiterhin heftig Chemiedünger und Pestizide. Die Umgebung ist in der Regel stark verschmutzt", sagt Jiang. Biobauern müssen daher eine kleine Schutzzone um ihre Anbauflächen ziehen.
Oft steht nicht böser Wille hinter den Schummeleien, sondern wirtschaftlicher Druck. Weil Biobauern weit weg von den Märkten wohnen, schalten sich zahlreiche Einkaufsgesellschaften ein, die die Waren zum Verbraucher bringen. Die sind, wie der deutsche Experte Censkowsky sagt, derzeit ein Problem: "Jeder will verdienen, am Ende der Kette werden die Preise gedrückt."
Vom Anarcho zum Unternehmensberater
Von den Mühen der Branche weiß auch Klaus Griesbach, ein alter Hase im Biogeschäft. In Hamburg war der ehemalige Anarcho einer der Ersten, der den Biotrend erkannte, er gründete den Laden "Schwarzbrot". Irgendwann verschlug es den Hanseaten nach China, nun berät er das private Unternehmen "Organic Farm", einen der größten Bioproduzenten Chinas.
An einem heißen Sommernachmittag ist Griesbach zum Hof von Organic Farm jenseits des 6. Pekinger Stadtringes hinausgefahren. Rund hundert Gewächshäuser stehen hier, in denen unter anderem Kürbisse, Kirschtomaten und Gurken gedeihen. Das Unternehmen beliefert vor allem Ausländer in Peking, die im Internet ihre Waren bestellen. Zudem betreibt es eigene Läden sowie Verkaufsstände in Supermarktketten wie Carrefour.
Griesbach ist nicht zufrieden mit dem, was er sieht: einen trüben Tümpel, zusammengehalten in einer grauen Plastikplane, ansonsten Sand, nichts als Sand. Kein schöner Platz für die Hühner, die hier Bioeier legen sollen. Das Ziegengehege nebenan gleicht ebenfalls einer Steppenlandschaft. "Hier muss mehr Grünzeug her, Rasen und Büsche zum Beispiel", rüffelt Griesbach eine junge Mitarbeiterin.
Selbst wenn Federvieh und Ziegen nicht so leben, wie man sich einen Biohof vorstellt - hier, versichert Griesbach, werden Insekten mit natürlichen Fallen und nicht mit Pestiziden abgewehrt, hier wird mit Kompost gedüngt. "Die Kompostwirtschaft wurde ja zuerst in China entwickelt", doziert er.
Auch in China erkennt man Bioware am Siegel. Ein Stempel fehlt allerdings - der für "Fairen Handel".
In einem Gewächshaus von Organic Farm hockt die Landarbeiterin Chen und schneidet Keimlinge. Zehn Stunden, Tag für Tag, auch am Wochenende. Was sie verdiene? "Etwas über 1000 Yuan." Also etwas mehr als 100 Euro pro Woche. Für den Bioeinkauf langt das nicht.
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© SPIEGEL Wissen 3/2009
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