Von Ullrich Fichtner
Knoblauch hilft gegen Krebs, Zwiebel gegen Magengeschwüre, roter Wein ist gut, rotes Fleisch ist böse. Orangen halten fit, Fisch ist gesund, jedenfalls meistens, "salzarme Ernährung schützt vor Herz-Kreislauf-Krankheiten" und "Fast Food fördert womöglich Alzheimer". Dies sind wahllos gepickte Meldungen aus der Welt der Ernährungswissenschaften. Sie geben einen Eindruck davon, dass ein beliebigeres Forschungsfeld als das von der menschlichen Ernährung auf Erden nur sehr schwer zu finden ist.
Wer die vermischten Nachrichten liest, kann das Muster ihrer Verlautbarungen leicht nachäffen, denn es ist immer gleich: "Wissenschaftler der Universität XY haben herausgefunden, dass", nur mal als Beispiel, "Kirschen nicht nur stark im Kampf gegen freie Radikale sind, sondern auch das Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern." So stand es im "Focus", also muss es wahr sein, wie überhaupt der Expertenglaube auf dem Feld der Ernährung ungebrochen scheint.
Wieder und wieder gehen Professoren und Doktoren hausieren mit Erkenntnissen, die 1. entweder längst Allgemeingut, 2. irrelevant oder 3. meistens nur Spiegelbilder unserer kollektiven Ernährungsstörungen sind.
Unter Punkt 1 fallen Studien, die stets aufs Neue nachweisen, dass zu viel Butter ungesund ist, eine Ernährung ganz ohne Obst ebenso, und dass der tagtägliche Verzehr von geräucherten Makrelen zu Problemen führen könnte. Unter Punkt 2 - irrelevant - sind die Studien zu finden, die in Äpfeln mit Druckstellen "Patulin" nachweisen oder im geräucherten Heilbutt "Toxaphen", was immer das im Einzelnen sei - die dabei aber vor allem unterschlagen, dass kein Mensch die genannten Lebensmittel in Mengen zu sich nehmen kann, dass die Möglichkeit einer Gesundheitsgefahr auch nur am Horizont auftauchte. Punkt 3 - die kollektive Störung - betrifft das Große und Ganze.
Die zugehörigen Fragen lauten hier: Bleibt ein Mensch gesund, weil er in seinem Leben viele Kirschen gegessen hat oder weil er jeden Tag spazieren gegangen ist - oder weil er spazieren gegangen ist und viele Kirschen gegessen hat? Wird er krank, weil er nicht genug Vollkornbrot auf dem Speiseplan hatte und dabei ständig zu wenig (oder zu viel!?) Wasser getrunken hat? Bleibt er gesund (oder wird er krank?), weil er abends stets zwei Gläser Rotwein trinkt? Geht es ihm vielleicht deshalb gut, weil er gern isst und trinkt, manchmal auch gegrillten Schweinebauch und danach drei Obstler? Und hilft es womöglich, dass er glücklich verheiratet ist? Und dass er Mozart-Opern mag? Und einen Hund hat?
Die Stoßrichtung dieser Fragen ist klar: Die Versuchsanordnungen der Ernährungswissenschaften sind in der Regel derart einfältig, dass ihre Ergebnisse nur lachhaft sein können. Ernsthaft und mit vielen Probanden, Labormäusen und "Kontrollgruppen" zu untersuchen, ob dieses oder jenes Lebensmittel je nach Dosis diesen oder jenen Effekt auf die Befindlichkeit haben könnte, ist ein Witz angesichts der tausendfältigen Faktoren, von denen unser Leben so offensichtlich tagtäglich abhängt. Wieso hat Onkel Franz, der nie in seinem Leben Alkohol und Zigaretten anrührte, der viel Salat gegessen und moderat Sport getrieben hat, mit Mitte 50 Lungenkrebs? Und wieso feiert Onkel Herbert, der immer noch Zigarren raucht und sich die meiste Zeit von Wurstbroten und Bier ernährt hat, bald seinen 93. Geburtstag?
Ernährungswissenschaft ist Rätselraten auf niedrigem Niveau, und entsprechend widersprüchlich sind alle Befunde. Der Wein und seine Wirkungen liefern dafür ein gutes Beispiel. Einige Jahre lang freute sich die ganze Welt am "French paradox", und nicht umsonst prägte ein Forscher aus Bordeaux diesen Namen: Hinter ihm versteckt sich die Hypothese, dass die Franzosen eigentlich viel zu viel Butter, Käse und Fleisch essen, dass sie deren schädliche Wirkungen aber mit Rotwein bekämpfen - und deshalb paradoxerweise seltener als ihre Zeitgenossen in den Nachbarländern an Herz und Kreislauf erkranken.
Ist es zu schön, um wahr zu sein? Das ist zumindest sehr wahrscheinlich. Man hat beispielsweise herausgefunden, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Frankreichs Ärzten lange Zeit einfach seltener als anderswo diagnostiziert wurden. Man hat festgestellt, dass Franzosen seltener zu Übergewicht neigen, man hat Verbindungen zum insgesamt "mediterranen" Lebensstil der Franzosen hergestellt, über Olivenöl nachgedacht, und manche Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Butter, Käse und Fleisch eben in Wahrheit gar nicht ungesund seien. Ist also Rotwein - in Maßen - gesund? Geht es den Franzosen besser, weil sie ihn trinken? Oder weil sie besser, leichter zu leben verstehen? Wer weiß, wer weiß.
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Da bin ich aber anderer Meinung. Wenn Sie Ihre Meinung überprüfen wollen, lesen Sie doch mal z.B. Jörg Blech: Die Krankheitserfinder, der schreibt kein Blech sondern präsentiert Fakten. mehr...
Gut, das ist aber wirklich wissenschaftlich nachweis- und quantifizierbar und damit völlig ungeeignet für die vorliegende Diskussion, wo es ja schon nach der dritten Seite nur noch um die religiösen Aspekte der Bioernährung [...] mehr...
Man sollte im Hinterkopft behalten, dass die Leute heutzutage vor allem wegen viel besserer Ernährung und grösserer Hygiene mehrere *Jahrzehnte *mehr Zeit haben, um verhaltensauffällig und krank zu sein. Tauschen möchte trotzdem [...] mehr...
Ich weiss natürlich auch nicht genaues, aber ich komme gerade aus dem KH, Darmzentrum. Dort mussten einige Krebspatienten auf das Ende, bzw. den Anfang ihrer Chemo warten. Wir waren 6 Patienten, ich war der einzige, der normale [...] mehr...
Könnten sie ihre Gründe für die völlige Ablehnung etwas näher erläutern? mehr...
© SPIEGEL Wissen 3/2009
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