Von Ullrich Fichtner
Essen, Trinken, Ernährung sind Phänomene mit so vielen Unbekannten, dass sich lösbare Gleichungen daraus nicht basteln lassen. Ein Chemiker wird an ihnen immer nur erforschen, was für einen Chemiker interessant ist, und ein Mikrobiologe wird nur finden, was sein mikrobiologischer Blick sehen kann. Wie aber alles zusammenhängt, wie Knoblauch und Kirschen, Rotwein und Eheglück, Mozart, Hund und Vollkornbrot am Ende zum mehr oder minder gelingenden Leben eines Menschen werden - das fällt zum Glück nicht in den Beritt von Naturwissenschaftlern.
Dazu braucht es mehr kulturellen und philosophischen Mumm, wie ihn etwa die Chinesen seit Jahrtausenden beweisen. Wer sich mit ihrer Esskultur beschäftigt, staunt bald über die Tiefe der Erfahrung, die Genauigkeit der Befunde, den Reichtum an Essensspielen und -regeln, den immensen metaphorischen Reichtum der "fünf Elemente", die in Chinas Ernährung von der Farbe bis zur Würze alles regieren. Verbote, wie bei uns, gibt es kaum. Diktate, wie bei uns, ebenso wenig. Deutlich komplexer geht alles da zu, verwobener, dazu sagen wir westlichen Menschen dann schnell: Esoterik. Aber wer ist hier wirklich auf dem Holzweg?
Amerika, Europa, Deutschland haben in Sachen Essen einen erschütternden kollektiven Entfremdungs- und Entleerungsprozess hinter sich gebracht, in dessen Zuge das Essen in absurder Weise industrialisiert wurde.
Wir heute verbinden mit Essen nicht mehr die Suche nach Rezepten, nach Zutaten, nicht mehr den oft langwierigen Prozess der Herstellung, in den so viele Kulturtechniken und so viel Allgemeinwissen einfließen, nein: Unsere Ernährung beginnt heute gern mit dem Geräusch der Klingel am Mikrowellenherd, wenn die praktische Alu-Portionsschale nach dreieinhalb Minuten bei 800 Watt gut durchgeheizt ist. Kann es nicht sein, dass unsere Probleme genau daher rühren?
Und kann es nicht sein, dass der hiesige ernährungswissenschaftliche Ansatz, eine Tiefkühl-Lasagne nur in Brennwerte, Vitamine, Ballaststoffe aufzuspalten, die eigentliche Scharlatanerie ist? Dass unsere Ernährungswissenschaft beharrlich über die falschen Fragen nachdenkt? Dass es wichtiger wäre, über den Effekt von Tiefkühlnahrung auf die Seele des Konsumenten nachzudenken als auf seine Blutfettwerte? Oder darüber, dass beim Einkauf auf einem richtigen Markt und im Geplauder mit richtigen Bauern dort und bei der Berührung von richtigen Rettichen und Kohlköpfen und beim Geruch von Waldpilzen und beim Probieren von Feigen der Stoff entsteht, der uns am Leben und gesund erhält? Ist es Glück? Befriedigung? Kindheitserinnerung? Ist es Qi, wie die Chinesen sagen?
Es sind jedenfalls diese völlig unmessbaren Dinge, die eine wahre Ernährungswissenschaft eigentlich erforschen müsste. Die unsrige tut es nicht. Die Top-Nachricht auf der Homepage der "Deutschen Gesellschaft für Ernährung" lautete Anfang Juli einmal: "Studien belegen präventive Effekte körperlicher Aktivität auf Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs." Ins Deutsche übersetzt heißt das ungefähr: Spazieren gehen, bügeln, tanzen, Fahrrad fahren tut gut. Wer hätte das gedacht. Und wer bezahlt eigentlich Menschen Geld dafür, derlei Allgemeinplätze immer wieder zu produzieren? Und ansonsten "Ernährungspyramiden" zu basteln?
Guter Rat ist jedenfalls nicht zu haben. Alle Ratschläge kann man getrost überlesen, weil über kurz oder lang andere Wissenschaftler herausfinden werden, dass das Gegenteil des bislang felsenfest Gültigen stimmt. Der Mensch - bleibt ratlos zurück und hätte doch alle Antworten, so er sie nur hören könnte. Der Hunger, der Durst, der Appetit, die Lust auf Saures, Salziges, sie sind uns nicht allein dafür gegeben, im Supermarkt zwischen Tiefkühl-Pizza "Hawaii" und "Hellas" auszuwählen; sie sind eigentlich dazu da, uns bei der Wahl unserer Speisen zu leiten, und zwar ein Leben lang.
Jeder Einzelne könnte deshalb mehr über seine eigenen Bedürfnisse wissen als alle Ernährungswissenschaftler der Welt zusammen. Er müsste nur anfangen, nicht mehr auf sie zu hören, sondern sich selbst zu vertrauen.
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