Von Simone Kaiser
Was Wright seine "Theorie" nennt, ist simpel und kompliziert zugleich. Eine mittlerweile fixe Idee, die als harmloser Selbstversuch startete. Seit mehr als 18 Jahren isst der Brite nur noch Obst und Gemüse - alles roh. Dazu ein paar Tropfen Essig und Öl. Er trinkt keinen Alkohol, raucht nicht. Manchmal gönnt er sich bei Kopfschmerzen eine Aspirin.
Tony Wright glaubt, dass unsere Ernährung der Grund ist, warum unsere beiden Gehirnhälften weniger miteinander vernetzt sind und vor allem die rechte weniger leistungsfähig ist, als dies genetisch möglich wäre. Und warum wir im Vergleich zu manch anderen "Tierarten" eben auch so viel Schlaf bräuchten. Mit der richtigen Nahrung, so seine These, benötige man weniger Schlaf.
Die beiden Hirnhälften, so glaubt er, könnten getrennt schlafen oder ruhen - wie bei Walen und Delphinen: Werde die eine müde, könne der Mensch die andere, wachere aktivieren. Und währenddessen könne sich die "ruhende" Seite regenerieren. Das gehe aber eben nur mit dem richtigen Kraftstoff - vegetarischer Kost. Vereinfacht gesagt.
Denn eigentlich ist Wrights Theorie, die er in seinem Buch mit dem Titel "Left in the Dark" umreißt, eine bunte Mixtur aus Medizin, Ernährungswissenschaft, Psychologie, Schlafforschung, Evolutionstheorie und Anthropologie - um nur die wichtigsten Wissenschaften zu nennen.
Der "Schlüssel-Zeitpunkt": sieben Tage ohne Schlaf
Viele kanzeln den Sieger über die Schläfrigkeit schlicht als einen ideologischen Spinner ab. Ihn selbst stört das kaum: "Ich bin doch wohl selbst das beste Beispiel dafür, dass an meiner Theorie irgendetwas dran sein muss."
Jahrelang habe er in Hunderten Schlafentzugsexperimenten seine Methode perfektioniert, die Tür im Kopf weiter aufzustoßen. Immer länger ohne Schlaf auszukommen - und sich dabei trotzdem fit zu fühlen. Sieben Tage ohne Schlaf hält er etwa für einen "Schlüssel-Zeitpunkt". Das habe er selbst erlebt und Vergleichbares auch in spiritueller Literatur, etwa über die Geisteskraft von Schamanen aus Naturvölkern, gefunden.
Als evolutionäres Vorbild sieht Wright Menschenaffen wie Schimpansen und Bonobos, unsere genetisch gesehen nächsten Verwandten aus dem Tierreich. Ernährten nicht auch sie sich nur von Ungekochtem und seien zu ausgezeichneten Gedächtnisleistungen in der Lage? Für Wright ist der Zusammenhang ganz offensichtlich.
Während seines Selbstversuchs in der "Studio Bar" nahm der Rohkost-Anhänger wie schon zuvor nur Bananen, Avocados, Salat, Tomaten oder ein paar Nüsse zu sich. Mangos liebt er besonders. Auch wenn er beklagt, dass gute, reife Früchte auf der Insel schwer zu bekommen seien und zudem sehr teuer.
Öffentlicher Selbstversuch
Wright lebt bescheiden. Der gelernte Gärtner bezieht Arbeitslosengeld. Um sein Buch zu promoten, zu Kongressen zu reisen und Experten zu treffen, fehlt ihm schlicht das Geld. Auch deshalb der öffentliche Selbstversuch.
Außerhalb von Penzance, wo Cornwall selbst im Nieselregen aussieht wie eine Postkarte, bewohnt Wright ein enges Zimmerchen. Ein Schreibtisch, Bett, vollgestopfte Bücherregale. Die meiste Zeit, auch nachts, verbringt er mit Lesen. Er hat zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, beide leben bei ihren Müttern.
Tony Wright hat nie eine Universität besucht. All sein Fachwissen hat er sich angelesen. Er ist ein Getriebener. Verzweifelt kämpft er, weniger um Anerkennung als um Beachtung seiner Theorie, notfalls auch Widerlegung.
Wer jede Nacht weniger als vier Stunden schläft, so die gängige Meinung der Schlafforscher, manipuliert die Ausschüttung diverser Hormone wie Cortisol, Melatonin, Leptin und Prolaktin. Das Immunsystem wird geschwächt, die Menschen altern schneller und werden dick. 27 Stunden ohne Schlaf beeinträchtigen die kognitive Leistung stärker als 0,85 Promille Alkohol im Blut.
"40 Stunden reden war schlimmer als elf Tage ohne Schlaf"
Auf Tony Wright scheint das nicht zuzutreffen. Seine Figur kann man als asketisch bezeichnen. Er sei gesund, hin und wieder bekomme auch er einen Schnupfen. Er sei seit Jahren nicht beim Arzt gewesen. Und in der "Studio Bar" besiegte er nach tagelangem Schlafentzug jeden Gegner am Poolbillard mit ruhiger Hand und zitterfreiem Stoß.
Astronauten, Nachtwächter, Ärzte oder Soldaten könnten davon profitieren, würde man das, was Tony Wright am besten kann, in Pillenform pressen.
Die zwei tiefen senkrechten Falten über seiner Nasenwurzel verkrampfen sich, wenn Tony Wright davon berichtet, wie lange er schon erfolglos versuche, für ein wissenschaftliches Schlafexperiment rekrutiert zu werden. Frustriert stochert er mit der Gabel in seinem Salat herum, schiebt die Kresse beiseite. Hunderte E-Mails habe er in den letzten Jahren an Wissenschaftler in aller Welt verschickt. Er warte noch immer auf Antworten.
Wright hat noch eine weitere Bestzeit aufgestellt: im Dauertelefonieren. Mehr als 40 Stunden hat er geschafft, dann gab er auf. "40 Stunden reden war schlimmer als elf Tage ohne Schlaf."
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wenig beneidenswerte Kunst und eine sehr eigene Theorie. Wofür ist das gut...? mehr...
Und es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Ergebnisse von Studenten bei Prüfungen umso besser waren, je weniger sie die Nacht zuvor geschlafen haben. Ich schätze mal, dass man zu jedem Standpunkt irgendeine bestätigende [...] mehr...
Ja, es gibt nachweislich Berichte von Fällen, in denen Arbeiter oder Computerspieler es mit dem Schlafentzug übertrieben haben und einfach tot umgefallen sind, weil vermutlich so ziemlich jeder Stoffwechselzyklus der biologisch [...] mehr...
Ich habe vor einer Uni-Prüfung 36 h nicht geschlafen und gut abgeschnitten, aber trotzdem würde ich keinen Lebensstil daraus machen wollen und insbesondere glaube ich nicht, daß sowas gesund oder "vernünftig" ist. mehr...
Ich bin verwundert, dass man das überlebt... Zum einen der Rekordhalter aus England, aber auch mein Vorredner mit der 2-Wochen-Party. Ein krankhaft ehrgeiziger Workaholic aus meinem Umfeld hatte als Architekturstudent einmal [...] mehr...
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© SPIEGEL Wissen 4/2009
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