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10.11.2009
 

Traumwelten

Wahn und Visionen

Von Jörg Böckem

Manche sehen in wachem Zustand Bilder und hören Stimmen, die andere nicht sehen oder hören. Nicht nur bei psychisch Kranken und im Drogenrausch verschwimmen die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit.

Solange es im Schlaf passiert, ist alles in Ordnung. Wenn wir mit geschlossenen Augen in unseren dunklen Zimmern liegen, dürfen wir uns ungehemmt den wildesten Vorstellungen und Phantasiegebilden hingeben.

Wer jedoch im Wachsein traumartige Zustände erlebt, Dinge sieht und hört, die andere nicht sehen oder hören, gilt in der modernen westlichen Welt meist als verrückt oder drogensüchtig, zumindest als Sonderling. Doch solche Bilder und Stimmen entstehen nicht nur bei psychisch Kranken oder im Drogenrausch.

Schuld hat unsere Vorstellungskraft: Die gleichen neuronalen Prozesse, die es uns ermöglichen, Häuser zu entwerfen, Bilder zu malen oder Romane zu schreiben, sorgen mitunter dafür, dass die Grenzen zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Traumartig veränderte Wachbewusstseinszustände können in den unterschiedlichsten Formen auftreten, im besten Fall nennen wir sie Visionen, im schlimmsten Fall Wahn.

Auch wenn sich Auslöser und Wirkung unterscheiden mögen, lassen sich die Visionen der Mystikerin Hildegard von Bingen, die Drogenerlebnisse des New-Age-Propheten Carlos Castaneda, schamanische Entrückungszustände, Psychosen und Halluzinationen doch auf ähnliche Prozesse zurückführen.

Halluzinationen oder Wahnvorstellungen entstehen, wenn das Gleichgewicht der neuronalen Botenstoffe des Gehirns - allen voran Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und Acetylcholin - entgleist und die Interaktion verschiedener Gehirnteile gestört ist. Komplexe Halluzinationen und wahnhafte Gedanken treten sehr häufig während einer schizophrenen Psychose auf.

Die Schwerkraft hat keine Macht mehr über ihn

Der Zusammenhang von Wahn und Traum hat Philosophen und Mediziner seit der Antike beschäftigt. Aristoteles begriff Halluzinationen als eine Form des Traums im wachen Zustand, Wilhelm Griesinger, einer der Begründer der modernen Psychiatrie, konstatierte 1861 eine "große Ähnlichkeit des Irreseins mit Traumzuständen", für Sigmund Freud war der Traum gar "eine Psychose, mit allen Ungereimtheiten, Wahnbildungen, Sinnestäuschungen einer solchen".

Es ist Herbst 2001, als sich Henning T. in eine Comicfigur verwandelt. Sein Körper ist zweidimensional und quietschbunt. Die Schwerkraft hat keine Macht mehr über ihn, er schwebt an der Zimmerdecke. Er spürt einen Tritt. Hinter ihm geflügelte Teufelsgestalten mit blutroten, verzerrten Fratzen, zähnefletschend. Sie jagen ihn, treten ihn mit schweren, flammenden Stiefeln, werfen ihn gegen die Wände, er spürt die Schmerzen am ganzen Körper. Laute, bösartige Stimmen dröhnen aus Wänden und Radio. Er kann sie nicht mehr ertragen, die Stimmen, die ihn beschimpfen und beleidigen. Henning T. reißt zwei Kabel aus der Stereoanlage, knotet sie zu einer Schlinge und befestigt sie an einem Haken an der Decke. Er steigt auf einen Lautsprecher und legt sich die Schlinge um den Hals. Springt. Die Schlinge löst sich. "Das soll dir eine Lehre sein", schreien die Stimmen in trommelfellzerfetzendem Chor, "geh in die Klinik und lass dich heilen!"

Heute ist Henning T. 40 Jahre alt, er hat sechs akute Psychosen erlebt, die letzte liegt 2 Jahre zurück, die erste beinahe 20 Jahre. Sie wurde durch LSD ausgelöst. Seine Diagnose lautet schizoaffektive-paranoide Psychose, außerdem ist er manisch-depressiv, er nimmt Medikamente, gegen die Depression, die Manie, die Schizophrenie. Er hat gelernt, mit seiner Krankheit zu leben, seit drei Jahren ist er verheiratet. "In der Psychose habe ich schlimmste Angst und tiefste Verzweiflung erlebt", sagt er. "Aber auch die größten vorstellbaren Glücksgefühle. Ich möchte das nie wieder durchmachen. Aber es war auch eine bereichernde Erfahrung."

Die Trugbilder sind grausame Wirklichkeit

Etwa ein Prozent der Bevölkerung erkrankt mindestens einmal im Leben an Schizophrenie, in psychiatrischen Kliniken wird sie als zweithäufigste Erkrankung nach der Depression behandelt. In einer akuten schizophrenen Psychose können Betroffene meist nicht mehr zwischen Innen- und Außenwelt unterscheiden, sie geraten in einen übererregten Zustand, der zu Halluzinationen, Größen-, Beziehungs- oder Verfolgungswahn führen kann.

Besonders verbreitet ist das Stimmenhören - Stimmen, die befehlen, kommentieren oder dialogisieren. Auch optische Halluzinationen sind nicht selten. Der Betroffene vermag Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem zu trennen, das Gehirn kann störende Signale nicht mehr ausfiltern, das Bewusstsein wird von Eindrücken überschwemmt. Wie der Traum öffnet auch die Psychose die Schleusen für eine Flut von Ideen und Phantasien, die tieferen Bewusstseinsschichten entstammen.

"Die Realitätswahrnehmung in der Psychose ist subjektzentriert", sagt Professor Thomas Fuchs, Oberarzt der Klinik für Allgemeine Psychiatrie im Universitätsklinikum Heidelberg. "Der Schizophrene befindet sich im Zentrum des Geschehens, alles hat eine auf ihn gerichtete Bedeutung. Eine neutrale Realität oder unbeteiligte Geschehnisse gibt es nicht. Gleichzeitig gerät er in eine passive Rolle, er wird, ähnlich wie im Traum, von den Geschehnissen überwältigt und kann sie nicht aktiv gestalten." Schizophrene fühlen sich daher oft bedroht, kontrolliert und manipuliert. Ein Realitätsabgleich ist ihnen meist nicht möglich, die Trugbilder sind grausame Wirklichkeit, Aufwachen ausgeschlossen.

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