Von Jörg Böckem
"Manchmal reicht es schon, wenn jemand sehr oft allein ist. Wenn jemand sozial isoliert ist oder unter Reizentzug leidet, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer Weile Halluzinationen", sagt Kasten. "Ich vermute, das Gehirn ist dann unterbeschäftigt und sorgt selbst für seine Unterhaltung. Der Mensch empfindet nur einen bestimmten Aktivierungsgrad des Gehirns als angenehm, zu wenig oder zu viel Stimulation führen auf die Dauer zu geistigen Störungen."
Sarah K., ein Einzelkind, hatte als kleines Mädchen Angst vor anderen Kindern, häufig spielte sie allein. Ihre Halluzinationen begannen, als sie mit 13 erfuhr, dass der Mann, den sie Papa nennt, seit sie denken kann, nicht ihr leiblicher Vater ist.
Da bei visuellen und akustischen Halluzinationen dieselben Hirnbereiche aktiv sind, die auch reale Eindrücke und Geräusche verarbeiten, fällt es Betroffenen wie Sarah K. schwer, Trugbilder und Realität zu unterscheiden. "Jedes Erleben", sagt Kasten, "findet im Gehirn statt, die Realität bildet sich dort ab. Halluzinationen sind ebenfalls Bilder, die das Gehirn entstehen lässt, deshalb wirken sie so real." Auch nächtliche Traumbilder wertet Kasten als eine Form der Halluzination.
Die Halluzinationen von Gesunden unterscheiden sich nicht grundlegend von denen einer akuten Psychose. Im Gegensatz zu Schizophrenen sind psychisch Gesunde in der Lage, ihre Trugbilder als irreal zu erkennen. Kasten rät seinen Patienten daher, die Halluzinationen auch als besondere Fähigkeit wertzuschätzen.
Grenzzustand zwischen Traum und Halluzination
"In unserer zu sehr bewusstseinszentrierten Welt wird imaginäres Erleben leider meist pathologisiert", sagt Michael Schmidt-Degenhard, Professor in Heidelberg und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Düsseldorf. "Eine Psychose ist eine schwere, leidvolle Krankheit, aber sie birgt auch Positives, Kreatives - Wahn ist auch ein Kunstwerk aus Verzweiflung. Diese Seite ignorieren wir, wenn wir im Wahn nur etwas Defizitäres sehen."
Schmidt-Degenhard hat die sogenannte oneiroide Erlebnisform erforscht, eine besondere Form des traumartig veränderten Wachbewusstseins. Oneiroide sind hochkomplexe, detaillierte Quasi-Träume, die der Erlebende für real hält und die er auch im Nachhinein nicht vom Wachzustand unterscheiden kann. Der oneiroide Bewusstseinszustand entsteht in trauma- oder krankheitsbedingten Extremsituationen, zum Beispiel bei Polyradikulitis-Patienten, die bei vollem Bewusstsein eine motorische Lähmung erleben.
"Wenn ein Mensch von Selbst- und Weltverlust bedroht ist, etwa durch anhaltende, völlige Bewegungsunfähigkeit, ersetzt er die lebensbedrohliche Realsituation durch eine eigene, imaginäre Welt, die von der Realität entkoppelt ist", sagt Schmidt-Degenhard. Eine Art Grenzzustand zwischen Traum und Halluzination. "Da die Bewältigung einer Situation in der Realität nicht möglich ist, findet ein Weltwechsel statt, die Realsituation wird aber in der Imagination vergegenwärtigt. Eine intensive Form der Sinnstiftung und Sinngebung in einer an sich unerträglichen Situation, die uns Menschen eigene Gestaltungsfähigkeit ermöglicht, nicht in einem Nichts des Bewusstseinsverlustes unterzugehen. Darin liegt etwas Rettendes."
Alles ist real, auch später in der Erinnerung
Auch der Zürcher Kunsthistoriker Peter Cornelius Claussen beschreibt seine Oneiroid-Erlebnisse in seinem Buch "Herzwechsel" als Rettungsaktion der Seele. Er ist 49 Jahre alt, als sich sein Bewusstsein nach einer Herzklappenoperation mit anschließender Herztransplantation tagelang auf Reisen begibt, während sein Körper auf der Intensivstation zur Bewegungslosigkeit verurteilt ist. Claussen taucht ein in eine selbstgeschaffene Welt, besucht fremde Zeiten und Orte: Er erlebt sich als bettlägerigen, alten Mann, an Bord eines Zugsanatoriums, ein Roboter wacht über seine Gesundheit. Er lebt im frühen Mittelalter unter Adligen, die Rauschmittel aus Blut herstellen. Wird von einem Griechen auf dem Motorrad in dessen Heimatland verschleppt, surft mit seinem Spitalbett im Firnschnee der Alpen und trifft einen koreanischen Mafioso. Er geht völlig auf in dem imaginierten Geschehen, alles ist real, auch später in der Erinnerung.
Diese inneren Reisen unterscheiden sich für Claussen grundlegend von jedem Traum. "Traum ist ein anderer Zustand", beschreibt er sein Erleben. "Die Erinnerung an Träume ist schwach und zerbrechlich. Ganz im Gegensatz dazu sind mir die Erinnerungen aus mentalen Reisen noch nach Jahren und in nebensächlichen Details überdeutlich." Deutlicher und intensiver sogar als wirklich Erlebtes.
"Die Intensität dieses Erlebens sprengt den Horizont unserer sonstigen lebensweltlichen Erfahrungen", sagt der Psychiater Schmidt-Degenhard. Letzten Endes zeigen Oneiroide, Psychosen, Halluzinationen und Drogenrausch, wie brüchig unsere inneren Abbilder der äußeren Wirklichkeit auch im Wachen sind.
"Jede Veränderung des Bewusstseinszustandes", resümiert der Psychologe Kasten, "kann zu einer Verformung dessen führen, was wir Realität nennen." Eine Erfahrung, die durchaus auch bereichernd sein kann.
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© SPIEGEL Wissen 4/2009
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