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Traumwelten Wahn und Visionen

3. Teil: Wahn ist auch ein Kunstwerk aus Verzweiflung

"Manchmal reicht es schon, wenn jemand sehr oft allein ist. Wenn jemand sozial isoliert ist oder unter Reizentzug leidet, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer Weile Halluzinationen", sagt Kasten. "Ich vermute, das Gehirn ist dann unterbeschäftigt und sorgt selbst für seine Unterhaltung. Der Mensch empfindet nur einen bestimmten Aktivierungsgrad des Gehirns als angenehm, zu wenig oder zu viel Stimulation führen auf die Dauer zu geistigen Störungen."

Sarah K., ein Einzelkind, hatte als kleines Mädchen Angst vor anderen Kindern, häufig spielte sie allein. Ihre Halluzinationen begannen, als sie mit 13 erfuhr, dass der Mann, den sie Papa nennt, seit sie denken kann, nicht ihr leiblicher Vater ist.

Da bei visuellen und akustischen Halluzinationen dieselben Hirnbereiche aktiv sind, die auch reale Eindrücke und Geräusche verarbeiten, fällt es Betroffenen wie Sarah K. schwer, Trugbilder und Realität zu unterscheiden. "Jedes Erleben", sagt Kasten, "findet im Gehirn statt, die Realität bildet sich dort ab. Halluzinationen sind ebenfalls Bilder, die das Gehirn entstehen lässt, deshalb wirken sie so real." Auch nächtliche Traumbilder wertet Kasten als eine Form der Halluzination.

Die Halluzinationen von Gesunden unterscheiden sich nicht grundlegend von denen einer akuten Psychose. Im Gegensatz zu Schizophrenen sind psychisch Gesunde in der Lage, ihre Trugbilder als irreal zu erkennen. Kasten rät seinen Patienten daher, die Halluzinationen auch als besondere Fähigkeit wertzuschätzen.

Grenzzustand zwischen Traum und Halluzination

"In unserer zu sehr bewusstseinszentrierten Welt wird imaginäres Erleben leider meist pathologisiert", sagt Michael Schmidt-Degenhard, Professor in Heidelberg und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Düsseldorf. "Eine Psychose ist eine schwere, leidvolle Krankheit, aber sie birgt auch Positives, Kreatives - Wahn ist auch ein Kunstwerk aus Verzweiflung. Diese Seite ignorieren wir, wenn wir im Wahn nur etwas Defizitäres sehen."

Schmidt-Degenhard hat die sogenannte oneiroide Erlebnisform erforscht, eine besondere Form des traumartig veränderten Wachbewusstseins. Oneiroide sind hochkomplexe, detaillierte Quasi-Träume, die der Erlebende für real hält und die er auch im Nachhinein nicht vom Wachzustand unterscheiden kann. Der oneiroide Bewusstseinszustand entsteht in trauma- oder krankheitsbedingten Extremsituationen, zum Beispiel bei Polyradikulitis-Patienten, die bei vollem Bewusstsein eine motorische Lähmung erleben.

"Wenn ein Mensch von Selbst- und Weltverlust bedroht ist, etwa durch anhaltende, völlige Bewegungsunfähigkeit, ersetzt er die lebensbedrohliche Realsituation durch eine eigene, imaginäre Welt, die von der Realität entkoppelt ist", sagt Schmidt-Degenhard. Eine Art Grenzzustand zwischen Traum und Halluzination. "Da die Bewältigung einer Situation in der Realität nicht möglich ist, findet ein Weltwechsel statt, die Realsituation wird aber in der Imagination vergegenwärtigt. Eine intensive Form der Sinnstiftung und Sinngebung in einer an sich unerträglichen Situation, die uns Menschen eigene Gestaltungsfähigkeit ermöglicht, nicht in einem Nichts des Bewusstseinsverlustes unterzugehen. Darin liegt etwas Rettendes."

Alles ist real, auch später in der Erinnerung

Auch der Zürcher Kunsthistoriker Peter Cornelius Claussen beschreibt seine Oneiroid-Erlebnisse in seinem Buch "Herzwechsel" als Rettungsaktion der Seele. Er ist 49 Jahre alt, als sich sein Bewusstsein nach einer Herzklappenoperation mit anschließender Herztransplantation tagelang auf Reisen begibt, während sein Körper auf der Intensivstation zur Bewegungslosigkeit verurteilt ist. Claussen taucht ein in eine selbstgeschaffene Welt, besucht fremde Zeiten und Orte: Er erlebt sich als bettlägerigen, alten Mann, an Bord eines Zugsanatoriums, ein Roboter wacht über seine Gesundheit. Er lebt im frühen Mittelalter unter Adligen, die Rauschmittel aus Blut herstellen. Wird von einem Griechen auf dem Motorrad in dessen Heimatland verschleppt, surft mit seinem Spitalbett im Firnschnee der Alpen und trifft einen koreanischen Mafioso. Er geht völlig auf in dem imaginierten Geschehen, alles ist real, auch später in der Erinnerung.

Diese inneren Reisen unterscheiden sich für Claussen grundlegend von jedem Traum. "Traum ist ein anderer Zustand", beschreibt er sein Erleben. "Die Erinnerung an Träume ist schwach und zerbrechlich. Ganz im Gegensatz dazu sind mir die Erinnerungen aus mentalen Reisen noch nach Jahren und in nebensächlichen Details überdeutlich." Deutlicher und intensiver sogar als wirklich Erlebtes.

"Die Intensität dieses Erlebens sprengt den Horizont unserer sonstigen lebensweltlichen Erfahrungen", sagt der Psychiater Schmidt-Degenhard. Letzten Endes zeigen Oneiroide, Psychosen, Halluzinationen und Drogenrausch, wie brüchig unsere inneren Abbilder der äußeren Wirklichkeit auch im Wachen sind.

"Jede Veränderung des Bewusstseinszustandes", resümiert der Psychologe Kasten, "kann zu einer Verformung dessen führen, was wir Realität nennen." Eine Erfahrung, die durchaus auch bereichernd sein kann.

Weitere Informationen zur Sammlung Prinzhorn finden Sie hier:

http://www.prinzhorn.uni-hd.de/

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insgesamt 75 Beiträge
ignazwrobel 12.12.2009
Ein Mensch, der einen solchen Geisteszustand noch nicht erlebt hat, kann dazu kaum etwas schreiben. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich Halluzinationen in Form von Bildern und Stimmen im Gehirn auf die Psyche [...]
Ein Mensch, der einen solchen Geisteszustand noch nicht erlebt hat, kann dazu kaum etwas schreiben. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich Halluzinationen in Form von Bildern und Stimmen im Gehirn auf die Psyche auswirken, muß ein Mensch dies selber erlebt haben.
MaxGrabowski 12.12.2009
Sehr genau! Habe ich auch gedacht. Nun damit der Autor auch empirisch seinen Artikel erfahren kann hat er verschiedene Möglichkeiten: 'Golden Buddha'-LSD-Paper aus Holland bei sehr schlechtem Setting nehmen, den Glauben [...]
Zitat von ignazwrobelEin Mensch, der einen solchen Geisteszustand noch nicht erlebt hat, kann dazu kaum etwas schreiben. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich Halluzinationen in Form von Bildern und Stimmen im Gehirn auf die Psyche auswirken, muß ein Mensch dies selber erlebt haben.
Sehr genau! Habe ich auch gedacht. Nun damit der Autor auch empirisch seinen Artikel erfahren kann hat er verschiedene Möglichkeiten: 'Golden Buddha'-LSD-Paper aus Holland bei sehr schlechtem Setting nehmen, den Glauben entweder an altestamentarische Götter verankern, die vornehmlich als brennender Busch erscheinen oder an Himmel und Hölle der mittelalterlichen Art samt der irdischen Sanktionen. Nur ob ihm die Rückfahrkarte gewährt würde, bleibt offen. Letzlich also (fast) alles Dinge, die Jahrhunderte das Fundament der abendländischen Kultur bildeten.
dlv 12.12.2009
Dass sogenannte Halluzinationen eventuell von realen Außeneinflüssen stammen, wollen sich unsere Wissenschaftler nicht vorstellen. Wenn man sich mit einem für andere unsichtbaren Gegenüber auseinandersetzt, dann fehlt nicht dem [...]
Dass sogenannte Halluzinationen eventuell von realen Außeneinflüssen stammen, wollen sich unsere Wissenschaftler nicht vorstellen. Wenn man sich mit einem für andere unsichtbaren Gegenüber auseinandersetzt, dann fehlt nicht dem Betroffenen Einsicht, sondern den anderen. Insofern ist die Diagnose Halluzination die Kapitulation eines blinden Diagnostikers. Es wird nur das zugelassen, was erklärbar ist. Sollte der Halluzinierende leiden, so kann man ihm ja psychiatrisch helfen. Das ist dann aber immer nur Betäubung. Meiner Meinung nach sind Halluzinationen größtenteils gemacht. Ob tatsächlich vom eigenen kranken Hirn, von fremden Menschen oder von überirdischen Quellen, das wird nur der Betroffene erkennen können, wenn überhaupt. Eine menschliche oder nicht menschliche personifizierte Quelle outet sich bekanntlich nicht. Ebenso könnte man in einem Klavier nach dem Ursprung der auf ihm zuvor gespielten Musikstücke suchen, ohne den Pianisten zu sehen. Im Fall von Halluzinationen ist der 'Pianist' unseres Hirns im Verborgenen.
keyoz 12.12.2009
es ist doch erstaunlich, wieviele foristen zu den unterschiedlichsten themen etwas zu sagen haben. sie scheinen die welt zu kennen und können noch kontern, wenn sie längst widerlegt wurden. sobald es im wahrsten sinne des wortes [...]
es ist doch erstaunlich, wieviele foristen zu den unterschiedlichsten themen etwas zu sagen haben. sie scheinen die welt zu kennen und können noch kontern, wenn sie längst widerlegt wurden. sobald es im wahrsten sinne des wortes aber ans eingemachte geht, in diesem fall unsere gehirn, fehlen den herren und damen die worte; aus scham sich zu offenbaren oder von der allgemeinheit als verrückt abgestempelt zu werden. man sieht, wie tief verwurzelt die angst darüber noch immer ist.
phönix-kb 12.12.2009
„So viel ist gewiss, dass in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können, und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die nächste Zukunft gestattet ist." [...]
Zitat von sysopManche sehen in wachem Zustand Bilder und hören Stimmen, die andere nicht sehen oder hören. Nicht nur bei psychisch Kranken und im Drogenrausch verschwimmen die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit.
„So viel ist gewiss, dass in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können, und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die nächste Zukunft gestattet ist." (Goethe zu Eckermann) Noch schlimmer! Der Mann hatte auch noch Visionen, die in seiner Zeit eintrafen und andere deutsche Größen waren ähnlich „komisch“. Ja, ja – die Wahrheit ist ein bitterer Trank - und wer ihn gibt, hat selten Dank – denn der Menge schwacher Magen – kann ihn nur verdünnt vertragen. Wiedervorlage in 10.000 Jahren. - MfG
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