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23.02.2010
 

Interview

"Es gibt viele besorgte Gesunde"

Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: "Die Alten werden heute unter Druck gesetzt"Zur Großansicht
AP

Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: "Die Alten werden heute unter Druck gesetzt"

Der Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, 47, über die Unterschiede zwischen Vergesslichkeit und Demenz sowie den Sinn einer frühen Diagnose der Krankheit

SPIEGEL: Herr Pantel, Sie konnten sich gerade selbst nicht auf Anhieb an Ihre eigene Telefonnummer erinnern. Ein Frühzeichen von Demenz?

Pantel: Das menschliche Erinnerungsvermögen ist begrenzt. Je mehr Informationen man mit sich herumträgt, desto eher kann man auch mal etwas nicht abrufen. Das ist völlig normal.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich die normale Vergesslichkeit von Demenz?

Pantel: Wenn mir etwa in einem Moment so etwas wie meine Telefonnummer nicht einfällt, ein Detail, das später aber abgerufen werden kann, erklärt sich das mit einer kurzfristigen Kapazitätsüberlastung des Gehirns. Das kennt jeder. Im Alter lernt man meist nicht mehr so schnell, man braucht mehr Wiederholungen und Konzentration, braucht länger, um sich auf neue Situationen einzustellen. Vokabellernen dauert dann eben nicht zwei Tage, sondern eine Woche. Ein dementer Mensch hingegen lernt gar nicht mehr. Die Fähigkeit, neue Informationen zu speichern, ist bei der Krankheit zerstört.

SPIEGEL: Glauben Betroffene oft vorschnell, an Demenz erkrankt zu sein?

Pantel: Natürlich gibt es viele besorgte Gesunde, die einfach gar nichts haben. Manche ältere Menschen haben geradezu eine neurotische Fixierung darauf, dass ihr Gedächtnis nachlassen könnte. Das ist aber auch ein gesellschaftliches Problem: Die Alten werden heute unter Druck gesetzt, mit den Jungen mithalten zu müssen.

SPIEGEL: Was bringt einem tatsächlich Betroffenen die Frühdiagnose Demenz? Man kann doch kaum etwas dagegen tun.

Pantel: Es gibt da tatsächlich auch ein Recht auf Nicht-Wissen. Aber die Menschen, die zur Frühdiagnostik kommen, haben einen Leidensdruck und wollen es wirklich wissen. Wichtig ist, dass man schon vor der Untersuchung mit dem Patienten klärt, welche Konsequenzen eine Demenz-Diagnose für sein weiteres Leben hätte. Entscheidet er sich für eine Diagnostik, könnte er Vorteile haben: Im besten Fall kann eine Krankheit ausgeschlossen werden oder man entdeckt eine Krankheit, die behandelbar ist. Auch wenn die Diagnose Demenz lautet, gewinnt der Patient Zeit, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und Vorkehrungen für einen Verlust seiner Autonomie zu treffen. Viele Menschen empfinden es als eine Chance, zuvor Verfügungen und Vollmachten zu hinterlegen.

SPIEGEL: Wirklich behandeln kann man die Krankheit aber nicht?

Pantel: In allen Stadien der Erkrankung ist es möglich, den Verlauf einer Demenz positiv zu beeinflussen, auch medikamentös. Je früher man eine Therapie beginnt, desto besser. Die Patienten können auch an Studien für neue Medikamente teilnehmen. Man weiß zwar nicht, ob die Substanzen funktionieren, aber es gibt zumindest eine Chance. Auch für eine gesunde Ernährung und körperliche Aktivität gibt es erste Hinweise, dass das eine eine Verbesserung des Zustandes ermöglichen kann.

SPIEGEL: Welche Möglichkeiten gibt es, vorzubeugen?

Pantel: Es gibt drei Säulen der Demenz-Vorbeugung. Es hilft, wenn sich das Gehirn lebenslang aktiv mit der Umgebung auseinandergesetzt hat und dies auch im Alter noch tut. Bei der Ernährung sollte man auf Mittelmeerkost setzen, und Bewegung ist wichtig. Es gibt einen gewissen Schutz durch Bildung; ein Hochgebildeter würde dann ein paar Jahre später zum Patienten.

SPIEGEL: Gibt es für die Zukunft Hoffnung, Demenzen wirklich heilen zu können?

Pantel: Es gibt zurzeit etwa 20 Medikamente, die sich in einer aussichtsreichen Phase der klinischen Prüfung befinden. In der Vergangenheit gab es hier aber viele Enttäuschungen. Zudem wird man künftig den Betroffenen noch stärker psycho-soziale Hilfestellung für ihren Alltag geben - die positive Wirkung ist gut bewiesen. Eine dritte Säule könnten dann technische Adaptionen im Wohnraum des Patienten sein, die es ermöglichen, dass er trotz der Krankheit lange dort wohnen bleiben kann.

SPIEGEL: Sie meinen ...

Pantel: ... zum Beispiel einen Kühlschrank, der seinen Besitzer daran erinnert, dass er Milch einkaufen muss.

Das Interview führte Martin U Müller

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Zur Person

Johannes Pantel ist Professor für Gerontopsychiatrie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main

Buchtipp

Johannes Pantel:
"Geistig fit in jedem Alter"
Wie man mit der Aktiva-Methode Demenz vorbeugen kann.

Beltz Verlag; 292 Seiten; 14,95 Euro.

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Fakten zur Demenz

Zurzeit leben mehr als eine Million Demenzkranke in Deutschland, jährlich gibt es rund 250.000 Neuerkrankungen. Die Krankheit bezeichnet den Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit - besonders der Gedächtnisleistung und des Denkvermögens - und tritt verstärkt im hohen Alter auf. Demenz gilt als eine der teuersten Krankheitsgruppen im Alter, die Bundesregierung schätzt die Kosten derzeit auf 26 Milliarden Euro pro Jahr. Allerdings wird ein Großteil, nämlich die Pflege, bislang unentgeltlich von Angehörigen erbracht. Im Jahr 2010, schätzt die Bundesregierung, werden voraussichtlich 20 Prozent aller Bundesbürger über 65 Jahre alt sein - die Kosten könnten dann auf 36,3 Milliarden Euro steigen.

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Morbus Alzheimer

Die Alzheimer-Krankheit wird auch Morbus Alzheimer oder Demenz vom Alzheimer-Typ genannt. Der bayerische Nervenarzt Alois Alzheimer beschrieb die Erkrankung erstmals 1906 anhand von Beobachtungen an seiner 51-jährigen Patientin Auguste Deter, die fünf Jahre lang unter schwerem Gedächtnisverlust und paranoiden Wahnzuständen gelitten hatte, bevor sie starb. Bei der Analyse ihres Gehirns fand Alzheimer steinharte Ablagerungen, die sogenannten Plaques und Fibrillen.

Die langsam fortschreitende Erkrankung ist neurodegenerativ, d.h in bestimmten Gehirnbereichen wie dem Hippokampus, den motorischen Arealen und dem Hirnstamm, gehen die Nervenzellen allmählich zugrunde. Die durchschnittliche Krankheitsdauer liegt zwischen sechs und acht Jahren, in Ausnahmefällen zwischen einem und 15 Jahren. Im Verlauf kann es zu Jahre anhaltenden Plateauphasen kommen, während derer sich der Patient stabil auf dem erreichten Niveau hält.

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