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23.02.2010
 

Leben mit Demenz

Endstation Wellness

Von Annette Bruhns

Das Pflegeheim Sonnweid bei Zürich gilt als eine der besten Demenz-Einrichtungen weltweit. 150 Patienten leben hier in Wohngruppen, im Heim oder in der gemeinschaftlichen Intensivpflegestation. Die Devise: Lebensqualität bis zum letzten Atemzug.

Sonnweid. Der Name ist Programm. Auf der Südseite der Garten mit Wegen zum Lustwandeln und Jean-Tinguely-Springbrunnen, dahinter Wiesen und in der Ferne die schneebedeckten Glarner Alpen. Links zu Sitzgruppen arrangierte Loungesessel aus granitfarbenem Kunststoffrattan. Die Luft schmeckt wie frisch gewaschen.

Dies ist kein Schweizer Luxushotel. Dies ist ein Pflegeheim für Demente. Für Menschen, die schon mal sabbern oder sogar Kot verschmieren. Noch mal tief einatmen. Luft anhalten.

Eintreten. Lage sondieren. Und dann: Aufatmen.

Es riecht immer noch frisch. Die Herrschaften, die hier auf den lichten Fluren ihre Bahnen ziehen, sind gut gekleidet. Die Damen tragen Schmuck und auf den Nägeln roten Lack, die Herren gebügelte Hemden und geschnürte Schuhe. "Grüezi, Frau Eckli*", "Grüezi, Herr Walter, gaht's guat?" Eine junge Frau in kobaltblauer Arbeitskleidung quert grüßend den Flur. Die Angesprochenen blicken auf. Die alte Frau lächelt versonnen. "Grüezi", antwortet der tiefgebeugte Herr Walter und wird eine Spur gerader, "ja, ja, 's gaht guat".

Sonnweid beherbergt 150 demenzkranke "Bewohner", wie sie hier die Patienten nennen. Für fast alle ist das Haus in der Kleinstadt Wetzikon letztes Zuhause; der Durchschnittsaufenthalt beträgt 2,5 Jahre. Ein Team aus 240 Angestellten kümmert sich um sie, inklusive 4 Köchen und 15 Putzfrauen. Rund 6000 Euro kostet ein Pflegeplatz im Monat - in der Schweiz ist das für jeden Bürger bezahlbar.

Das Heim hat den Ruf einer europäischen Vorzeigeeinrichtung. Das liegt nicht nur an der finanziellen Ausstattung. Sondern an der Courage, mit der sie hier immer wieder Neues ausprobieren. Im Dienste des Menschen und seiner Bedürfnisse gelten hier keine Tabus. Sex, zum Beispiel, ist hier nicht nur erlaubt: Bei Bedarf wird er sogar gefördert.

Gleichzeitig behandeln sie die ihnen Anvertrauten mit geradezu skrupulösem Respekt. Welches Gut wiegt höher: Bewegungsfreiheit oder Unversehrtheit? Darf man einem gebrechlichen Bewohner eine Sturzhose gegen Hüftbruch umbinden, auch wenn die Inkontinenz befördert? Was ist, wenn eine Dame allmorgendlich bei der Auswahl ihrer Garderobe verzweifelt, sie sich aber von keinem Stück in ihrem proppevollen Kleiderschrank trennen mag: Darf man ihr dann heimlich Sachen wegnehmen? Solche Fälle entscheiden Ethikkommissionen, kleine, unbürokratische Runden, die hier fast täglich tagen.

Michael Schmieder, 55, hat diesen Sonnweid-Spirit geprägt. Ein Mann wie einem Janosch-Buch entsprungen: Schnauzer, verschmitzte Augen, buschige Brauen. Er ist ausgebildeter Pfleger mit einem Master in Ethik, politisch sozialisiert, wie er sagt, "bei den Anarchisten".

Zur Sonnweid kam der Badener 1986 als Pflegedienstleiter. Damals war das Haus ein heruntergewirtschaftetes Heim für chronisch psychisch kranke Frauen. Um aus den Miesen zu kommen, riet Schmieder dem Besitzer, das Haus einer Klientel zu widmen, die keiner wollte. Es entstand das mutmaßlich erste reine Dementenheim in Europa.

Seitdem ist Schmieder hier Chef. Er hat auch die Dreiteilung eingeführt, die heute vielerorts nachgeahmt wird. Wohngruppe, Heim, Intensivpflegestation.

In den Wohngemeinschaften wohnen die, die noch zu Hause leben würden, wenn sie Angehörige hätten: Menschen, die soziale Bindungen eingehen können. Wer das nicht mehr kann oder mag, wird im Heimbereich betreut. 70 Prozent der Sonnweidner leben hier. Zu den sieben Heimgruppen gehört eine "Tag-und-Nacht-Station", die externe Gäste bis zu drei Tage pro Woche aufnimmt. Betreuende Ehepartner reißen sich um diese Plätze zur eigenen Entlastung.

Die Schwerstdementen werden in der "Oase" gepflegt. Nachdem Schmieder die Station 1998 eingeführt hatte, schlug 2002 das Kuratorium Deutsche Altershilfe Alarm. Sieben Intensiv-Pflegefälle zusammen in einem Raum, das sei "der Vorhof zum Fegefeuer", ereiferten sich die Sittenwächter in Köln. Die Aufregung ist passé. Auch deutsche Heime setzen inzwischen auf Gemeinschaftsunterbringung in der letzten Phase.

Von Innovationsgeist zeugen sogar die Treppenhäuser. Schmieder geht voran. Lange, offene Rampen führen nach oben. Dort, wo es Stufen gibt, begrenzen im Zickzack geführte Stangen mit gelben Tüchern den Weg. "Seitdem wir die angebracht haben, ist hier niemand mehr gestürzt." Taghell ist es, "Vollspektrumlicht. Es regt die Serotoninbildung an und wirkt antidepressiv".

Links und rechts in den Gängen stehen alle zehn Meter Leckereien bereit. Obstschnitze auf Bananenblättern arrangiert, Käsestücke, Kuchen. "Viele Bewohner überleben nur dank dieses Angebots", sagt Schmieder leise und nickt einer beängstigend schmalen Frau mit riesigen Augen zu. Sie gehört zu den "Wanderern". Von einer Art Bewegungszwang getrieben, sind diese Menschen unermüdlich auf den Beinen.

Die Frau nähert sich Schmieder und tuschelt aufgeregt. Er beugt sich flüsternd zu ihr, sie antwortet, er nickt. Mit Verschwörermiene kramt sie eine Art hölzernes Ei aus ihrer Hosentasche und hält es ihm vor die Augen. Er berührt das Ei, "schön, ja". Einen Moment lang entspannen sich die steilen Falten über der Nase der Wanderin. Nickend verstaut sie wieder ihr Ei und zieht weiter.

* Alle Patientennamen wurde geändert.

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insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.03.2010 von Pampeia: Was in der Pflege möglich sein kann

Auch mich hat der Beitrag sehr berührt und an die Zeit erinnert, als ich selbst vor knapp zehn Jahren mit Anfang 20 für einige Jahre meine Großmutter gepflegt habe. Sie war nicht dement, jedoch lebte sie mit Darmkrebs bei uns, [...] mehr...

22.03.2010 von sam clemens: Übrigens ...

... ist der zweite Teil des Titels "Endstation Wellness" zum Heulen. Ist dem Autor nicht klar, dass viele Demente sich jeden Tag, jede Stunde unsäglich fremd fühlen? Was glauben denn Sie, warum manche Demente so gereizt [...] mehr...

22.03.2010 von myrtil1: Na ja, wo viel Licht, da auch viel Schatten

Ich habe vor wenigen Jahren die Sonnweid selber besucht, als ich auf der Suche nach einem Platz für meine demente Mutter war, und habe mich entschlossen,sie dort nicht leben zu lassen. Alles war super sauber und gepflegt, aber [...] mehr...

22.03.2010 von sam clemens: Die ...

... Zustände in vielen oder manchen deutschen Heimen sind tatsächlich erbärmlich. Das Thema wird sicher irgendwann für die inzwischen allenthalben skandalisierende Berichterstattung herhalten müssen - das wäre aber mMn der falsche [...] mehr...

22.03.2010 von Safado: Irreführende Aussage von SPON

<snip> Das ist aber etwas anderes wie im SPON-Artikel behauptet: Die Mehrheit derer die ich kenne und die über 65 sind könnten sich die genannten 6000 Euro/Monat nicht leisten. Ja es gibt wohl Ergänzungsleistungen, [...] mehr...

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Fakten zur Demenz

Zurzeit leben mehr als eine Million Demenzkranke in Deutschland, jährlich gibt es rund 250.000 Neuerkrankungen. Die Krankheit bezeichnet den Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit - besonders der Gedächtnisleistung und des Denkvermögens - und tritt verstärkt im hohen Alter auf. Demenz gilt als eine der teuersten Krankheitsgruppen im Alter, die Bundesregierung schätzt die Kosten derzeit auf 26 Milliarden Euro pro Jahr. Allerdings wird ein Großteil, nämlich die Pflege, bislang unentgeltlich von Angehörigen erbracht. Im Jahr 2010, schätzt die Bundesregierung, werden voraussichtlich 20 Prozent aller Bundesbürger über 65 Jahre alt sein - die Kosten könnten dann auf 36,3 Milliarden Euro steigen.

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