Von Jörg Böckem
Nina de Vries wächst in den Niederlanden auf, ihr Vater ist Lehrer, die Mutter Hausfrau. Die Eltern sind politisch engagiert, Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstrationen, Dritte-Welt-Laden, Amnesty International, die Themen der Zeit spielen im Familienalltag eine große Rolle.
Sie ist 16, als ihre Mutter Selbstmord begeht, nach jahrelangen Depressionen. Der Moment, der ihren Lebensweg entscheidend geprägt hat, wird Nina de Vries 30 Jahre später sagen. Ihre Welt bricht auseinander, sie sucht Orientierung.
Nach dem Abitur studiert sie Sozialarbeit, aber an der Universität findet sie nicht, was sie sucht. Mit 22 beginnt sie eine therapeutische Ausbildung in einem buddhistisch geprägten Institut, das auf intensive Selbsterfahrung setzt. Im Anschluss absolviert sie eine Massageausbildung.
Mit 29 zieht sie nach Berlin, dort arbeitet sie zunächst als Grafikerin und freie Künstlerin, wenn das Geld nicht reicht, kellnert sie. Ein Jahr lang arbeitet sie in einem Reha-Zentrum für Menschen mit Behinderungen. Als ihr dort eine Festanstellung angeboten wird, lehnt sie ab. Die Rolle des Pflegers, spürt sie, liegt ihr nicht.
Mitte der neunziger Jahre sucht ein Massagestudio, in dem eine ihrer Freundinnen arbeitet, Frauen. Kurz entschlossen sagt Nina de Vries zu. Sie massiert Männer, nackt, bis zum Orgasmus, Verkehr findet nicht statt. Die Arbeit fühlt sich überraschend gut an. "Ich habe damals viel gelernt", sagt sie. "Über Kommunikation, darüber, Grenzen zu setzen und einzuhalten, und über mich selbst." Sie macht auch Hausbesuche, erlebt die ersten sexuellen Kontakte mit behinderten Kunden. Berührungsängste hat sie keine, im Gegenteil. "Das waren spannende Erfahrungen - wie gehe ich mit jemandem um, der keine Beine hat? Oder inkontinent ist und Windeln trägt?" Die Besuche bei behinderten Klienten gehören für sie oft zu den angenehmsten Kundenbegegnungen.
Nach einem halben Jahr macht sie sich selbständig. Zufällig ist ihre Wohnung rollstuhlgerecht. Sie beschließt, schwerpunktmäßig mit Behinderten zu arbeiten. Kontaktiert die Prostituiertenorganisation Hydra, die Mitarbeiterin dort ist zunächst skeptisch - hat da jemand eine vermeintliche Marktlücke entdeckt und ist nur auf das schnelle Geld aus? Nina de Vries gelingt es, die Zweifel zu zerstreuen.
Mit Demenz macht sie auch jenseits der Arbeit Erfahrungen: Ihr Vater erkrankt früh an Alzheimer, bis zu seinem Tod besucht sie ihn regelmäßig. Die Geräusche, die sie heute bei ihren Besuchen in Pflegeheimen aus den Patientenzimmern hört, die Echolalie eines ihrer Klienten, der wie eine Schallplatte mit Sprung ständig die gleichen Worte wiederholt, das alles kennt sie von ihrem Vater.
Bevor sie einen Termin vereinbart, informiert sich Nina de Vries genau über demente Klienten. "Ich muss wissen, wie der Mann auf Verbote reagiert, ob er zu verbalen oder körperlichen Aggressionen neigt", sagt sie. "Ob er versteht, dass es sich um eine bezahlte Dienstleistung handelt, oder ob er denkt, ich sei seine Freundin." In ihrer Arbeit sei es unerlässlich, dass ihr Gegenüber die Grenzen respektiere. Deshalb ist es ihr wichtig, die Vorstellungen und Erwartungen des Klienten zu kennen. "Gerade in der älteren Generation ist es oft so, dass Männer Sex mit Geschlechtsverkehr gleichsetzen", sagt sie. Sollte das der Fall sein, könne sie nur den Besuch eines Bordells empfehlen. Auch die in der Kriegsgeneration nicht seltenen sexuellen Traumata, die der Klient meist nicht thematisieren kann, erschweren manchmal den Kontakt.
In den meisten Fällen allerdings empfindet Nina de Vries ihre Arbeit als beglückende Erfahrung. Einer ihrer Klienten, Ende sechzig, am Korsakow-Syndrom erkrankt, dement und sprachlich sehr stark eingeschränkt, sei bei ihrem ersten Treffen hochgradig depressiv und verschlossen gewesen. "Zuerst hat er gar nicht auf mich reagiert, dann irgendwann war er wie verwandelt, leidenschaftlich, lebendig, hat mich angelacht", erinnert sie sich. "So etwas erleben zu dürfen ist toll, ich bin dankbar, wenn jemand mir sein Vertrauen schenkt und so eine Erfahrung ermöglicht."
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© SPIEGEL Wissen 1/2010
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