Von Matthias Matussek
Als wir dem Rapper dann gegenübersaßen, sah ich: Er war ein sympathischer Teddybär. Und ich kapierte, dass die harte Nummer der HipHopper eine für 14-Jährige war, die das Abenteuer anbeten. Die beiden verstanden sich prächtig, unterhielten sich über konkurrierende Rapper, und ich war draußen. Weit draußen. Doch immerhin, wir saßen gemeinsam vor 50 Cent.
Die Vorstellung, dass ich mit meinem Vater gemeinsam meinem Idol Mick Jagger gegenübergesessen hätte, ist absurd, von allen Seiten. So weit immerhin sind die Generationsklüfte eingeebnet. Väter und Söhne, Mütter und Töchter sind heute Teilnehmer der gleichen Popkultur und haben weitgehend das gleiche Zeug auf ihren iPods. Mein Sohn hat Poster seiner HipHop-Stars in seinem Zimmer hängen, einen Fernseher, liberale Eltern, er spricht über Sex, er darf nicht geprügelt werden in der Schule. All das gehört zu den Errungenschaften der 68er, die die Gesellschaft und ihre kulturellen Kodizes ein für alle Mal revolutioniert haben, und ich bin mir nicht sicher, ob zum Guten hin.
Ich kann mich noch genau an den Nachmittag erinnern, als ich "Twist and Shout" zum ersten Mal hörte, bei uns im Wohnzimmer, die schweren Sessel weggeräumt, der Tisch mit der verstellbaren Platte ebenfalls, und mein ältester Bruder und sein Freund twisteten vor, und es war irrsinnig komisch und schön. Es gab Randschärfen, es gab das Alte und das Neue.
Mit 16 zog ich zu den Maoisten in eine Kommune
Wir hoben damals ab in diese neue Welt, aber auf einem soliden Fundament. Wie meine Brüder ging ich auf das Jesuiteninternat Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Das Ako war ein katholischer Kosmos aus Silentium und Kissenschlachten in 40-Betten-Schlafsälen, jeden Morgen in der Krypta Messe dienen, jeden Nachmittag Fußball, und gegen sündige Gedanken kalte Duschen. Nie übrigens gab es auch nur einen einzigen "Vorfall", von dem ich gewusst hätte. Doch selbst die Präfekten konnten sich dem übermütigen Glück der Beatles nicht entziehen - sonntags durften wir im Präfektenzimmer Singles auflegen, die Auswahl war nicht groß, "Mr. Postman" war dabei und "Help me Ronda" von den Beach Boys. Nie wieder gab es einen so deutlichen Bruch zwischen dem, was die Eltern hörten, und dem, was ihre Kinder hörten, zwischen der alten und der neuen Welt.
Zu der neuen gehörte übrigens auch, unten an der Haltestelle, der Imbiss mit dem Alligator-Flipper der Firma Bally, an dem die Zwillinge standen, selbst 14 Jahre alt, mit Fransenhemden und komischen Hüten und Miniröcken, und alle träumten von einem Freispiel mit ihnen. Auch die sexuelle Revolution war ein Thema meiner Jugendzeit - heute ist sie in dem sattsam bekannten pornografischen Totalschaden gelandet.
Mit 16 bin ich in eine Kommune gezogen, zu ein paar maoistischen Lehrern, und habe dort meinen Sommer der Anarchie verbracht. Meine Eltern haben mir sorgenvoll vom fernen bürgerlichen Ufer aus zugewinkt.
Aus seinem Zimmer schallt viel Japanisches
Heute sind die Rollen vertauscht. Ich sympathisiere immer noch mit Rebellionsgesten, während mein Sohn überhaupt nichts von Anarchie hält. Sein Schulpraktikum macht er bei der Polizei. Abends hält er mir Vorträge darüber, was man alles nicht darf. Es ist ziemlich viel, was man nicht darf. Kommunen? Er hat seinen Ersatz: Das sind die Jungens, die mit ihm im Internet "raiden" gehen, also jene, die gemeinsam mit ihm über Telefon-Standleitungen virtuelle Welten durchstreifen.
In letzter Zeit höre ich aus seinem Zimmer viel Japanisches. Markus liebt japanische Zeichentrickserien, kennt sich in den Sitten der Shoguns aus und den Höflichkeitsgeboten der Samurai, die er allerdings mir gegenüber weniger anwendet, wahrscheinlich, weil ich keinen japanischen Adelstitel trage. Am liebsten würde er jeden Tag Ramen-Suppe essen. Dann wiederum: All das ist auch nicht unbedingt exotischer als dieser Fransenhemden-Indianer-Quatsch, von dem wir in den sechziger Jahren so benommen waren.
Was kann ich meinem Sohn beibringen? Was soll ich ihm zurufen auf seinem Floß? Vielleicht, dass die Welt doch nicht von Monstern bevölkert ist, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Das ist wohl alles, was ich tun kann.
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