Von Julia Koch
Doch nicht alle Teile des Denkorgans reifen gleichzeitig heran: Vergleichsweise schnell abgeschlossen sind die Bauarbeiten in jenen Arealen, die für Wahrnehmung und Bewegungssteuerung zuständig sind, im sensorischen und motorischen Cortex. Es folgt die Feinjustierung der Regionen, die Sprache und räumliche Orientierung steuern.
Ausgerechnet die oberste Kommandozentrale des Gehirns indes lässt sich Zeit: Bis im präfrontalen Cortex alles rund läuft, vergehen viele, mitunter quälende Jahre. Gar bis über das 20. Lebensjahr hinaus, schätzt Psychiater Giedd, dauert die Reifung des Stirnhirns an.
Dieses Phänomen könnte so manche Spritztour mit Papas BMW, so manchen Alkoholexzess erklären: Der Stirnlappen ist für lebenspraktische Leistungen wie Planung oder das Abschätzen der Folgen einer Handlung zuständig.
"Ich glaube, dass der Frontallappen bei Jugendlichen nicht immer voll funktioniert", erklärt die Psychologin Deborah Yurgelun-Todd vom McLean Hospital in Belmont, Massachusetts. Sie hat Heranwachsenden und Erwachsenen Bilder von angstverzerrten Gesichtern gezeigt und gleichzeitig ihre Hirnströme gemessen. Ergebnis: Während die meisten Erwachsenen die gezeigte Emotion als Angst deuten konnten, lagen von den Pubertierenden erstaunlich viele weit daneben.
Und während die Erwachsenen reichlich Aktivität im Stirnhirn aufwiesen, schien diese Schaltstelle der Besonnenheit bei den Adoleszenten seltsam unbeteiligt. Bei ihnen feuerten weit mehr Neuronen im Bereich des Mandelkerns im Zwischenhirn, einer entwicklungsgeschichtlich älteren Struktur, die vor allem unbewusste Reaktionen steuert. "Das könnte ein Grund dafür sein, dass Jugendliche oft impulsiver handeln als Erwachsene", folgert Yurgelun-Todd.
Nie mehr im Leben ist die Gefahr größer, einen Unfalltod zu sterben
Im unreifen Dopaminsystem wiederum verbirgt sich womöglich die Antwort auf die Frage, warum manche Jugendliche sich mit Vorliebe in brenzlige Situationen bringen: Während der Umstrukturierung gehen im Gehirn vorübergehend rund 30 Prozent der Rezeptoren für den Glücksbotenstoff verloren - was bislang als aufregend verbucht wurde, erscheint plötzlich schal, der Kick muss ungleich größer sein, um dieselben Glücksgefühle zu erzeugen wie vor der Pubertät. Nie zuvor und nie mehr später im Leben ist denn auch die Gefahr größer als in der Adoleszenz, einen Unfalltod zu sterben.
Wer jetzt allzu sorglos mit Drogen herumexperimentiert, richtet womöglich bleibenden Schaden an. "Die Dopaminbahn ist die letzte, die im Gehirn heranreift", erklärt die Bielefelder Biologin Gertraud Teuchert-Noodt, Expertin für Transmittersysteme in der Hirnentwicklung. "Noch bis Anfang 20 kann man sie durch Drogenmissbrauch für immer durcheinanderbringen."
Dazu passt die Beobachtung des Neuropharmakologen Michael Koch: Der Bremer Forscher spritzte Ratten während ihrer Pubertät einen synthetischen Cannabiswirkstoff. Noch als erwachsene Tiere zeigten die Kifferratten deutliche Veränderungen im Dopaminsystem, sie wurden vergesslich und anstriebsschwach. Übertragen auf den Menschen, glaubt Koch, könnte diese chronische Überaktivierung des Dopaminsystems in einer sensiblen Phase auch dazu führen, dass Betroffene später im Leben nach harten Drogen greifen.
Selbst die plötzliche Neigung junger Menschen, abends lange auszugehen und sich dann zur ersten Schulstunde - wenn überhaupt - nur unter Protest aus dem Bett zu quälen, kann die Hirnforschung inzwischen erklären. Mit Beginn der Pubertät schüttet die Zirbeldrüse im Gehirn das Hormon Melatonin, den physiologischen Müdemacher, täglich zwei Stunden später aus als vorher; der Rhythmus verschiebt sich nach hinten.
Eine Hormonkaskade ist es auch, die den Startschuss für die Pubertät gibt: Die Zellen des Hypothalamus, einer wichtigen Steuerzentrale im Zwischenhirn, bilden den Botenstoff Neurokinin B, der wiederum die Produktion einer Substanz namens Gonadotropin-Releasing-Hormon anstößt. Dieser Stoff signalisiert über weitere Zwischenschritte Hoden und Eierstöcken, dass die Zeit gekommen ist, den heranwachsenden Körper mit den Sexualhornomen Testosteron und Östrogen zu fluten. Parallel dazu sorgen Wachstumshormone dafür, dass die Kinder in die Höhe schießen, sieben bis neun Zentimeter pro Jahr.
Auch wenn es vielen Eltern so vorkommt - sie müssen sich heutzutage nicht viel früher mit der Adoleszenz der Nachkommen herumschlagen als etwa ihre Eltern. Seit 1960 haben europäische Mädchen ihre erste Regelblutung im Schnitt mit etwa zwölfeinhalb Jahren. Noch hundert Jahre zuvor fand diese sogenannte Menarche erst mit etwa 17 Jahren statt, das lag vor allem an der schlechteren Ernährung junger Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts: Damit der Reifungsprozess starten kann, muss ein Körperfettanteil von rund 17 Prozent erreicht werden. Bei den meisten Jungen setzt die Pubertät zwischen dem 12. und dem 15. Lebensjahr ein, im Schnitt sind sie also etwas später dran als die Mädchen.
Frühe oder spätere Geschlechtsreife hat Konsequenzen für das ganze Leben
Ob die Geschlechtsreife früh oder spät eintritt, hat indes Konsequenzen für das ganze Leben. Das hat die Jenaer Entwicklungspsychologin Karina Weichold herausgefunden, die eine der größten Längsschnittstudien zum Thema Pubertät leitet.
Zehn Jahre begleiteten Weichold und ihr Team eine Gruppe von 66 jungen Mädchen. Die Forscher filmten die heute 23-Jährigen bei Streitgesprächen mit ihren Müttern, maßen Hirnströme und Stresshormonspiegel, packten ihnen GPS-Geräte in den Rucksack, um zu schauen, wo sie ihre Freizeit verbrachten. Den Kern der Untersuchung aber bildeten regelmäßige, ausführliche Befragungen.
"Es hat eindeutig Konsequenzen, ob jemand frühreif oder spät dran ist", erläutert Weichold: So entwickeln Mädchen, die schon mit elf Jahren die erste Regelblutung haben, ein auf Dauer schwieriges Verhältnis zu ihren Müttern, gründen früher eine Familie, wechseln den Partner häufiger und sind oft beruflich weniger erfolgreich als ihre Geschlechtsgenossinnen. "Diese Mädchen mussten zu früh erwachsen werden", erläutert Weichold, "zugleich neigen die Mütter dazu, ihre frühreifen Töchter besonders kurzzu- halten - das führt zu Konflikten."
Viel Leid und Ärger könnten sich die Eltern aufmüpfiger Heranwachsender ersparen, glaubt der Erlanger Pubertätsexperte Ralf Dawirs, wenn sie sich beizeiten klarmachten, wozu die ganze Quälerei gut ist: "Die Pubertät hat ja den Zweck, dass der Jugendliche sich emotional von den Eltern entkoppelt", erklärt der Buchautor. Das sei "eine biologische Notwendigkeit, sonst kann er nicht erwachsen werden".
Streitlust, Risikofreude, Abgrenzung von den Alten - was heute als störend wahrgenommen wird, war laut Dawirs über weite Strecken der Menschheitsgeschichte überlebenswichtig. "Vor eineinhalb Millionen Jahren sind die Eltern meist gestorben, wenn die Kinder in die Pubertät kamen", sagt er: "Das war die eigentliche Zeit des Erwachsenseins." Die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, um sich weiterzuentwickeln, sei damals eine wichtige Qualität gewesen - "heute erleben die Jugendlichen diese Phase oft als Zeit der Verbote durch die Eltern, die mit Mitte 40 verständlicherweise noch nicht abtreten wollen".
Das verlangt auch keiner. Gleichwohl, glaubt Dawirs, seien die Eltern gut beraten, dem biologischen Programm weitgehend seinen Lauf zu lassen: "Zu Beginn der Pubertät verschwinden die Kinder in einem emotionalen Nebel", sagt der zweifache Vater, "umso schöner ist es, wenn sie dann als Erwachsene wieder rauskommen."
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