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07.06.2010
 

Im Dschungel der Gefühle

"Lass heute rääääääääve"

Von Boris Breyer

Ohne Internet und Handy können sich Heranwachsende ihr Leben kaum noch vorstellen. Auf Cyber-Mobbing müssen sie gefasst sein.

Aus dem Schulgebäude hört man dieser Tage Geigenklang und den Gesang geschulter Stimmen. Idyllisch gelegen im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude, versteht sich das Wilhelm-Gymnasium als ein Hort humanistischer Werte.

Es ist kurz vor acht Uhr. Verordneter "Log-out". Handys werden ausgeschaltet, Minicomputer heruntergefahren, Smartphones verschwinden in den Schultaschen. Einerseits, damit die Schüler nicht ständig abgelenkt sind. Andererseits, damit niemand zu unerlaubten Hilfsmitteln greift: Die Abiturienten legen im Fach Musik ihre Prüfungen ab.

Acht Stunden später. Eine Traube Schüler drängt aus der Aula ins Freie. Die Schule ist aus, die Freizeit beginnt. Allgemeiner "Log-in". Kleine Bildschirme flimmern auf. Handys melden sich nach dem Einschalten mit Melodien von Lady Gaga und Rihanna, Nachrichten erreichen brummend ihre Empfänger. Die Planungen für das Wochenende haben begonnen.

18 Uhr: Shinae, 17, elfte Klasse, loggt sich daheim ins Netz ein und verlässt die Welt um sie herum. Sie betritt als Kriegerin "Nightsong" eine Phantasiewelt, dirigiert ihren Avatar mit der Maus durch virtuelle Wälder und Wüsten, über Gebirge, in Höhlen und Städte. Kämpft mit ihren Verbündeten gegen übermächtige Gegner, taktiert, führt Krieg mit Schwert und Zauberstab.

Die Generation der "Digital Natives"

Zur gleichen Zeit tippt Christine, zehnte Klasse, ihr Passwort für das soziale Netzwerk Facebook ein. Schnattern, tratschen, flirten, zicken. "Blödsinn reden", so nennt es Christine, die bald 17 wird. "Ich hab tierisch Druck", lässt die lebensfrohe, quietschige Blondine die Leser ihrer Online-Pinnwand wissen. Leser, das sind in diesem Fall 446 "Freunde" und deren Online-Bekannte. Dazu gehört auch ein Junge namens Malte. Er schlussfolgert aus Christines Nachricht schnoddrig: "Die will unbedingt ficken!" Dabei meinte Christine etwas anderes. Sie will feiern. "Lass heute rääääääääve", schreibt sie. Die Unterhaltung geht ähnlich unkonventionell weiter:

"LASSS HEUTE SAUFEN!!" - "HAHAHAHAHA...spiritus????????!!!!"

"JAAAA!!!!!!!!!!!!!.", schreibt einer. Und Malte gibt nicht auf: "mhhhmm du bist so geil!", legt er nach, "lass mal nächstes Wochenende was machen?!"

Nur wenig später: Kai, 16, elfte Klasse, loggt sich ein. Rote und grüne Linien ziehen sich über seinen Bildschirm, stellen auf schwarzem Hintergrund mathematische Funktionen dar. "Graphcalc", heißt das Mathematikprogramm, das dem Schüler Zirkel und Lineal ersetzt.

Die Generation von Kai, Christine und Shinae hat wie so viele Generationen vor ihr einen Namen verpasst bekommen. Nach den Schlagworten "Null Bock", "X" und "Golf" gibt es nun die Generation der "Digital Natives". Diesen Begriff hat der amerikanische Bildungsberater Marc Prensky geprägt. Die "digitalen Eingeborenen" sind mit dem World Wide Web groß geworden. Wie eine zweite Muttersprache haben sie die Semantik der Browsereingabe gelernt, den Umgang mit zahlreichen Daten und Formaten sowie das Recherchieren im größten Informationspool aller Zeiten.

Die Klassenkameraden nennen Kai "The brain"

Die technischen Fertigkeiten der Jugendlichen sind zwar sehr verschieden. Aber das Netz bestimmt ihr Leben: 98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen haben einen Zugang zum Internet, sie nutzen dieses Medium im Durchschnitt 134 Minuten am Tag, der Fernseher hat eine mächtige Konkurrenz bekommen. 85 Prozent von ihnen haben eine Selbstbeschreibung auf einem oder mehreren sozialen Netzwerken erstellt, viele schauen mehrmals täglich vorbei. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest.

Kai tippt auf den Touchscreen seines Computers im Taschenformat. Drückt auf den digitalen Auslöser, schießt ein Bildschirmfoto. Nur Sekunden später laufen seine Hausaufgaben in Analytischer Geometrie - Kurven, Tangenten und Dreiecke - im Postfach seines Mathe-Lehrers auf.

Befragt man den 16-Jährigen über sein Leben im Netz, hält er atemlose Monologe, die ihn zweifelsfrei als "Eingeborenen" der digitalen Welt identifizieren. Wenn Kai zum Thema Cyberspace spricht, klingt das wie ein nutzerfreundliches Navigationssystem für Fremdlinge, die versuchen, sich Eintritt zu den virtuellen Räumen zu verschaffen. Willkommen in unserer Welt - chatten, twittern, bloggen, Streaming leichtgemacht!

"Nicht früh zu wissen, was man will, bringt einen nirgendwo hin", sagt Kai. "The brain" nennen ihn seine Klassenkameraden, auch und gerade wegen solcher Sätze. Als "Nerd" würde man ihn vielleicht im angloamerikanischen Sprachraum bezeichnen. Aber ein blasser Eigenbrötler ist er nicht. Kai liebt Wind und Wellen, er ist Leistungssportler, segelt in seiner Zweimannjolle auf ein Ziel hin - die Olympischen Spiele. Aber was er auch tut, wo immer er sich bewegt: Wie mit einer elektronischen Nabelschnur hängt er an der virtuellen Welt.

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10.06.2010 von Misha: Bekannt -- in der Schule aufgepaßt

Ich kann erklären, wie aus Erdöl Benzin wird und die Grundregeln der Brückenstatik kenne ich auch! mehr...

08.06.2010 von bluemax32: Muss man sich für die Benutzung von Computern eigentlich entschuldigen?

Was ist an einem Computer oder IPad so schlecht, dass man sich dafür enstchuldigen muss? Ihr Beitrag erscheint mir so, als ob er zwar dafür Partei ergreifen will, sich aber doch noch mit einem guten alten Buch entschuldigen [...] mehr...

08.06.2010 von bluemax32: Lesen müsste man können

Hallo taiga, haben Sie eigentlich meine Bewertung gelesen oder nur IT-Branche gesehen und dann war das rote Tuch dar? In wie weit habe ich mich denn über andere erhoben? Ich habe nur meinen Standpunkt wiedergegeben und bin [...] mehr...

08.06.2010 von pasch: ...

Sehr richtig! Computer/Internet wird bestehende Medien nicht ablösen, sondern ergänzen. Ich selbst als frischgebackener Uni-Absolvent hole mir enorm viel Informationen aus dem Netz - wobei man diese natürlich differenziert [...] mehr...

07.06.2010 von G. Donner-Wetter: .

Der Einwand ist natürlich berechtigt, führt uns an das eigentliche Problem ran: Einen Führerschein für das Internet gibt es (leider) nicht, denn die Kiddies die ohne Bedenken alle erdenklichen Daten von sich preisgeben haben [...] mehr...

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