Von Boris Breyer
Die Communitys leben von der Kommunikations- und Präsentationsfreude der User. In ihren Profilen finden sich nicht nur detaillierte Informationen wie Name, Alter, Geschlecht, Wohnort, Schule und Hobbys; es werden auch Fotos und Videos eingestellt, Freundeslisten geführt und Kontakte vernetzt oder Nachrichten verschickt. Von wem diese Informationen eingesehen werden können, entscheidet der jeweilige Nutzer durch Einstellungen, die seine Privatsphäre schützen können. Sind gewisse Modi aktiviert, können nur Freunde oder explizit ausgewählte Kontakte die hinterlegten Informationen einsehen.
Groß ist die Auswahl allerdings nicht: bei SchülerVZ kann beispielsweise zwischen "Alle Leute an meiner Schule, meine Freunde und deren Freunde" ausgewählt werden, "Meine Freunde und deren Freunde" und "Nur meine Freunde". Bei 446 Freunden im Profil - wie im Fall von Christine - macht das selbst bei verschärften Sicherheitseinstellungen eine große Zahl an Beobachtern.
Mehr als die Hälfte der jungen Surfer nutzt solche Möglichkeiten zum Schutz der Privatsphäre aber gar nicht. Sei es aus Freude an der Selbstdarstellung oder einer generellen Sorglosigkeit im Umgang mit persönlichen Daten.
Bei dieser Freizügigkeit interessieren sich häufig die Falschen für die Fotos, Videos und Bemerkungen der User.
Ein Foto auf Shinaes Profilseite zeigt ein totes Mädchen. Es ist noch immer schön. Niedergeschossen, zusammengesunken liegt es in einer Ecke. Das kräftige schwarze Haar fällt ihm ins Gesicht, aus den Einschusslöchern in Kopf und Brust fließt Blut. Ein gestelltes Foto. "Kunst", sagt Shinae. "Brutale Schönheit" wollte sie inszenieren. Sich selbst extrem präsentieren, "mit großen Kontrasten". Dies, sagt die Schülerin, sei nun mal ein "Teil des Bildes, das ich von mir selber habe". Das Netz ist das Forum, von dem sie sich "ein Feedback" auf ihr künstlerisches Schaffen erhofft. 807-mal wurde das Bild angeklickt, 5-mal davon in den letzten zwei Stunden, 326-mal wurde es heruntergeladen. "Eine enorme Masse an positiven Rückmeldungen", findet die hübsche Schülerin mit der Leidenschaft für Kunst und MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role-Playing Games).
Aber nicht nur Kunstbegeisterte suchen Anregung im Netz: "Wollen wir uns treffen? Dann massiere ich dir auch die Füße!", liest Shinae in der Kommentarleiste unter dem Bild. "Trägst du häufig Nylonstrümpfe?", interessiert sich "Boy32". Das Ringen um die Deutungshoheit geht über mehrere Runden: "Ihre nackten Füße sprechen eine traurige Geschichte von verlorener Unschuld", orakelt "Man64". Noch so einer, der es mit den Füßen hat.
Das sogenannte Cyberbullying ist besonders leicht
Dass die morbide Selbstdarstellung Fußfetischisten auf den Plan ruft, war so ziemlich das Letzte, mit dem Shinae gerechnet hat. Als "abstoßend und lästig" empfindet sie solche Reaktionen.
Auf die dunkle Seite der Netzwelt sind viele Jugendliche nicht vorbereitet. Das Spektrum reicht von der Verletzung von Persönlichkeitsrechten bis hin zu mieser Anmache, Verleumdung und Cybermobbing. So erzählen 42 Prozent der Jugendlichen, dass schon einmal Videos und Fotos, auf denen sie abgebildet waren, ohne ihre Zustimmung online gestellt wurden.
Christine kann sich noch gut an den Vorfall erinnern. Für den anonymen Täter war es wohl ein Gag. Das Video zeigte einen Mitschüler mit seiner Freundin in der Badewanne. Für das Opfer kam es einer Katastrophe gleich, als die intimen Szenen im Netz auftauchten und kurz darauf in der ganzen Schule kursierten. Gedemütigt, bloßgestellt, sah er nur noch einen Ausweg: "Er wurde so verarscht und verwundet, dass er letztlich die Schule gewechselt hat."
Ein Handyvideo ist schnell gedreht, und einmal ins Netz gestellt, verbreitet es sich ebenso schnell und unkontrolliert. Das wusste auch die beste Freundin von Christine, und das wusste auch deren Freund: "Wenn du mich verlässt, sieht dich die ganze Schule beim Sex", drohte er. Inzwischen sind sie getrennt, die Videos empfindet das Mädchen als tickende Zeitbombe.
Mobbing an Schulen ist kein neues Phänomen. Nur scheint es, dass durch das Internet eine neue Waffe zur Verfügung steht. Das sogenannte Cyberbullying ist besonders leicht, die Hemmschwelle extrem niedrig, denn es erfordert keinen Mut. Die Täter müssen ihren Opfern nicht in die Augen sehen und bleiben in der Regel anonym.
Verfolgung, Ausgrenzung und Psychoterror
Der bekannteste Fall trug sich 2006 in der US-Kleinstadt Dardenne Prairie zu. Die 13-jährige Schülerin Megan Meier erhängte sich in ihrem Zimmer, nachdem ihre Internetbekanntschaft Josh sie mit hasserfüllten Nachrichten gedemütigt hatte.
Nur: Josh gab es nicht.
Josh war ein Fake, eine Cyber-Identität, fingiert von der Mutter ihrer ehemals besten Freundin. Die Frau wollte sich rächen, weil sie der Meinung war, dass Megan bösartigen Klatsch über ihre Tochter verbreitet hatte.
Viele der jugendlichen Surfer berichten von eigenen Erfahrungen mit Mobbing im Netz. Wie die JIM-Studie ergab, kennt bereits jedes dritte Mädchen und jeder zweite Junge Fälle aus dem Freundeskreis von Verfolgung, Ausgrenzung und Psychoterror im Netz.
Es ist Samstag, die Hamburger Schulferien haben begonnen. Shinae alias Nightsong steht gefährlich nahe an einer Klippe, steil fällt der Fels unter ihr Hunderte Meter tief ins Meer. Unten erstreckt sich ein Strand, an dessen Rändern sanft die Wellen lecken. Ihr Blick schweift in die Ferne, wo sich schemenhaft ein sagenhafter Kontinent abzeichnet. Sie atmet tief durch, bevor sie sich mit gezücktem Schwert in ihr nächstes virtuelles Abenteuer stürzt.
Draußen auf der Alster kann man Kai ausmachen. Sein Oberkörper hängt weit aus dem kleinen, windschnittigen Boot, stemmt sich bei rasendem Tempo gegen den Wind, segelt seinem Ziel entgegen, Olympia 2016.
Und Christine?
Sie zieht es, ganz real, nach Griechenland. "habe sooo geile tickets gefunden für greece, KNUTSCHI!", lässt sie die Welt auf ihrer Facebook-Seite wissen.
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