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04.05.2010
 

Tatort Familie

"Auf dem Stand eines Zweijährigen"

Problemfall Kind: "Es kann zur zur totalen Verweigerung kommen"Zur Großansicht
Corbis

Problemfall Kind: "Es kann zur zur totalen Verweigerung kommen"

Der Bonner Jugendpsychiater und Bestseller-Autor Michael Winterhoff, 55, über seine eigene Pubertät, den Wert der Intuition in der Erziehung und Jugendliche mit dem Reifegrad von Kleinkindern.

SPIEGEL: Herr Winterhoff, Ihre eigene Pubertät muss rund vier Jahrzehnte her sein. War das damals eine schöne oder eine harte Zeit?

Winterhoff: Von allem etwas. Ich hatte in dieser Zeit viele sehr schöne Erlebnisse, Freundschaften in der Jugendarbeit, beim Malteser Hilfsdienst. Schwierig war die Auseinandersetzung mit meinen Eltern. Das war eine Zeit, in der Schläge noch als probates Erziehungsmittel galten und Eltern sehr viel Gehorsam verlangten. Da konnte schon ein anderer Musikgeschmack heftige Auseinandersetzungen auslösen.

SPIEGEL: Inzwischen haben Sie zwei Kinder, die ihre Pubertät auch schon durchlebt haben. Was ist schwieriger: Selbst in der Pubertät zu stecken oder Vater von Pubertierenden zu sein?

Winterhoff: Schwer zu sagen. Die Pubertät ist eine Zeit extremer Schwankungen: Man kann morgens rettungslos verliebt sein und abends schon wieder todunglücklich getrennt. Es gibt Phasen überschäumender Euphorie und größter Niedergeschlagenheit. Für Eltern ist es nicht einfach, mit diesen Schwankungen der Jugendlichen umzugehen. Es ist normal, dass sich Eltern mitunter völlig hilflos fühlen.

SPIEGEL: Sind die Probleme, mit denen pubertierende Jugendliche und deren Eltern heute in Ihre Praxis kommen, im Grunde noch die gleichen wie früher?

Winterhoff: Nein, das hat sich völlig verändert. Es fängt schon mit der Problemeinsicht an. Noch vor 10 oder 15 Jahren konnten Jugendliche in meiner Praxis klar ausdrücken, warum sie hierhergekommen sind. Die sagten dann etwa: Ich habe Probleme in der Schule. Oder: Meine Eltern kommen nicht mehr mit mir klar. Heute höre ich nur noch Sätze wie: Ich bin hier, weil meine Eltern oder meine Lehrer das so wollen. Für diese Jugendlichen haben nur die Erwachsenen ein Problem. Sie sehen nicht, dass ihr eigenes Verhalten sehr viel damit zu tun haben könnte.

SPIEGEL: Die Klage, dass die Jugend früher besser, einsichtsfähiger und weniger aufsässig war, ist aber doch so alt wie die Menschheit.

Winterhoff: Ich sehe da schon eine neue Qualität. In meiner Praxis habe ich es inzwischen mit Jugendlichen zu tun, die sich permanent verweigern. In einer klassisch verlaufenden Pubertät kann es immer Phasen geben, in denen Jugendliche sich auflehnen. Sie merken, dass ihre Eltern vielleicht doch nicht so toll und fehlerlos sind, wie sie als Kind immer dachten. Das ist ein ganz natürlicher Reifeschritt. Was ich aber seit einigen Jahren erlebe, ist eine dauerhafte Respektlosigkeit gegenüber Eltern und Erwachsenen. Ich erlebe Kinder ohne Sozialkompetenz, die ihr Leben nur nach eigener Lust und Laune führen wollen und ständig Forderungen stellen, ohne dafür etwas leisten zu wollen.

SPIEGEL: Dass Pubertät mit Auflehnung gegen Normen und Autoritäten einhergeht, ist doch üblich.

Winterhoff: Bei den Jugendlichen, von denen ich spreche, geht es um das Nichterkennen von Autoritäten. Im Alter bis zweieinhalb Jahre sind alle Kinder respektlos, weil sie uns Erwachsene noch nicht als ein Gegenüber erkennen können, das ihnen etwas zu sagen hat. Das Problem ist, dass immer mehr Jugendliche einen psychischen Reifegrad haben, der auf dem Stand eines Zweijährigen stehengeblieben ist.

SPIEGEL: Wie zeigt sich das im Alltag?

Winterhoff: Solange Sie den Wünschen dieser Jugendlichen nachkommen, ihnen also zum Beispiel ein Apartment zur Verfügung stellen mit vollem Kühlschrank und Internetanschluss, haben Sie Ruhe. Aber sobald Sie etwas von ihnen fordern, und wenn es nur etwas Hilfe bei der Gartenarbeit ist, oder wenn der Computer kaputtgeht und nicht sofort repariert wird, dann kann dies zu einem Aggressionsausbruch führen.

SPIEGEL: Die gehen auf ihre Eltern los?

Winterhoff: Unterschiedlich. Es kann zu erheblichen Beschimpfungen kommen, aber auch zur totalen Verweigerung. Manche Jugendliche reden dann einfach kein Wort mehr mit ihren Eltern und ignorieren sie.

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Die neuesten Beiträge:
04.07.2010 von fpa: Schön wär's

Schön wär es, wenn es so einfach wäre, Ihre Worte beschreiben leider nur das "best case Szenario". Da wir aber die inneren Zusamenhänge noch nicht so genau kennen, sollten wir auch über die "worst case [...] mehr...

18.05.2010 von donnaleone: Dann erklären Sie mal

Dann erklären Sie mir doch mal, warum Jugendliche sich teilweise so verhalten, wie Sie es beschrieben haben? Es sind wohl kaum die Jugendlichen selbst diejenigen, die frei aus sich heraus so agieren. Was geschieht wohl, wenn [...] mehr...

17.05.2010 von albert schulz: total normal

Genau diese Fälle dürften die echten Probleme sein, die zum Psychofritzen rennen. In der Regel wohl Mütter, die ihre lieben Kinder nicht frei lassen können. Und das liegt an den Müttern und ihren Glücksvorstellungen und [...] mehr...

17.05.2010 von albert schulz: Sie haben recht

Ich habe leider wenig differenziert. Man muß einen gewaltigen Unterschied zwischen Kleinkind und Jugendlichem machen. Die Einflußnahme geht kontinuierlich zurück. Ich kann mich lebhaft daran erinnern, daß meine Eltern [...] mehr...

17.05.2010 von Tamarind: Mütter und Töchter ...

Und nicht jede Mutter hat das Bedürfnis, das zu tun. ;-)) Das stimmt. Doch die meisten Mütter, die ich kenne, einschl. mir, würden über gewisse Themen aus ihrem eigenen Leben mit ihren Töchtern nicht reden, selbst wenn die [...] mehr...

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Zur Person

Peter Wirtz

Michael Winterhoff: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" lautete der Titel seines ersten, heißdiskutierten Bestsellers (2008). Darin hat Winterhoff Erfahrungen aus seiner Praxis verarbeitet.



Buchtipp

Michael Winterhoff:

"Warum unsere Kinder Tyrannen werden".

Goldmann Wilhelm; 223 Seiten; 9,95 Euro.

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Michael Winterhoff, Isabel Thielen:

"Persönlichkeiten statt Tyrannen".

Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen.

Gütersloher Verlagshaus; 189 Seiten; 17,95 Euro.

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