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Wirtschaftsdebatte Alles hängt am Geld

Kapitalismus für Anfänger: Auch gute Seiten
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3. Teil: Die Leistungsbilanz des Kapitalismus ist eigentlich ganz in Ordnung

Es drängt sich die Frage auf, woran es liegen mag, dass eine Nation, die immer stolz auf ihre Wirtschaft war, über eine Reihe wirtschaftlicher Grundsätze eher vage unterrichtet ist. Man sollte vermuten, dass in einem Land, das so stark wie wenige von dem Export seiner Güter abhängt, schon im Kindergarten ein Interesse an ökonomischen Sachverhalten geweckt wird, auf jeden Fall aber in der Schule, die ja das intellektuelle Rüstzeug fürs spätere Leben bereitstellt.

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Für alles ist in der Schule Platz, für das Chruschtschow-Ultimatum, Max Frischs Dramen, das Liebesleben der Schnecken und die physikalischen Eigenschaften von Schwingungen - nur für so etwas Simples wie Angebot und Nachfrage bleibt keine Zeit. Tatsächlich kann heute ein Gymnasiast in Deutschland mühelos Abitur machen, ohne jemals auch nur von Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes oder Milton Friedman gehört zu haben, die mit ihren Theorien bis heute die Wirtschaftspolitik bestimmen.

Man kann das für eine Nachlässigkeit halten, eine Unaufmerksamkeit der mit den Lehrplänen befassten Schulplaner. Man kann aber auch Absicht dahinter vermuten, eine bewusste Ausgrenzung der Ökonomie vom schönen Schulort, die aus einer gewissen Arroganz gegenüber allen Gelddingen entspringt. Die Vermehrung von Kapital galt in kulturnahen Kreisen noch nie als ein Topos, über das es sich mehr zu erfahren lohnte.

Die Verteidiger des Kapitalismus kann man an einer Hand abzählen

Zu meiner Schulzeit war man nicht nur stolz darauf, nichts über die Marktwirtschaft zu wissen, das demonstrative Nichtwissen war eine Haltung, gegen die sich nur unter Inkaufnahme allgemeiner Verachtung verstoßen ließ. Wer zu erkennen gab, dass er sich für Geld interessierte, gar an eine Karriere in der Wirtschaft dachte, hatte sich als Spießer enttarnt, ja als jemand, dem jeder moralische Kompass abhandengekommen war. Ich habe 1982 Abitur gemacht, als ich aufs Gymnasium kam, tauchten die ersten Achtundsechziger gerade als Referendare auf, aber ich fürchte, was die Behandlung des Kapitalismus im Schulalltag angeht, hat sich nicht viel geändert.

Schon ein Elternhaus, in dem jemand sein Geld als Selbständiger verdiente, reichte aus, um einen verdächtig zu machen. Dieser Makel ließ sich nur durch radikale Distanzierung tilgen - weshalb die flammendsten Anhänger der sozialistischen Utopie aus eher begüterten Verhältnissen stammten. Doch was blieb den armen Kerlen, die einen Unternehmer als Vater hatten, anderes übrig? Unternehmer waren an allem schuld, am sauren Regen und am Waldsterben, am Ozonloch, dem Gift in den Flüssen, am Hunger in Afrika - und, weil wir schon mal dabei waren, auch an der Aids-Katastrophe und der Überbevölkerung. Hinter jedem Übel steckte irgendwo ein Kapitalist, der den lieben langen Tag über die Profitmaximierung nachsann.

An der Leistungsbilanz des Kapitalismus kann es nicht liegen, dass er in so schlechtem Ansehen steht. Kein Wirtschaftssystem hat mehr gegen Armut und Hunger getan, vor allem die vielgeschmähte Globalisierung hat sich für Millionen als Segen erwiesen und ihr Los spürbar gebessert. 1820 lebten nach heutiger Kaufkraft 85 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag, heute sind es nur noch 20 Prozent. Der Soziologe Peter Saunders hat darauf hingewiesen, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die Lebenserwartung in den ärmsten Ländern 15 Jahre mehr betrug als die durchschnittliche Lebenserwartung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im damals reichsten Land der Welt, in Großbritannien. Aber es hilft nichts - wenn der Kapitalismus zur Debatte steht, kann man seine Verteidiger an einer Hand abzählen.

Müßiggang ist auf Dauer nicht besonders nachhaltig

Bill Gates mag Milliarden pro Jahr zur Bekämpfung von Krankheiten wie Aids und Malaria spenden und damit mutmaßlich mehr zur Linderung der weltweiten Not getan haben als alle arabischen Öl-Emirate zusammen, aber auf den T-Shirts der Jugend prangt der Kopf von Ernesto Che Guevara, dessen Beitrag zur Armutsbekämpfung wilde Reden, eine romantische Motorradfahrt durch Südamerika und ein gescheiterter Umsturzversuch im bolivianischen Urwald sind, bei dem er zum Zeitvertreib gern am frühen Nachmittag ein paar Scheinexekutionen vornehmen ließ.

Manchmal denke ich, dass wir uns schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse mehr wirtschaftliche Erziehung wünschen sollten. Es gibt nicht viele Industrienationen, in denen es nicht mehr überall selbstverständlich ist, dass die Zahl der Leistungserbringer die der Leistungsempfänger übersteigen sollte. Nehmen wir nur Berlin, Hauptstadt des Landes: Nur 40 Prozent der Einwohner gehen dort noch einer geregelten Arbeit nach, die anderen sind zu jung, zu alt oder an anderem interessiert.

Freunde aus dem Ausland sind regelmäßig verblüfft, dass man an einem normalen Werktag morgens um 11 Uhr in kaum einem Straßencafé noch einen Platz bekommt. Sie vermuten im ersten Moment, dass viele Berliner um diese Zeit eine Mittagspause einlegen, weil sie so früh zu arbeiten beginnen. Ich muss sie dann regelmäßig aufklären, dass es sich um Frühstücksgäste handelt, die gerade das Haus verlassen haben.

Es ist eine schöne Sache, wenn die Menschen ihre Zeit mit Müßiggang verbringen. Ich fürchte nur, dass diese Lebensweise auf Dauer nicht besonders nachhaltig ist. Aber auch das gehört vermutlich zu der kalten ökonomischen Vernunft, von der man lieber verschont bleibt.

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insgesamt 62 Beiträge
cosmo72 05.09.2010
Tja jeder bekommt eingetrichtert, dass man es sich verdienen muss, wieviel man braucht, wie die Scheine & Münzen aussehen, Zinsberechnung, unsw ... Kaum einer versteht wie Geld funktioniert, wie Geldmengen funktionieren [...]
Tja jeder bekommt eingetrichtert, dass man es sich verdienen muss, wieviel man braucht, wie die Scheine & Münzen aussehen, Zinsberechnung, unsw ... Kaum einer versteht wie Geld funktioniert, wie Geldmengen funktionieren (kaum einer Ihrer Abgeordneten weiss das!!!) und kaum einer hat mitbekommen wie sehr die Geldschöpfung in den letzten Jahrzehnten manipuliert wurde, und wem das nützte! Die ganzen Experten beschäftigen sich mit dem Verteilen, Eintreiben durch Steuern, Einnahmen generieren, aber eben nicht damit, wo es eigentlich stammt und wer den Wert generiert! http://www.youtube.com/watch?v=M8JspA6nnl8 http://video.google.com/videoplay?docid=-2537804408218048195 (Der Film enthält Informationen die sehenswert sind - links daraus folge ich persönlich aber nicht) *Kurz gesagt ist Geld Papier, dem durch Ihre Lebensarbeitszeit Wert, ein paar Gesetze und vor allem Schuld und Steuern Wert verleihen wird - in diesem Prozess werden steuerzahlende Bürger momentan nicht selten um 20-40 % Ihrer Lebensarbeitszeit "erleichtert" - Sie müssten jeden Tag einige Stunden weniger arbeiten, wüsste die Mehrheit der Menschen wie Geld funktioniert und die ständige Abzweigung Ihrer Lebensarbeitszeit durch demokratische Mittel einzuschränken!*
Hador 05.09.2010
Grundsätzlich eine sehr gute Kolumne, besonders bzgl. der völligen Vernachlässigung von Wirtschaftssystemen im Schulunterricht. Wenn ich aber dann zum Schluss etwas lesen muss wie: Dann krümme ich mich ob der offensichtlichen [...]
Zitat von Jan FleischhauerNehmen wir nur Berlin, Hauptstadt des Landes: Nur 40 Prozent der Einwohner gehen dort noch einer geregelten Arbeit nach, die anderen sind zu jung, zu alt oder an anderem interessiert.
Grundsätzlich eine sehr gute Kolumne, besonders bzgl. der völligen Vernachlässigung von Wirtschaftssystemen im Schulunterricht. Wenn ich aber dann zum Schluss etwas lesen muss wie: Dann krümme ich mich ob der offensichtlichen Polemik doch in meinem Sessel zusammen. Ähnlich polemisch ist auch die Glorifizierung des Kapitalismus. Zweifellos hat dieser auch seine guten Seiten bzw. seine Erfolge vorzuzeigen, aber er hat eben auch Schattenseiten. Vor allem sollte der Autor z.B. darauf hinweisen, dass gerade die Kaufkraftsteigerungen zu einem großen Teil auf die Arbeit der Gewerkschaften zurückzuführen sind welche dem Kapitalismus in Reinform etwas Einhalt bieten konnten. Denn richtigen Kapitalismus in seiner Urform gabs vor allem im 19. Jahrhundert also VOR der vom Autor so gepriesenen Wohlstandsexplosion. Die kam zum Großteil eben erst als dem Kapitalismus gewisse soziale Ketten angelegt wurden. Heute aber rutschen wir immer mehr in ein Wirtschaftssystem ab wie es in den USA im sogenannten 'gilded Age' der späten Jahre des 19. Jahrhunderts herrschte. Dort kassierte eine kleine Oberschicht und die Masse der Leute schuftete sich für ein Butterbrot zu Tode.
GyrosPita 05.09.2010
Schon lange keinen SpOn-Artikel mehr gelesen, der mir so sehr aus der Seele gesprochen hat! Wenn überhaupt mal das Thema "Wirtschaft" angesprochen wird in der Schule, dann im Sozialkundeunterricht vom [...]
Schon lange keinen SpOn-Artikel mehr gelesen, der mir so sehr aus der Seele gesprochen hat! Wenn überhaupt mal das Thema "Wirtschaft" angesprochen wird in der Schule, dann im Sozialkundeunterricht vom strickpullovertragenden frustrierten SPD-Mitglied. Kein Mensch weiß so richtig, was der Dispokredit überhaupt ist, stattdessen wird lieber leidenschaftlich gegen die Schufa gewettert, die machen ja schließlich "so was wie Datensammeln im großen Stil". Man klopft sich selbst auf die Schulter dafür das man "Exportweltmeister" ist, aber Globalisierung findet man ganz böse, das ist Ehrensache, wo kämen wir denn sonst hin. Manchmal wird selbst gesunden Optimisten wie mir Angst und Bange um Deutschland...
Dei_Mudda 05.09.2010
Sie bringen es auf den Punkt. In der modernen Gesellschaft interessiert halt nur das einfache, vordergründige. Was "hinter dem Vorhang" geschieht wollen nur die wenigsten sehen oder begreifen... Die Filme auf die [...]
Zitat von cosmo72...Kaum einer versteht wie Geld funktioniert, wie Geldmengen funktionieren (kaum einer Ihrer Abgeordneten weiss das!!!) und kaum einer hat mitbekommen wie sehr die Geldschöpfung in den letzten Jahrzehnten manipuliert wurde, und wem das nützte!...
Sie bringen es auf den Punkt. In der modernen Gesellschaft interessiert halt nur das einfache, vordergründige. Was "hinter dem Vorhang" geschieht wollen nur die wenigsten sehen oder begreifen... Die Filme auf die Sie verlinken zeigen meiner Meinung nach eine Tatsache auf, die eigentlich jeder von uns wissen sollte. Nicht nur wenige Leute wie Sie und ich. Ich denke das große Desinteresse an der wahren Funktionsweise des Kapitals könnte daher rühren, dass sich viele Menschen insgeheim darüber "im klaren sind", welches Spiel mit der breiten Masse gespielt wird. Ablenkungsmanöver wie Mittel- gegen Unterschicht, Beschwichtigung durch sinnlose und ineffektive Steuergeschenke so wie die allgegenwärtige Werbung die einen suggeriert, man könne sich alles leisten. Notfalls mit Kredit... Wer will denn unter diesen Gesichtspunkten schon frwillig zugeben, dass er auf gut Deutsch schon sein ganzes Leben verarscht wurde? Dass sich der Mensch selbst an das Kapital geißelt rührt aus dem industriellen Zeitalter, die das Leben quasi über Kapital (viel mehr die Konzentration von Kapital auf das einzelne Individuum) definiert. Nur wer Geld hat kann sich alles Leisten => Wer sich alles leisten kann hat Macht => Wer sich viel leisten kann hat viel Macht usw... Aus meiner Sicht hat sich der Kapitalismus selbst abgeschafft, die aktuellen Krisen sollten es eigentlich mehr als genug verdeutlichen. Doch dass es auch einen anderen Weg wie den mit'm Kapital geben kann will der Großteil der Bevölkerung nicht wahr haben. Warum ein Leben lang geschufftet und gespart? Wieso u. U. nur geschafft und nie das Leben an sich genossen? Wieso für den neuen schönen Wagen fast den gesamten Monatslohn an die Bank verpfänden? Viele Leute sind auf die Tricks herein gefallen... Auch ich! Früher war ich auch der "Geld ist im Zweifelsfall alles" Typ. Heute ist es für mich einfach buntes bedrucktes Papier dem nur wir Menschen durch unsere Raffgier einen vermeintlichen Wert geben.
localpatriot 05.09.2010
Die Schwaebische Hausfrau beschaeftigt sich schon immer mit Geldangelegenheiten und die Regeln der Grossmutter haetten in Harvard, Cambridge und anderen Lehranstalten als Grundlagen fuer einen PHD Kurs von den Schwaben als Know [...]
Die Schwaebische Hausfrau beschaeftigt sich schon immer mit Geldangelegenheiten und die Regeln der Grossmutter haetten in Harvard, Cambridge und anderen Lehranstalten als Grundlagen fuer einen PHD Kurs von den Schwaben als Know How gekauft werden sollen. Ein ueberwaeltigendes Versagen der Erziehung von Wirtschafts 'experten'.
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