Von Jan Fleischhauer
Es drängt sich die Frage auf, woran es liegen mag, dass eine Nation, die immer stolz auf ihre Wirtschaft war, über eine Reihe wirtschaftlicher Grundsätze eher vage unterrichtet ist. Man sollte vermuten, dass in einem Land, das so stark wie wenige von dem Export seiner Güter abhängt, schon im Kindergarten ein Interesse an ökonomischen Sachverhalten geweckt wird, auf jeden Fall aber in der Schule, die ja das intellektuelle Rüstzeug fürs spätere Leben bereitstellt.
Das genaue Gegenteil ist der Fall. Für alles ist in der Schule Platz, für das Chruschtschow-Ultimatum, Max Frischs Dramen, das Liebesleben der Schnecken und die physikalischen Eigenschaften von Schwingungen - nur für so etwas Simples wie Angebot und Nachfrage bleibt keine Zeit. Tatsächlich kann heute ein Gymnasiast in Deutschland mühelos Abitur machen, ohne jemals auch nur von Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes oder Milton Friedman gehört zu haben, die mit ihren Theorien bis heute die Wirtschaftspolitik bestimmen.
Man kann das für eine Nachlässigkeit halten, eine Unaufmerksamkeit der mit den Lehrplänen befassten Schulplaner. Man kann aber auch Absicht dahinter vermuten, eine bewusste Ausgrenzung der Ökonomie vom schönen Schulort, die aus einer gewissen Arroganz gegenüber allen Gelddingen entspringt. Die Vermehrung von Kapital galt in kulturnahen Kreisen noch nie als ein Topos, über das es sich mehr zu erfahren lohnte.
Die Verteidiger des Kapitalismus kann man an einer Hand abzählen
Zu meiner Schulzeit war man nicht nur stolz darauf, nichts über die Marktwirtschaft zu wissen, das demonstrative Nichtwissen war eine Haltung, gegen die sich nur unter Inkaufnahme allgemeiner Verachtung verstoßen ließ. Wer zu erkennen gab, dass er sich für Geld interessierte, gar an eine Karriere in der Wirtschaft dachte, hatte sich als Spießer enttarnt, ja als jemand, dem jeder moralische Kompass abhandengekommen war. Ich habe 1982 Abitur gemacht, als ich aufs Gymnasium kam, tauchten die ersten Achtundsechziger gerade als Referendare auf, aber ich fürchte, was die Behandlung des Kapitalismus im Schulalltag angeht, hat sich nicht viel geändert.
Schon ein Elternhaus, in dem jemand sein Geld als Selbständiger verdiente, reichte aus, um einen verdächtig zu machen. Dieser Makel ließ sich nur durch radikale Distanzierung tilgen - weshalb die flammendsten Anhänger der sozialistischen Utopie aus eher begüterten Verhältnissen stammten. Doch was blieb den armen Kerlen, die einen Unternehmer als Vater hatten, anderes übrig? Unternehmer waren an allem schuld, am sauren Regen und am Waldsterben, am Ozonloch, dem Gift in den Flüssen, am Hunger in Afrika - und, weil wir schon mal dabei waren, auch an der Aids-Katastrophe und der Überbevölkerung. Hinter jedem Übel steckte irgendwo ein Kapitalist, der den lieben langen Tag über die Profitmaximierung nachsann.
An der Leistungsbilanz des Kapitalismus kann es nicht liegen, dass er in so schlechtem Ansehen steht. Kein Wirtschaftssystem hat mehr gegen Armut und Hunger getan, vor allem die vielgeschmähte Globalisierung hat sich für Millionen als Segen erwiesen und ihr Los spürbar gebessert. 1820 lebten nach heutiger Kaufkraft 85 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag, heute sind es nur noch 20 Prozent. Der Soziologe Peter Saunders hat darauf hingewiesen, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die Lebenserwartung in den ärmsten Ländern 15 Jahre mehr betrug als die durchschnittliche Lebenserwartung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im damals reichsten Land der Welt, in Großbritannien. Aber es hilft nichts - wenn der Kapitalismus zur Debatte steht, kann man seine Verteidiger an einer Hand abzählen.
Müßiggang ist auf Dauer nicht besonders nachhaltig
Bill Gates mag Milliarden pro Jahr zur Bekämpfung von Krankheiten wie Aids und Malaria spenden und damit mutmaßlich mehr zur Linderung der weltweiten Not getan haben als alle arabischen Öl-Emirate zusammen, aber auf den T-Shirts der Jugend prangt der Kopf von Ernesto Che Guevara, dessen Beitrag zur Armutsbekämpfung wilde Reden, eine romantische Motorradfahrt durch Südamerika und ein gescheiterter Umsturzversuch im bolivianischen Urwald sind, bei dem er zum Zeitvertreib gern am frühen Nachmittag ein paar Scheinexekutionen vornehmen ließ.
Manchmal denke ich, dass wir uns schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse mehr wirtschaftliche Erziehung wünschen sollten. Es gibt nicht viele Industrienationen, in denen es nicht mehr überall selbstverständlich ist, dass die Zahl der Leistungserbringer die der Leistungsempfänger übersteigen sollte. Nehmen wir nur Berlin, Hauptstadt des Landes: Nur 40 Prozent der Einwohner gehen dort noch einer geregelten Arbeit nach, die anderen sind zu jung, zu alt oder an anderem interessiert.
Freunde aus dem Ausland sind regelmäßig verblüfft, dass man an einem normalen Werktag morgens um 11 Uhr in kaum einem Straßencafé noch einen Platz bekommt. Sie vermuten im ersten Moment, dass viele Berliner um diese Zeit eine Mittagspause einlegen, weil sie so früh zu arbeiten beginnen. Ich muss sie dann regelmäßig aufklären, dass es sich um Frühstücksgäste handelt, die gerade das Haus verlassen haben.
Es ist eine schöne Sache, wenn die Menschen ihre Zeit mit Müßiggang verbringen. Ich fürchte nur, dass diese Lebensweise auf Dauer nicht besonders nachhaltig ist. Aber auch das gehört vermutlich zu der kalten ökonomischen Vernunft, von der man lieber verschont bleibt.
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