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31.08.2010
 

Schatzkammern des Wissens

Künstliches Gedächtnis

Von Joachim Mohr

Schatzkammern des Wissens: Künstliches Gedächtnis
Fotos
Stefan Müller / Berlin Verlag

Bibliotheken entwickeln sich zu weltweit vernetzten, multimedialen Informationszentren und erleben einen Boom als Lernorte. Sorgt der Wandel auch für mehr Erkenntnis?

Die Idee war so einfach wie gewaltig: Das Wissen der ganzen Welt sollte an einem einzigen Ort versammelt werden. Im dritten Jahrhundert vor Christus gründete der ägyptische König Ptolemaios I. die Bibliothek von Alexandria.

Resolut baute der Herrscher seinen Wissensspeicher aus: Er schickte Späher durch sein gesamtes Reich, ordnete an, jedes Schiff im Hafen von Alexandria zu durchsuchen. Spannendes Schriftgut ließ er einfach konfiszieren - die Eigentümer bekamen, wenn überhaupt, eine Abschrift zurück.

So lagerten in der ägyptischen Hafenstadt bald bis zu 700.000 Schriftrollen, was aus heutiger Sicht mehreren zehntausend Büchern entspricht - die größte Schriftensammlung der Antike.

In der mit der Bibliothek verbundenen Forschungsstätte, dem " Museion ", fanden sich die besten Wissenschaftler der Zeit ein: Euklid, der die Geometrie entwickelte, Archimedes, der die Hebelgesetze formulierte, und Aristarch, der 1800 Jahre vor Kopernikus erkannte, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

Die Bibliothek entwickelte sich zu einer einzigartigen geistigen Schatzkammer - bis im Jahr 48 vor Christus Julius Caesar nach Alexandria kam.

Der römische Konsul, auf der Suche nach seinem Widersacher Pompeius, ließ bei Kämpfen in der Stadt alle Schiffe im Hafen niederbrennen. Dabei fing wohl auch die Bibliothek Feuer, und Hunderttausende Schriftrollen wurden ein Raub der Flammen.

Aufzeichnungen der hellenistischen und der ägyptischen Kultur, Zeugnisse römischer und asiatischer Herkunft zerfielen unwiederbringlich zu Asche, das gesammelte Wissen löste sich in Rauch auf. Die Bibliothek verlor ihren sagenumwobenen Ruf, vermutlich Ende des dritten Jahrhunderts nach Christus wurde sie vollständig zerstört.

Über den Traum, alles Wissen an einem Platz zusammenzufassen

Seit dem Jahr 2002 gibt es eine neue Bibliotheca Alexandrina - und wieder ist es eine Bibliothek der Superlative: Wie ein riesiges scheibenförmiges Ufo steckt der moderne Informationspalast in der Uferpromenade, mit rund 200 Millionen Euro Baukosten eine der teuersten Bücherkammern der Geschichte.

Außen in die Granitwände sind meterhohe Buchstaben aus allen Sprachen gemeißelt. Innen ist Raum für acht Millionen Bücher, gut 500.000 sind schon da. Arbeitsplätze für 2000 Wissbegierigen bietet der lichtdurchflutete Lesesaal - der größte der Welt.

Und überall Hightech: Touchscreen-Bildschirme, kabellose Datenanschlüsse. "Wir sind digital geboren", verkündet Ismail Serageldin, Direktor der Bibliothek, voller Stolz. "Wir sind die erste Bibliothek, die im 21. Jahrhundert für das 21. Jahrhundert gebaut wurde."

Der Menschheitstraum, alles Wissen an einem Platz zusammenzufassen, der vor fast 2500 Jahren schon seine Vorgänger begeisterte, hat auch für Serageldin nichts von seiner Leuchtkraft verloren. Vielmehr ist er überzeugt, dieses phantastische Ziel mit Hilfe der Computertechnik endlich verwirklichen zu können. Die alte Bibliothek von Alexandria würde heute auf einem Chip von der Größe eines Fingernagels Platz finden. "Wir haben zum ersten Mal die Möglichkeit, das gesamte Wissen allen Menschen jederzeit zur Verfügung zu stellen", verkündet Serageldin.

Schon immer sollen Bibliotheken die Menschen vor individuellem und gesellschaftlichem Vergessen schützen, Zeugnis ablegen von früheren Zeiten und der Gegenwart. Denn für den Menschen gilt: Nur was ihm bekannt ist, existiert.

Die Bibliothek als ein "ausgelagertes, künstliches Gedächtnis"

Dabei sind Bibliotheken nicht nur faszinierende Tempel der Weisheit, sondern auch Sammlungen grandiosen Unsinns. Denn nicht nur die im Rückblick sinnvollen Erkenntnisse der vergangenen Jahrtausende finden sich auf Papierrollen, zwischen Buchrücken und auf Festplatten, nein, auch all die Irrtümer und Vermessenheiten des menschlichen Geistes.

Für Milan Bulaty, den Direktor der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität und Herausgeber eines Essay- und Bildbandes zu ihrem Neubau im Jahr 2009, ist eine Bibliothek "eher ein ausgelagertes, künstliches Gedächtnis"(*). Erkenntnis speist sich genauso aus Richtigem wie Falschem.

Diese Speicher des Handelns der Menschen und ihrer Ideen haben in den vergangenen zweieinhalbtausend Jahren eine rasante Entwicklung erfahren. Von der Antike bis in die frühe Neuzeit wurden Schriftstücke mühsam von Hand kopiert, Bibliotheken waren exotische Einrichtungen bedeutender Herrscher. Im Mittelalter horteten dann hauptsächlich Klöster christliche Texte. Als umfangreichste Klosterbibliothek dieser Zeit gilt St. Gallen, dort sollen im 12. Jahrhundert rund 1000 Bände in den Regalen gestanden haben.

Mit der Erfindung des Buchdrucks durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts vollzog sich eine Revolution: Bücher wurden zu einem Massenprodukt und billig. Nun etablierten sich auch außerhalb der Klöster Bibliotheken.

Die ersten Büchersammlungen, die ihre Leseräume der Öffentlichkeit zugänglich machten, waren Anfang des 17. Jahrhunderts die Bodleian Library in Oxford und die Ambrosiana in Mailand. Die erste öffentliche Bibliothek in Deutschland gründete 1828 Karl Benjamin Preusker, Schriftsteller und Bücherei-Pionier, in Großenhain in Sachsen.

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insgesamt 27 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
05.09.2010 von mot2: Google -- geliebtes Schreckgespenst

Vieleicht kommt man mal auf die Idee, den Typus "Informationsmanager" neu zu besetzen. ---Zitat--- Sie müssen sich überlegen ob Sie ihre teilweise berechtigte Kritik an die richtige Institution richten, die [...] mehr...

05.09.2010 von Karl_Lauer: Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!

Was auch immer der Einzelne aus seinem "Blickwinkel" zu erspähen meint so ist es dennoch die Aufgabe der "Informationsmanager" den Zugang zu wissenschaftlichen Daten zu ermöglichen, die Nutzung geht sie [...] mehr...

05.09.2010 von mot2: Amnesie der Verantwortung (II)

Diese Haltung mangelnder Selbstreflektion, wo stehe ich in der >Geschichte<, was muss ich tun, um meinen Wert und meine Existenzfähigkeit zu erhalten, also lebenslanges Lernen mag auch darin liegen, dass es selbst [...] mehr...

05.09.2010 von mot2: Amnesie der Verantwortung (I)

Nach Durchsicht der Beiträge erstaunt es mich, wie wenig dieses Thema im allgemeinen reflektiert wird, betrifft es doch nicht nur Beruf, Freizeit und aber auch Chancengleichheit und andere hochpolitische Gebiete. Da der [...] mehr...

05.09.2010 von titurel: Ja, was Sie schreiben

sind vage Behauptungen. Philosophisches Proseminar. Ihr Verweis auf Wikipedia ist schon das Problem: Halbwissen! Das Hantieren mit komplexen philosophischen Traditionen eine rhetorische Gebärde. Das ist für mich völlig [...] mehr...

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