ThemaMedienRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
31.08.2010
 

Schatzkammern des Wissens

Künstliches Gedächtnis

Von Joachim Mohr

Schatzkammern des Wissens: Künstliches Gedächtnis
Fotos
Stefan Müller / Berlin Verlag

3. Teil: Vom staubigen Büchermagazin zu einem sinnlichen Ort des Lernens

Heute schätzen sich Bibliothekare und Besucher. Viele Bücherhallen haben sich in den vergangenen Jahren vom staubigen Büchermagazin zu einem sinnlichen Ort des Lernens, Denkens und Verweilens gemausert - Designermöbel, Schmökerecken und schicke Cafeterien inklusive.

Große Einrichtungen haben heute lange geöffnet, die Bayerische Staatsbibliothek für Leser sieben Tage die Woche von 8 bis 24 Uhr. Die "Stabi" lockt ihre Nutzer mit modernsten Lesesälen und freundlichem Service. Der Erfolg: Zwischen 2002 und 2009 hat sich die Zahl der Lesesaalbenutzer um 130 Prozent von knapp 490.000 auf über 1,1 Millionen erhöht. Unter Studenten ist die Bibliothek "angesagt", ein "super Lernplatz" und gleichzeitig - der Jung-Akademiker lebt nicht vom Buch allein - "eine erstklassige Anbändel-Station".

Für viele Nutzer scheint in einer Bibliothek zu lernen und zu arbeiten vergleichbar einem Marathonlauf zu sein: Allein 42 Kilometer zu rennen ist schrecklich, gemeinsam mit anderen wird aus dem Leiden oft eine Lust. Die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität in Berlin, das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, wird im Frühjahr 2010 so von Lesern überrannt, dass am Eingang "Parkscheiben" verteilt werden müssen. Wer im Lesesaal länger als 60 Minuten weg ist, verliert seinen Platz, seine Bücher und sein Computer werden abgeräumt.

Der aktuelle Boom der Bibliotheken zeigt sich aber nicht nur an namhaften Sammlungen, sondern auch an kleinen Büchereien wie etwa der Stadtbücherei in Biberach an der Riß in Südwürttemberg.

Die Stadtbücherei in Biberach macht es vor

Das idyllisch in einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert im Stadtzentrum gelegene Medien- und Informationszentrum wurde 2009 vom Deutschen Bibliotheksverband und der "Zeit"-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius zur Bibliothek des Jahres gewählt. 2010 hat die Bücherei bei einem bundesweiten Vergleich unter Städten mit 30.000 bis 50.000 Einwohnern zum sechsten Mal den ersten Platz belegt. Wer hier abgegriffene Exemplare zeitloser Klassiker, mehrere Jahre alte Reiseführer oder überholte Computerspiele sucht, der findet nichts. Gammelbücher haben in den drei Stockwerken keine Chance.

"Wir kaufen ein, was der Kunde nachfragt", sagt Leiter Frank Raumel. 72.000 Bücher umfasst der Bestand, und der bleibt immer gleich - was niemand ausleiht, fliegt raus. Rund 20 Prozent des Angebots sind sogenannte Non-Books: Musik-CDs, Hörbücher, Software, E-Books, bei den Filmen lösen derzeit Blue-Ray-Discs die DVD ab.

Die Ausleihe ist voll automatisiert: Der Gast holt sich die gewünschten Medien aus dem Regal und verbucht sie mit einer Chipkarte an einem Terminal. Für die Rückgabe muss er die Bibliothek nicht einmal betreten, durch eine Klappe in der Außenwand des Gebäudes kann er alles zurückgeben, jeden Tag, 24 Stunden lang. Eine Maschine trennt die einzelnen Medien: Bücher, CDs oder etwa Landkarten. Drei Tage vor Ende der Leihfrist erhält der Kunde, wenn er will, eine Erinnerungs-SMS.

Die technische Aufrüstung führte aber nicht, wie vielerorts, zu Personalabbau. Raumel und seine Mitarbeiter stehen ganz ihren Kunden zur Verfügung. Es gibt Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche, Senioren, für Migranten oder Behinderte. Zu Erstklässlern kommt "Willi Wichtel", Viertklässler können den "Bibliotheksführerschein" ablegen, Jugendliche lernen "Recherchieren wie die Profis".

Ein Ort, um sich die ganze Welt zu erschließen

Raumels engagiertes Team stellt Medienboxen für Kindergärten, Grundschulen und Förderschulen bereit. In zahlreichen Schulen der Kreisstadt und in der Umgebung betreuen die Mitarbeiter Schulbüchereien, in vielen Kindergärten haben sie "Lesenester" eingerichtet. Für die beiden Gymnasien der Gemeinde mit ihren 32.000 Einwohnern entwickelten sie eine erstklassige Mediothek mit rund 12.000 Medien und modernst ausgestatteten Computer-Arbeitsplätzen.

"Wir wollen alle Menschen erreichen, alle", sagt Büchereichef Raumel voller Leidenschaft. Er ist ein Überzeugungstäter: "Spätestens ab der ersten Klasse muss bei jedem Kind die Lese- und Medienkompetenz gefördert werden."

Der Erfolg gibt ihm recht: Die Ausleihen in Biberach sind seit den frühen neunziger Jahren von knapp 150.000 auf zuletzt 553.000 pro Jahr gestiegen. Von 2008 auf 2009 gab es wieder ein Wachstum von 6,2 Prozent.

Und das alles gibt es fast zum Nulltarif: Kinder und Jugendliche bis zu 18 Jahren zahlen gar nichts, Erwachsene 24 Euro jährlich. Dementsprechend muss die öffentliche Hand allerdings auch rund eine Million Euro im Jahr für die gute Sache zuschießen.

Frank Raumels Reich ist ein wunderbares Refugium für Buchliebhaber, ein attraktiver Lerntempel, ein modernes Unterhaltungszentrum - ein Ort, um sich die ganze Welt zu erschließen.

Jorge Luis Borges, der argentinische Schriftsteller und langjährige Direktor der argentinischen Nationalbibliothek sowie versteckter Namensgeber des wahnsinnigen Bibliothekars in Umberto Ecos "Name der Rose", sagte über seine Liebe zu Büchereien: "Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 27 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
05.09.2010 von mot2: Google -- geliebtes Schreckgespenst

Vieleicht kommt man mal auf die Idee, den Typus "Informationsmanager" neu zu besetzen. ---Zitat--- Sie müssen sich überlegen ob Sie ihre teilweise berechtigte Kritik an die richtige Institution richten, die [...] mehr...

05.09.2010 von Karl_Lauer: Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!

Was auch immer der Einzelne aus seinem "Blickwinkel" zu erspähen meint so ist es dennoch die Aufgabe der "Informationsmanager" den Zugang zu wissenschaftlichen Daten zu ermöglichen, die Nutzung geht sie [...] mehr...

05.09.2010 von mot2: Amnesie der Verantwortung (II)

Diese Haltung mangelnder Selbstreflektion, wo stehe ich in der >Geschichte<, was muss ich tun, um meinen Wert und meine Existenzfähigkeit zu erhalten, also lebenslanges Lernen mag auch darin liegen, dass es selbst [...] mehr...

05.09.2010 von mot2: Amnesie der Verantwortung (I)

Nach Durchsicht der Beiträge erstaunt es mich, wie wenig dieses Thema im allgemeinen reflektiert wird, betrifft es doch nicht nur Beruf, Freizeit und aber auch Chancengleichheit und andere hochpolitische Gebiete. Da der [...] mehr...

05.09.2010 von titurel: Ja, was Sie schreiben

sind vage Behauptungen. Philosophisches Proseminar. Ihr Verweis auf Wikipedia ist schon das Problem: Halbwissen! Das Hantieren mit komplexen philosophischen Traditionen eine rhetorische Gebärde. Das ist für mich völlig [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web
alles zum Thema Medien

© SPIEGEL Wissen 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem aktuellen SPIEGEL Wissen

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL Wissen 3/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Die Schnipselmaschine: Google erschließt das Wissen der Welt - oder nur, was die Mehrheit interessiert?
  • - Kosmischer Kneipenlärm: Wer einen Schuhkarton genau untersucht, entdeckt darin das ganze Universum
  • - Der feine Unterschied: Weshalb Frauen bei Wissenstests schlechter abschneiden
  • - Auf den Zahn gefühlt: Ist doch so - oder? Immer wieder ist die Menschheit bösen Irrtümern aufgesessen

Abo-Angebote: SPIEGEL Wissen lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Buchtipp

Bibliothek: Milan Bulaty (Hg.), Jörg Baberowski, Max Dudler, Martin Mosebach, Peter von Matt.

Berlin Verlag; 109 Seiten; 39,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.






TOP



TOP