Bemerkenswert unklar ist bis heute, wer all die fleißigen Helfer sind, die Wachstum und Vielfalt der Internet-Enzyklopädie ermöglichen. Zwar gibt es diverse Studien zum Thema, etwa "Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation" von dem Soziologen Christian Stegbauer aus Frankfurt am Main. Aber was die vielen zehntausend Mit-Schreiber antreibt, ist rätselhaft. Schließlich winkt dem Wikipedianer, von außen betrachtet, nicht einmal Ruhm: Wer einen Eintrag bearbeitet, darf seinen Namen nicht unter den Artikel schreiben, sein Beitrag wird womöglich vom nächsten Bearbeiter gelöscht oder doch bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Registriert wird der Autor nur in der Bearbeitungshistorie. Innerhalb der Wikipedia-Gemeinschaft wird aber durchaus wahrgenommen, wer wie viel Arbeit investiert. Stegbauer kommt zu dem Schluss, dass "Positionierung" innerhalb der Wikipedia-Hierarchie ein entscheidender Faktor sei. Denn die ehrenamtlichen Helfer haben auch Aufstiegsmöglichkeiten.
In der deutschsprachigen Wikipedia gilt: Wer mindestens 200 Artikel bearbeitet hat und länger als zwei Monate aktiv dabei ist, wird stimmberechtigtes Mitglied, das unter anderem "Administratoren" vorschlagen und an Wahlen teilnehmen darf.
Administratoren haben mehr Rechte als gewöhnliche Mitglieder. Sie können beispielsweise Artikel löschen oder Benutzer sperren. Über den Administratoren rangieren die "Bürokraten"; die deutschsprachige Wikipedia-Gemeinde hat derzeit nur fünf Mitarbeiter in dieser Kategorie. Über diesen wiederum wachen die "Stewards", von denen es auch international nur einige wenige gibt - und sie allein können einen Administrator auch wieder seines Amtes entheben.
Die deutsche Wikipedia umfasst ungefähr 8000 Mitglieder
Gigantisch sind die Mitarbeiterzahlen dennoch nicht. Kurt Jansson, einer der Gründerväter der deutschsprachigen Wikipedia, schätzt, dass die hiesige Gemeinschaft ungefähr 8000 aktive Mitglieder umfasst, mit einem harten Kern von etwa 1000. "Die kennen sich dann oft auch persönlich, gehen zu Stammtischen oder anderen Treffen", sagt Jansson.
In diesen inneren Kreis vorzudringen ist Stegbauer zufolge allerdings nicht einfach. Wer als Neuling bei einem Wikipedia-Stammtisch mit lauter alten Hasen zusammensitze, fühle sich durch Themen, Jargon und die Vertrautheit der anderen oft ausgegrenzt.
Stegbauer glaubt, dass die Position innerhalb des sozialen Gefüges der Community die Motivation der Teilnehmer beeinflusst: Mit dem Aufstieg wandele sich die Einstellung. Während Wiki-Anfänger sich häufig für das Projekt einer freien Enzyklopädie an sich, für das Ideal einer Wissensquelle für jedermann begeisterten, verschrieben sich erfahrene, oft auch mit mehr Verantwortung ausgestattete Wikipedianer zunehmend einer "Produktideologie" - für sie zähle die Qualität der Enzyklopädie und der einzelnen Einträge.
Der polnische Organisationswissenschaftler Dariusz Jemielniak begründet Wikipedias Anziehungskraft mit einer anderen Metapher. Die Gemeinschaft hinter der Enzyklopädie verhalte sich wie im Online-Rollenspiel "World of Warcraft", erklärte Jemielniak in Danzig einem schmunzelnden Fachpublikum: Es gehe den Teilnehmern darum, Erfahrungspunkte zu sammeln, auf neue Spielstufen aufzusteigen, eine Rolle als Experte zu spielen.
Wie in einem Online-Rollenspiel, in dem die Mitwirkenden sich in virtuelle Orks, Elfen oder Zauberer verwandeln können, erleben Wikipedianer eigene Leistung, Belohnung und einen für andere sichtbaren Aufstieg. Statt Punkten sammeln sie editierte Artikel - die Nachweise sind zwar nicht öffentlich, aber im Bearbeitungsarchiv festgehalten.
Stegbauer stellte zudem fest, dass viele Wikipedianer auf ihren persönlichen Profilseiten stolz Listen der Artikel präsentieren, an denen sie mitgearbeitet oder die sie gegen Vandalen verteidigen geholfen haben.
Vandalen sind ein zentrales Problem. Es gibt immer jemand, der einen kompletten Text einfach mal löscht, nur so zum Spaß, oder der irgendwelchen Unsinn in die Texte schmuggelt. Andere Missetäter gehen gezielt vor, sind bestrebt, ihre persönlichen Ansichten etwa zu politischen Fragen der Enzyklopädie aufzudrücken - auch deutsche und amerikanische Politiker oder deren Helfer sind dabei schon erwischt worden.
Wenn es um einen Eintrag Streit gibt, wird darüber innerhalb der Gemeinschaft diskutiert. Am Ende aber entscheidet einer der Administratoren, nicht die Mehrheit. Wikipedia ist keine Basisdemokratie, sondern eine Meritokratie.
Manchmal versucht auch jemand, Wikipedia als Werkzeug für einen Rufmord einzusetzen. Berühmt-berüchtigt ist der Fall des amerikanischen Journalisten und Politikers John Seigenthaler.
Im Frühjahr 2005 verfasste jemand einen Eintrag über ihn, in dem Seigenthaler mit den Morden an John F. Kennedy und dessen Bruder Robert in Verbindung gebracht wurde. Erst Monate später entdeckte ein Bekannter Seigenthalers die ehrverletzenden Behauptungen. Der Betroffene wandte sich unter anderem an Jimmy Wales.
Die Behauptungen wurden beseitigt, und zwar - für Wikipedia unüblich - nicht nur aus dem Artikel selbst, sondern auch aus der zu jedem Eintrag gespeicherten Bearbeitungshistorie. Seigenthaler war damit jedoch noch nicht zufrieden: Er schrieb einen Gastkommentar für die Zeitung "USA Today", in dem er die "ehrenamtlichen Vandalen" im Netz anprangerte.
Anonyme Nutzer dürfen keine neuen Beiträge anlegen
Als Reaktion auf den Fall wurden die Wikipedia-Richtlinien geändert: Anonyme, bei Wikipedia nicht registrierte Internetnutzer dürfen seither keine neuen Beiträge mehr anlegen. Bearbeiten darf man Artikel weiterhin auch ohne Anmeldung, gespeichert wird nur die IP-Adresse des jeweiligen Rechners. Doch auch wer sich anmeldet, muss seinen echten Namen nicht verraten.
Einige spektakuläre Fälle von Wikipedia-interner Hochstapelei hat es schon gegeben, etwa den eines 23-jährigen Studenten, der sich lange Zeit erfolgreich als Professor für Theologie ausgab und als solcher großes Ansehen in der Community genoss.
In der deutschsprachigen Ausgabe folgte dem Fall Seigenthaler eine noch weitergehende Änderung: Nutzer bekommen nur noch sogenannte gesichtete Versionen zu sehen. Erst wenn ein erfahrener Wikipedianer eine Artikeländerung genehmigt hat, wird sie auch für andere Nutzer sichtbar. Der Mechanismus stellt sicher, dass die Auswirkungen von Vandalismus sich begrenzen lassen, führt aber auch dazu, dass die Artikel-Sichter eine echte Herkules-Aufgabe bewältigen müssen.
Immer wieder gibt es deshalb Streit: Neue Einträge werden nicht freigeschaltet oder direkt gelöscht, oft mit der Begründung, der Gegenstand sei "irrelevant" für eine Enzyklopädie. Tatsächlich soll dieses konfliktträchtige Vorgehen vor allem verhindern, dass die Flut der neuen und geänderten Artikeln die ehrenamtlichen Kontrolleure überfordert. Soziologe Stegbauer warnt, dass dieser Mechanismus so manchem hoffnungsvollen Nachwuchs-Wikipedianer den Einstieg schwer machen oder ganz vergällen könnte.
Dennoch macht das Beispiel der deutschsprachigen Ausgabe inzwischen Schule: "In den USA wird diese Regel in diesen Tagen eingeführt, allerdings zunächst nicht für alle Artikel und nur testweise", sagt Kurt Jansson. Sie wird fürs Erste nur auf Artikel angewendet, die besonders häufig Vandalenangriffen ausgesetzt sind. Darunter fallen viele Artikel über lebende Personen.
Bislang allerdings nicht auf der Liste: der Eintrag über Jimmy Wales.
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© SPIEGEL Wissen 3/2010
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