Von Thilo Thielke
Hier unten, rund 20 Kilometer vom Flughafen Koh Samuis entfernt, war noch nicht alles mit den billigen Hotels und Bierbars zugebaut, die ansonsten die Insel verschandeln. Das hat die Bucht einem vorgelagerten Riff zu verdanken, welches beliebte Touristentätigkeiten wie Bananenbootfahren und Drachensurfen unmöglich macht.
Auf einer kleinen Anhöhe entdeckte John Stewart zudem eine Felsengrotte, die bis vor einigen Jahrzehnten von buddhistischen Mönchen "als Ort des meditativen Rückzugs" genutzt wurde. Hier, an diesem spirituellen Ort, wollten er und Karina ihr "Wellness-Paradies" errichten. Und der Schweizer Marc-Antoine Cornaz, ein Bekannter der beiden und alter Hase im Hotelgeschäft, sollte ihnen dabei helfen. Er übernahm den eher weltlichen Part und kümmert sich bis heute als Managing Director hauptsächlich um das Geschäftliche.
"Kamalaya ist ein Kraftort", schwärmt Cornaz, 48, dessen beigefarbene Kleidung sich chamäleonhaft in die Szenerie aus glattgespülten Felsen, steilen Steinwegen und erdigen Bungalows einfügt. Was den Ort so besonders mache, sei "die Synergie, das Zusammenwirken sämtlicher Bestandteile des Heilens". Wer zur Kurierung seines Burnouts ins Kamalaya komme, erhalte gewissermaßen eine Runderneuerung - "eine einfache Massage dagegen kann man auch in Berlin bekommen".
Reiki, Klangschalen, Qigong
Wie so ein Kompaktpaket aussehen kann, offenbart der Tagesplan der Niederländerin Heleen, 50, deren Name hier geändert wurde.
Heleen genießt die Abgeschiedenheit und den spirituellen Charakter der Anlage und schwärmt von einem "energiereichen Platz", der bereits nach anderthalb Wochen ihr "Leben verändert" habe. Sie hat schon ayurvedische Massagen hinter sich und Akupunktur. Nachher stehen noch eine traditionelle Thai-Massage auf dem Programm und ein Ausflug zu einem buddhistischen Tempel in der Gegend.
Ein medizinischer Berater hat das Programm mitentwickelt und individuell gestaltet. Das Gesamtangebot umfasst nahezu alles, was fernöstliche Mystik und Naturheilkunde anzubieten haben: Yoga und Pilates, Tai-Chi und Qigong, spiritueller Tanz und Meditation, Homöopathie und Ayurveda, Reiki und Lymphdrainage, Klangschalen-, Kraniosakraltherapie und spirituelle Heilung.
Heleen hat die dreiwöchige Kur bitter nötig. Vor zwei Jahren hat sie sich selbständig gemacht und organisiert seitdem internationale Kongresse. Ständig ist sie auf Achse.
Allein 2010 hat sie Kongresse in Griechenland, Spanien und Italien ausgerichtet. Doch auch wenn sie einmal nicht unterwegs ist, fällt das Abschalten schwer - Heleen ist ihre eigene Chefin und einzige Mitarbeiterin. Ihr Arbeitsplatz befindet sich zu Hause, das wichtigste Utensil ist das Handy. Und das klingelt, wenn etwa ein kanadischer Kunde mal wieder den Zeitunterschied vergessen hat, mitunter mitten in der Nacht. Andere Unternehmen beendeten um 18 Uhr ihre Arbeit, so Heleen, sie hingegen sei immer erreichbar, anders gehe es kaum.
Frösche quaken und das Meer rauschen hören
"Seit ich mein eigenes Unternehmen habe, schufte ich sieben Tage die Woche", erzählt die erfolgreiche Geschäftsfrau. "Einen Urlaub habe ich seit zwei Jahren nicht mehr gemacht." Bevor sie in Thailand ankam, sei sie total verspannt gewesen und aus dem Gleichgewicht geraten, sie habe "Sehnen wie Gitarrensaiten gehabt und viel zu viel Zucker gegessen".
Heleen versucht abzuschalten. Sie hat zum ersten Mal ihren Computer daheim gelassen, das Handy ausgeschaltet, und zum Glück gibt es auf den Zimmern keine Fernseher. So weiß sie zwar ausnahmsweise mal nicht, was in der Welt so vor sich geht, welche Regierungen gestürzt und welche Kriege neu ausgebrochen sind. Stattdessen hört sie "nachts die Frösche quaken und das Meer rauschen". Langsam baut auch Heleen den Stress ab. Kamalaya sei zwar nicht gerade ein Schnäppchen, die günstigste Übernachtung kostet je Doppelzimmer rund 165 Euro. Aber immerhin - "es ist eine Investition in mich selbst".
Wie der Niederländerin geht es vielen Besuchern in Kamalaya, hat Marc-Antoine Cornaz beobachtet. "Normalerweise dauert es ein paar Tage, bis man den Stress abgeschüttelt und die Arbeit hinter sich gelassen hat", sagt der Schweizer. Wichtig sei, dass man langsam zu sich selbst finde. "Das Leben bietet heutzutage so viel Ablenkung, und durch Handy und Internet sind wir alle permanent erreichbar. Da besteht der wahre Luxus in ein bisschen Ruhe und Abgeschiedenheit."
Abends sitzen sie alle zusammen am Gemeinschaftstisch im Restaurant Soma (Sanskrit für: "Speise der Götter"). Heleen, Goran und Marc schauen vorbei. Sie nehmen zuckerfreie Thai-Kost zu sich, vitaminreiche Säfte und "medizinische Kräutertees auf der Grundlage taoistischer Traditionen". So reinigen die Gäste nebenbei noch ihren Körper. Natürlich tauschen sie sich auch aus. Und in den Gesprächen geht es ausnahmsweise einmal nicht um Konzerne, Firmenpolitik und den nächsten Kongress. Für einen Moment ist die Welt ganz klein geworden.
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© SPIEGEL Wissen 1/2011
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