Von Markus Verbeet
Die Schaltzentrale liegt gleich rechts hinterm Eingang, ein schmales Zimmer, zwei Computer, ein Konferenztisch, an der Wand hängen große Pläne voller Abkürzungen. "12 1DE", "4", "San", so steht es auf einem Blatt ganz links oben, darunter viele Kästchen in bunten Farben.
Der Mann, der all die Codes erklären kann, tut es mit ruhiger Stimme. "Die Abkürzung steht für eine Deutschklasse in unserem zwölften Jahrgang, unterrichtet werden vier Stunden pro Woche, die Buchstaben bezeichnen den Lehrer", sagt Thorsten Pfliegner, ein freundlicher 55-Jähriger in Jeans und Hemd. Er muss jedes Jahr aufs Neue für Ordnung in seiner Schule sorgen, in dem kleinen Zimmer versucht er alles zusammenzubringen: 100 Lehrer, 400 Oberstufenschüler und ungezählte Vorgaben des Kultusministeriums.
Pfliegner ist Oberstufenleiter an der Theodor-Mommsen-Schule in Bad Oldesloe. In Schleswig-Holstein ist kein Gymnasium größer, in der ganzen Bundesrepublik fast keines. Ein Jahrgang hier hat deutlich mehr als hundert Schüler, insgesamt zählt die Schule rund anderthalbtausend. So viele Schüler, so viele Lehrer, da muss die Organisation stimmen, vor allem in der Oberstufe, wenn die Jugendlichen eigene Schwerpunkte setzen können und ihre Fächer wählen. Pfliegner beginnt bereits im November mit den Vorbereitungen des nächsten Schuljahrs, er lässt die Schüler ihre Präferenzen angeben, um den perfekten Plan erstellen zu können.
Weg von der Wahlfreiheit und mehr Vorgaben
Für den Umbau, der einer kleinen Revolution gleichkommt, haben die Kultusminister gesorgt. Die Bundesländer verabschieden sich von wesentlichen Neuerungen, die in den siebziger Jahren geschaffen wurden, und lassen die Schüler wieder im Klassenverband einen festen Fächerkanon lernen - entsprechend einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahr 2006. Der bedeutet im Kern: Es gibt mehr Pflichtfächer und meist auch mehr Prüfungsfächer; die alten Grund- und Leistungskurse sind vielerorts Vergangenheit.
Die neue Oberstufe ist nicht überall gleich, natürlich nicht. Im föderalen Staat gibt es immer Unterschiede, manchmal sind es nur die Namen. Die einen sprechen von "Profilfächern", die anderen von "Neigungsfächern", daneben existieren "Kernfächer" oder "Hauptfächer" oder "Basiskompetenzfächer". Aber alle wollen dasselbe, alle liegen auf der neuen Linie: weg von der Wahlfreiheit, hin zu mehr Vorgaben und Verbindlichkeit.
Wer verstehen will, was das für eine Schule und ihre Schüler heißt, muss nur einen Blick auf den Plan werfen, der in dem kleinen Zimmer der Theodor-Mommsen-Schule an der Wand hängt. Der Stundenplan der zwölften Jahrgangsstufe: schön bunt und überraschend übersichtlich. Die Tabelle hat sechs Spalten, eine für jede Klasse. Die Schüler verbringen von ihren 34 Unterrichtsstunden fast alle - genau 30 - mit denselben Mitschülern. Das war früher undenkbar, im Kurssystem wurde eine Jahrgangsstufe in jeder großen Pause ordentlich durcheinandergewirbelt.
Einfach war die Organisation einer Oberstufe nie
Von Leistungskursen ist auf dem Stundenplan nichts mehr zu lesen. Sie sind abgeschafft, kein Fach wird hier mehr mit fünf oder gar sechs Stunden pro Woche unterrichtet. Vier Wochenstunden sind das Maximum, vorgesehen für die neuen "Kernfächer": Deutsch, Mathematik und Englisch, die sollen nun von allen Schülern wichtig genommen werden. Alle drei Fächer müssen bis zum Abitur belegt werden, in zweien muss eine Prüfung abgelegt werden.
Neben den "Kernfächern" gibt es nun "Profile". Zu jedem Profil gehören drei Fächer, eines mit vier Unterrichtsstunden pro Woche und die beiden ergänzenden Fächer mit jeweils drei. An der Theodor-Mommsen-Schule heißt das zum Beispiel: Physik plus Biologie und Chemie. Oder: Geschichte plus Erdkunde und Wirtschaft/Politik.
Das alles klingt nicht ganz einfach, aber das war die Organisation einer Oberstufe nie. Klar ist jedenfalls: Es gibt jetzt drei "Kernfächer", die Pflicht, und ein "Profil" als Kür. Die Schüler können damit nicht mehr so stark wie früher ihren Stundenplan selbst zusammenstellen - nach Interesse und Talent, sofern vorhanden, sonst eben nach Lust und Laune. Den Sport-Leistungskurs, der so oft belächelt worden ist, den gibt es nicht mehr. Den Mathe-Leistungskurs, der als vertiefende Vorbereitung aufs Fachstudium gerühmt wurde, aber ebenso wenig.
Wenn Forscher diese Veränderungen beschreiben, das neue System mit den Kernfächern und den Klassen, dann sprechen sie von einer "Rekanonisierung" oder "Restandardisierung". Positiv ist ihr Urteil nicht unbedingt. Eine "Restauration der Gymnasialtypen aus der Epoche vor 1972" sieht der emeritierte Pädagogikprofessor Ludwig Huber, langjähriger Leiter des reformfreudigen Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld.
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