Dr. Bohn und ich: Lange bevor ich in die Schule kam, hatte mir jemand einen Chemiekasten geschenkt. Seitdem explodierte es manchmal in meinem Zimmer, und ich wusste, was ich werden wollte.
In der achten Klasse war es endlich so weit. Chemie stand auf dem Stundenplan. Mein Lehrer hieß Dr. Bohn. Er war eher zierlich, hatte einen Schnurrbart und trug immer einen weißen Kittel. Der Klassenraum, in dem der Unterricht stattfand, war ein Hörsaal mit kleinem Hinterzimmer, dem Versuchslabor. Dr. Bohn hatte für alles gesorgt, Reagenzgläser in sämtlichen Größen, Zylinder aus Glas, Petrischalen und Pulver in allen Farben. Wir trugen Schutzbrillen und zu große Handschuhe, erhitzten Metalle oder zerkleinerten Chemikalien mit dem Mörser. Manchmal hatte man das Gefühl, der Vorstellung eines Zauberers beizuwohnen.
Ich verehrte Dr. Bohn, und Dr. Bohn fragte mich, ob ich Hormocenta benutze, weil mein Gesicht so leuchtet. Ich war mir sicher, dass es sich um eine seltene Chemikalie handeln müsse, und stellte Nachforschungen an. In einer Drogerie wurde ich fündig und benutzte fortan diese Pflegelinie für Großmütter, in der Hoffnung, für Dr. Bohn zu leuchten.
Plötzlich wurde ein Junge aus einer höheren Stufe in unsere Klasse zurückversetzt, und ich habe aufgehört zu sprechen. Ich hatte mich in ihn verliebt und wusste nicht, wie das geht. Auch in Dr. Bohns Zauberstunden schwieg ich und starrte auf den Fußboden. Zuerst machte er sich lustig über mich: "Früher war Nicolette hübsch und fleißig, heute ist sie nur noch hübsch." Später hielt er mich im Treppenhaus auf und erzählte mir, ich sei in seinem Traum wie eine Elfe über eine Wiese gesprungen und hätte gelacht.
Dann war Dr. Bohn sehr lange krank. Zwei Jahre später stand er wieder vor uns. Seine Stimme klang monoton. Mich ignorierte er komplett. Ich trug mittlerweile einen Irokesen und war von den vielen Zigaretten ständig der Ohnmacht nah. Ich war mir sicher, Dr. Bohn hatte den Verstand verloren. Wahrscheinlich dachte er das Gleiche von mir.
Nicolette Krebitz, Schauspielerin und Regisseurin, 38 - Bis zur 11. Klasse an der Marie-Curie-Oberschule in Berlin
Aufgezeichnet von Jörg Böckem, Bettina Musall und Eva-Maria Schnurr
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