Neue Heilmethoden Seelischer Schmerz

Die Reproduktionsmedizin kann viel mehr, als sie rechtlich darf. Aber der Gesetzgeber will die Embryonen schützen und Auswüchse verhindern. Viele Regelungen sind indes nicht mehr zeitgemäß.

Von Udo Ludwig


Was die Reproduktionsmedizin zu leisten vermag, stellte sie im Mai in England unter Beweis.

Im Addenbrooke's Hospital von Cambridge gebar Elizabeth Adeney ein Baby, das sie Jolyon nannte. Das Besondere daran: Die Mutter war bereits 66 Jahre alt. Genetisch gesehen war die wohlhabende Dame aus Suffolk gar nicht die Erzeugerin, da ihr das Ei zuvor von einer anderen Frau gespendet und außerhalb des Körpers befruchtet worden war. Weil künstliche Befruchtungen für Frauen in ihrem Alter in britischen Kliniken nicht angeboten werden, war sie für den Eingriff in eine Privatklinik in der Ukraine ausgewichen.

Was die Reproduktionsmedizin leisten kann, was aber zumindest in Deutschland sehr umstritten ist, erlebte der Berliner Arzt Matthias B.

Der Leiter eines "Kinderwunschzentrums" stand im Mai als Angeklagter vor dem Berliner Landgericht, weil er kranke Embryonen vernichtet hatte. Drei Frauen, die eigentlich ein Baby bekommen wollten, hatten sich geweigert, diese auszutragen, weil sie davon ausgehen mussten, dass die Kinder tot oder schwerbehindert zur Welt kommen würden.

Was die Reproduktionsmedizin leisten kann und was sie in Großbritannien darf, in Deutschland aber nicht darf, erfuhr ein Paar in London.

Der Mann hatte ein mutiertes BRCA1-Gen in seinem Erbgut. Molekularbiologen hatten vor einiger Zeit herausgefunden, dass bestimmte Genvarianten das Risiko für Tumoren in der Brust deutlich erhöhen. Um seinem künftigen Nachfahren die Angst vor Brustkrebs zu ersparen, entschied sich das Paar für eine künstliche Befruchtung. Bevor die Embryonen in die Mutter verpflanzt wurden, untersuchten Mediziner einige Zellen. Tatsächlich trugen elf Embryonen das Tumorgen, fünf dagegen nicht. Zwei dieser Zellhaufen wurden schließlich übertragen, einer überlebte und reifte im Körper der Mutter zu einem Fötus heran.

Es gibt kaum einen Bereich in der Medizin, in der die Schere zwischen dem, was in der Praxis möglich, und dem, was ethisch zu verantworten ist, so weit auseinandergeht wie in der Reproduktionsmedizin.

In einigen Länder ist es erlaubt, dass Frauen Eizellen spenden. In Deutschland ist dies verboten. Erlaubt ist hier jedoch die Samenspende. In einigen Staaten dürfen Frauen als Leihmütter fungieren, sie tragen das Baby von Paaren aus, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können.

Einige Länder lassen künstliche Befruchtungen nur bis zu einem bestimmten Alter zu - meist bis an die Grenze, die auch die Natur vorgegeben hat. In anderen Teilen dieser Welt dürfen sogar Frauen im Methusalem-Alter noch Mutter werden.

Viele Länder billigen Embryo-Analysen. Mediziner übertragen dabei nur die Zellhaufen, die ihnen am lebensfähigsten erscheinen. Oder sie untersuchen die Gene, um wie im englischen Fall Risikofaktoren wie Brustkrebsgene zu entdecken.

Die USA gehen noch einen Schritt weiter, sie sind auf dem besten Weg zum Designer-Baby. Dort können sich zukünftige Eltern in Datenbanken Samen und Eizellen von Spendern auswählen, die ihnen am angenehmsten sind. Weiß, groß, schlau, sportlich - in diesen Katalogen zukünftigen Lebens sind alle Eigenschaften vorhanden.

Die großen Fortschritte der Biomedizin haben Wissenschaftler, Juristen und Politiker in Deutschland vor grundsätzliche Fragen gestellt: Ist es ethisch zu vertreten, Krankheiten zu verhindern, indem Mediziner nur Embryonen am Leben halten, die keine schlechten Gene in sich tragen? Dürfen Ärzte jeden Kinderwunsch erfüllen, und soll man die zukünftigen Eltern darin unterstützen, gewünschte Eigenschaften des Nachwuchses zu züchten?

Das deutsche Embryonenschutzgesetz gilt als eines der rigidesten der Welt. Der Bundestag hat es 1990 verabschiedet, seitdem ist nichts verändert worden. Reproduktionsmediziner fordern seit Jahren liberale Reformen. Sie sind der Meinung, die deutschen Gesetze würden ihnen medizinische Möglichkeiten verwehren, etwa um unfruchtbaren Paaren den sehnlichen Wunsch nach Kindern zu erfüllen. "Menschenfeindlich" nennt Professor Gerhard Leyendecker vom Kinderwunschzentrum Darmstadt diese engen Gesetzesgrenzen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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derweise 01.07.2009
1. "Babymacher"
"Babymacher": das ist schlechter Journalismus schon in der Ausdrucksweise.
Phleon 01.07.2009
2. Evolution
Kein Mensch wünscht sich ein krankes Kind und jede Familie wünscht sich ein besonders gesundes und fähiges Kind. Was spricht dagegen, dafür zu sorgen, dass das Wunschkind auch ein gesundes Kind wird? Auf ethischen Hintergründe will ich nicht eingehen. Es gibt aber auch eine recht simple wissenschaftlich/mathematische Erklärung: Die Evolution Der Grund dass es uns überhaupt (immer noch) gibt, ist unter anderem der genetischen Vielfalt zu verdanken. Angenommen, ein Gen in Chromosom 2 erhöht das Risiko an Krebs zu erkranken um 100%! Hört sich viel an! Jede vernünftige Mutter würde doch sofort sagen: "Nein bitte nicht!". Wären es dann aber tatsächlich 0.0004% statt 0.0002%... Ui! Das Gen scheint aber weiter keinen Nutzen zu haben. Elimieren wir es doch aus unserem genetischen Genom! 20 Jahre später mutiert ein simples Grippevirus dahin, dass es genau die Menschen aber dahinrafft, die ohne dieses krankes Gen sind... Nun haben Grippeviren zum Glück eine geringe Mutationsrate, weil ihr Erbgut durch eine Doppelhelix geschützt ist. Das ist aber nicht bei allen so. Zahlreiche Viren haben eine einfache Viren. Vorteil: Maßnahmen gegen solche Viren sind nahezu nutzlos. Bestes Beispiel: HIV Tatsächlich soll es Menschen geben, die gegen HIV immun sind. Ob solche Menschen in einer Mensch-Baukasten-Gen-Welt geboren wären? Wohl kaum.
kaahtseke 01.07.2009
3. Die Babymacher...
...genialer Titel, trifft er doch präzise die, meines Erachtens nicht zu Unrecht geäußerten, Vorbehalte in der Gesellschaft gegenüber möglichen Entwicklungen in der Biomedizin. Ich war selber in einer biomedizinischen Einrichtung als Wissenschaftler tätig und kann trotz Aufklärung über Potenziale der Biomedizin und Verständnis für Eltern (bin selber ein Elter) nur davor warnen, der Wissenschaft Tür und Tor zu öffnen. Rechtfertigungen dafür wird es immer geben; aber die Entscheidung, sich diesen nicht zu beugen ist bzw. erfordert eine davon unabhängige (!) Festlegung über unser ethisches Grundverständnis. Dass diese Entscheidung trotz Bundestagsdebatten zur Biomedizin (zu denen auch die zur Gentechnik gehören) noch nicht getroffen wurde verweist auf erhebliche Lücken in der Risikokommunikation im Bereich der Biomedizin.
ttx 01.07.2009
4. Hauptsache Kinder
Zitat von sysopDie Reproduktionsmedizin kann viel mehr, als sie rechtlich darf. Aber der Gesetzgeber will die Embryonen schützen und Auswüchse verhindern. Viele Regelungen sind indes nicht mehr zeitgemäß. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,633419,00.html
Wenn das die Lösung für unser Problem des mangelnden Nachwuchs ist dann bitte: füllt die Reagenzgläser, pflanzt die Kinder in die Kräutergärten oder was auch immer. Irgendwer muss schließlich die Klientelpolitik der CDU samt außerordentlicher Rentenerhöhung bezahlen - von mir aus auch "Designerbabies".
pappel 01.07.2009
5. .... wie immer
Es bleibt also wie immer. Wer etwas mehr Geld hat, kann sich im Ausland erstklassig versorgen lassen. Der Rest: Pech gehabt. Die dürfen sich dann mit Spätabtreibungen oder ungewollten Mehrlingsgeburten rumärgern. Kein Wunder. Die Politik besteht scheinbar nur noch aus Kinderlosen, Heile Welt Vortäuschern (siehe Seehofer) oder Homosexuellen. Das da eine Familienplanung nicht aktuell ist, kann ich gut verstehen.
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