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Patient und Arzt: Check im Netz

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Medizinportale, Foren, Newsgroups - der Besuch beim Cyber-Doc boomt. Schnell haben Patienten Diagnosen und Therapien zur Hand. Für das Verhältnis zum echten Arzt bleibt das nicht ohne Risiken.

Es braucht nur zwei Klicks, um sich den Weg in das Reich der selbsternannten Therapeuten und Leidensgenossen zu bahnen: Wer bei Google die Stichwörter "Kopfschmerzen" und "Schwindel" eingibt, dem offeriert der Internet-Suchdienst als einen der ersten Treffer ein Forum. Ein weiterer Klick katapultiert den Ratsuchenden mitten hinein ins virtuelle Wartezimmer.

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Corbis

Medizin-Tipps im Internet: Wie verlässlich ist der Cyber-Doc?

Leidende beraten sich dort über kleine Wehwehchen und echte Krankheiten, übergießen den Hilfesuchenden mit Mitleid und bieten ihm gleich eine ganze Latte von Diagnosen an.

"Es könnte eine Blockade an der Halswirbelsäule sein", schreibt einer. Der Nächste meint: "Ich würde mich auf eine Borreliose untersuchen lassen." Die Dritte berichtet, dass ihr Mann an einem Cluster-Kopfschmerz leide, der unbehandelt zur Erblindung führen könne.

Wirbelprobleme? Zeckenstich? Blindheit? Was eben noch harmlose Kopfschmerzen und Schwindel waren, ist plötzlich zu einer gefühlten Bedrohung geworden.

Eine ungezielte Suche im Internet kann Patienten schnell auf Seiten leiten, die fragwürdige Hinweise verbreiten. Die unüberschaubare Flut medizinischer Informationsangeboten macht es dem Laien schwer, sich im World Wide Web korrekte wie hilfreiche Fakten zu beschaffen - dabei führt gerade die Suche nach einer zweiten Meinung zum ärztlichen Rat die Hälfte aller Gesundheitssurfer ins Netz.

Das Internet als Cyber-Doc - ein gescheitertes Modell? Nicht unbedingt, denn Medizinportale, Newsgroups und Foren bieten, was der Hausarzt nicht leisten kann: In der virtuellen Praxis gibt es weder Öffnungs- noch Wartezeiten, auch die Praxisgebühr entfällt, und niemand drängt den Ratsuchenden zur Eile, über die er die Hälfte seiner Fragen vergisst. Der Informationsaustausch in Netzwerken ist für viele Kranke oft eine wichtige Stütze. Zudem existiert eine Vielzahl von seriösen Informationsseiten, die neben Erklärungen zu verschiedenen Krankheiten auch praktische Hilfestellungen für Betroffene und nützliche Links zu Fachgesellschaften liefern.

Doch die Sache hat einen Haken: Für Otto Normalverbraucher ist es mitunter schwierig, seriöse Gesundheitsseiten von unseriösen zu unterscheiden. Ob ein Internet-Angebot von einer Pharmafirma gesponsert wird oder ein anderes profitorientiertes Unternehmen dahintersteckt, ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen.

"Viele Patienten bemerken nicht einmal, ob ihre Suche sie zum Bundesgesundheitsministerium, einem Medikamentenhersteller oder zu einem Informationsportal wie etwa netdoktor.de geführt hat", sagt Marie-Luise Dierks, Leiterin der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit 2006 will die Bildungseinrichtung Bürgern, Patienten, ihren Angehörigen und Selbsthilfegruppen mehr Gesundheitskompetenz vermitteln.

Ihr Institut hat für Kursteilnehmer eine lange Liste erstellt, auf denen die Web-Seiten von Einrichtungen wie dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu finden sind. Die Einrichtung wurde vor fünf Jahren eigens geschaffen, um mehr Transparenz in die Medizin zu bringen.

"Selbst Menschen, die häufig nach Gesundheitsthemen im Internet suchen, kennen das IQWiG leider nicht", meint Dierks. Die Pädagogin verbreitet mit dem Mediziner Günter Ollenschläger auch einen Fragebogen, der seinen Nutzern verlässlich bei der Bewertung von Patienteninformationen helfen soll.

Neben der Patientenuniversität und dem IQWiG bemüht sich auch das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem um mehr Transparenz im Internet. Es verleiht ein Qualitätslogo an jene Plattformen, die Inhalte und Werbung in ihrem Angebot deutlich trennen, den Anbieter sichtbar machen und Zweck, Quellen und Zielgruppe benennen. Der Wahrheitsgehalt der Inhalte wird jedoch nicht untersucht.

Dafür sieht sich die Schweizer Stiftung Health On the Net (Hon) zuständig, bei der Freiwillige eine Zertifizierung beantragen können. Der Hon-Code überprüft, ob die Autoren sachverständig sind, ihre Quellen angeben sowie über Vor- und Nachteile von Therapien berichten. Über 6500 Seiten aus 118 Ländern besitzen derzeit den Hon-Code.

Doch selbst die beste Kenntnis der Fakten ersetzt nicht den Besuch beim Arzt - darin sind sich Internet-Anbieter, Patientenvertreter und Mediziner einig. Auch bei netdoktor.de steht im Kleingedruckten ganz unten auf der Seite: "Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden."

Der informierte Patient ist allerdings nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen für seinen Arzt: Google-Diagnosen und Forums-Therapien stellen Mediziner immer wieder vor erhebliche Probleme. "Es ist nicht leicht, einem Patienten seinen Hörsturz wieder auszureden, wenn das Internet ihn auf diese Diagnose gebracht hat", sagt Dieter Boland, niedergelassener Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Düsseldorf. Zu ihm kommen immer häufiger Patienten, die nicht nur ihre vermeintliche Diagnose schon kennen, sondern zur Absicherung auch bestimmte Blutanalysen und Röntgenuntersuchungen fordern.

Eine seiner Patientinnen, Mutter von zwei kleinen Kindern, hat immer wieder Phasen, in denen sie sich um ihre Gesundheit Sorgen macht. Dann setzt sie sich an den Computer und googelt ihre Symptome. Kurze Zeit später hat sie entweder einen Hirntumor, amyotrophische Lateralsklerose oder Multiple Sklerose.

"Die Medien haben für so einen Fall das Wort Cyberchonder erschaffen", sagt Gaby Bleichhardt vom Fachbereich Psychologie an der Philipps-Universität Marburg. Um ein echtes Krankheitsbild handelt es sich ihrer Meinung nach dabei nicht. "Aber sehr besorgte Menschen werden im Internet eher verunsichert", betont die Psychologin.

Und diese Verängstigung müssen die Mediziner vor Ort dann auffangen. HNO-Arzt Boland, der beratungsresistenten Fällen scherzhaft mit einer Google-Pauschale droht, versucht es meist mit Humor: "Ich weise meine Patienten darauf hin, dass bei mir Facharzt an der Tür steht, bei Google aber gar nichts", sagt Boland. Dann biete er ihnen an, seinen Sachverstand zu gebrauchen, damit sie ihn "nicht nur als Vollstrecker benutzen müssen".

Vielen Patienten hilft diese Strategie. "Mir ist es meistens etwas unangenehm, wenn ich mit meinem Internet-Wissen in der Praxis ankomme", sagt eine von Bolands Patientinnen. "Ich will natürlich ernst genommen werden mit meinen Sorgen, aber eigentlich will ich, dass mein Arzt mich beruhigt."

Während Chats und Foren viele Patienten verunsichern, bietet der Gesundheitscheck im Internet für kritische Leser auch Vorteile: Wer sich über seine Krankheit informiert, kann seinem Arzt differenzierte Fragen stellen und ihn zwingen, sich weiter kundig zu machen. "Der informierte Patient übernimmt Verantwortung", meint Boland. "Das kann nicht nur das Gespräch, sondern auch die Therapie erleichtern."

Das bestätigt auch Gregor Scherzinger, Neurologe an den DRK-Kliniken Berlin-Köpenick. Der Oberarzt leitet die Sprechstunde für Muskelerkrankungen und hat es daher mit einer speziellen Klientel zu tun: Weil diese Patienten oft schon Jahre unter einer chronischen Krankheit leiden, sind sie mitunter sogar besser informiert als der Spezialist. "Ich kann und muss von ihnen manchmal noch etwas lernen", sagt Scherzinger. "Und wenn ich auf ihre Sorgen nicht eingehe, suchen sie sich einen anderen Arzt, der sie ernst nimmt."

Zudem biete das Internet gerade chronisch Kranken die Möglichkeit, Informationen mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich in Netzwerken zu organisieren. "Ich habe als Klinikarzt gar nicht die Zeit, alle Fragen zu beantworten, Zweifel aus dem Weg zu räumen und Ängste zu besprechen", meint der Neurologe. Insgesamt habe er zwar festgestellt, dass das Gespräch mit dem Therapeuten höher bewertet werde als Informationen aus dem Netz. Aber: "Das Internet nimmt dem Arzt auch viel Arbeit ab."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. hokuspokus
GrinderFX 09.07.2009
Die leute stehen eben auf teuren hokuspokus der nicht funktioniert.
2. Diagnosestellung ist ein komplexer Ablauf
wassolldas1 09.07.2009
Das hauptsächliche Problem bei der Suche nach Gesundheitsthemen im Internet ist do, dass die meisten Nutzer gar nicht wissen, wonach sie überhaupt suchen sollen. Denn wenn sie schon wüssten, dass sie Krankheit XYZ haben, dann müssten sie nur den Namen XYZ eingeben und würden auch zuverlässige Informationen finden. Meist ist es aber umgekehrt: man hat das eine oder andere Symptom bei sich festgestellt und sucht nun ziemlich ungezielt im www herum. Das muss natürlich in die Hose gehen, denn viele Symptome treten bei ganz unterschiedlichen Krankheiten auf, wie das Beispiel mit dem Kopfschmerz und dem Schwindel im Artikel schon deutlich macht. Das kann von Muskel-Verspannungen im Nacken bis zum Hirntumor praktisch alles sein. Niemand kann aber anhand von zwei Stichwörtern eine Diagnose stellen. Dazu braucht es eine genauere Beschreibung der Symptome, eine Untersuchung vor Ort und ein paar Labordaten, und erst dann kann man etwas gezielter an eine Diagnosestellung gehen. Aber auch damit ist es oft noch nicht getan. Im rahmen der Differenzialdiagnose oder eines ersten erfolglosen Behandlungsversuchs stellt sich dann oft heraus, dass beim Patienten doch nicht die zuerst vermutete Erkrankung vorliegen kann. Neben den zigtausend relativ bekannten Krankheiten gibt es beispielsweise auch etwa 7000 seltene Krankheiten, die unter 10.000 Personen nur etwa 5 Mal vorkommen. Dann sind auch die meisten Ärzte überfragt und müssen sich selber erst einmal informieren (wenn der Arzt sich hier weigert, sollte man sich umgehend einen neuen suchen). Eine gute Möglichkeit hierfür ist etwa das Informationsangebot des dt. Dachverbands für seltene Krankheiten ACHSE e.V. (www.achse.info und www.achse-online.de). Unter anderem können sich auch Ärzte/-innen an die ACHSE wenden, wenn sie Probleme bei einer Diagnose haben und vermuten, es könnte eine seltene Krankheit dahinter stecken. Ziel solcher Angebote ist es unter anderem auch, die Frustrationsquote bei den Patienten zu verringern - und damit den Vertrauensverlust in die wissenschaftliche Medizin zu bekämpfen. Ein blindes Vertauen in den Rat von Laien oder Wunderheiler ist jedenfalls nicht ratsam.
3. Interessanter Artikel
runzel 09.07.2009
Ich bin seit etlichen Jahren in einem medizinischen Portal aktiv und konnte entsprechend viele Erfahrungen sammeln. Die decken sich auch im großen und ganzen mit denen aus dem Artikel. Es wurde die Fülle an Informationen genannt, wichtig ist jedoch auch die Art der Informationen. Viele Leute die Dr.Google befragen, landen auch bei Quellen, die nicht für "ihre Augen" gemacht sind...Sondern für Leute vom Fach. (Im Grunde ja absurd. Vor Google sind ja auch die wenigsten in eine Bib. gerannt und haben vor dem Arztbesuch stundenlang Fachliteraur gewälzt.) Entsprechend werden Informationen dann oft genug falsch aufgenommen, was dann wiederum vorhandene Sorgen/Ängste weiter schürt. Und da ist man schon beim nächsten Punkt: Der direkte Kontakt zwischen Fachmann und Patient. Wenn ein Arzt dem Patienten mitteilt, dass es dieses oder jenes sein könnte, kann der Arzt Ängste direkt auffangen...Hole ich mir eine "Diagnose" im Internet, sitze ich da ganz alleine. Erschreckend ist manchmal auch, dass manche User tatsächlich meinen, dass das Internet den Gang zum Arzt ersetzen kann und ebenfalls sehr erschreckend, dass viele bereit sind an sich selber rumzudoktern, weil irgendwer geschrieben hat "das es so auch geht". (Wohin gegen ja wieder die wenigsten einfach mal die Bremsen am Auto aus diesem Grund selber wechseln würden.) Wie in allen anderen Dingen: Das Internet ist Fluch und Segen zugleich.
4. Ist das seriös....
tanni95, 09.07.2009
...oder vergleichbar mit den "Engelsmitteilungen der Muttergottes" die gestern nacht auf astroTV über den Bildschirm flimmerten?
5. kommt drauf an ...
bedenkenträger2 09.07.2009
Die Schulmedizin tappt doch auch meist im Dunkeln. Wie oft hört man vom Arzt: "Da probieren wir mal dieses, und wenn das nicht klappt, probieren wir jenes ...". Wenn ich mir beim Sport ein Zipperlein (Knie, Ellenbogen, Schulter) zugezogen habe, recherchiere ich immer erst in einschlägigen Foren. Die Erfahrung von hunderten mit denselben Syptomen hilft mir, das Problem einzukreisen und zu verstehen (schließlich bin ich selbst für meine Gesundheit verantwortlich), und sei es auch nur, dass ich die richtigen Worte zur Beschreibung finde, das hilft mir dann beim Arzt, mein Problem exakter zu beschreiben. Bestimmt googlen die Ärzte doch selbst auch rum, wenn sie zu einem Fall keine Lösung finden.
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