Alles bio? Gut für Mensch und Erde

Von Jochen Bölsche

Einst war er Schokoriegel-Manager beim Food-Giganten Nestlé, heute ist Götz Rehn deutscher Bio-Marktführer. Seine Erfolgsrezepte: Großeinkauf, Warenqualität, Kundenbindung.

Götz Rehn, Alnatura-Gründer, im Garten des Unternehmens im südhessischen Bickenbach an der Bergstraße. Zur Großansicht
Gaby Gerster

Götz Rehn, Alnatura-Gründer, im Garten des Unternehmens im südhessischen Bickenbach an der Bergstraße.

Kleine Torte statt vieler Worte" hieß einer der Slogans, mit denen die Nestlé AG in den Achtzigern für das "Yes Torty" warb, eine industriell gefertigte Süßspeise, die in TV-Spots als Mini-Geburtstagstorte vorgeführt wurde, mit einer kleinen Kerze obendrauf.

Bei Nestlé war der Volkswirt Götz Rehn als Produktgruppenleiter Schokolade/Riegel europaweit für Marketing und Vertrieb von "Yes" und ähnlichen Kalorienbomben zuständig. "Tolle sieben Jahre", erinnert sich Rehn, 59, habe er im Management des größten Lebensmittel- und Getränkeherstellers der Welt zugebracht.

Später gab's Ärger um die süßen Riegel aus dem Hause Nestlé. "Schiebt Nestlé einen Riegel vor", forderten Greenpeace-Demonstranten in den Neunzigern, nachdem ein Produkt namens "Butterfinger" in Verdacht geraten war, es enthalte genmanipulierten US-Mais. Und in den von Kindern geliebten "Yes"-Törtchen entdeckte ein Fernsehmagazin Spuren von Alkohol.

Solche Meldungen fügten sich in das Image, zu dem Gruppierungen wie Greenpeace dem multinationalen Konzern verholfen hatten. Die Öko-Krieger warfen Nestlé vor, Kakao, Kaffee und andere Rohstoffe "unter extrem niedrigen Menschenrechtsstandards" produzieren zu lassen, teils gar von "Kindersklaven" und unter "massivem Einsatz von Pflanzengiften".

Als die Proteste aufbrandeten, in deren Folge der Konzern seine "Butterfinger" vom Markt nahm, hatte der einstige Schokoriegel-Manager Rehn ("Sag ja zu Yes") bereits No zu Nestlé gesagt und die Seiten gewechselt.

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Boom der Biomärkte: Kaufen mit Prinzip

Die Bio-Supermarktkette "Alnatura", die er von 1984 an auf- und ausbaute, ist mittlerweile, ein Vierteljahrhundert später, mit 50 Filialen, 1200 Mitarbeitern und mehr als 300 Millionen Euro Umsatz zum nationalen Marktführer in ihrem Segment aufgestiegen. Und die Kette versteht sich in jeder Beziehung als Alternative zu den konventionellen Handelsgiganten.

Alle 900 Produkte vom "Brotaufstrich Kichererbse mit Ingwer" bis zum "Dinkeldoppelkeks, zartbitter" seien, versichert Rehn, "100 Prozent Bio". Textilien sind ohne Kinderarbeit hergestellt, Nahrungsmittel ohne Gentechnik und ohne Geschmacksverstärker, Rohstoffe vorzugsweise von Kleinbauern-Kooperativen produziert und, natürlich, "fair gehandelt".

Der bayerische Wurstkönig

Kaum jemand sonst in Deutschland hat sich ähnlich radikal wie Rehn (und ebenso erfolgreich) vom konventionellen Saulus in einen Öko-Paulus verwandelt - abgesehen lediglich von Karl Ludwig Schweisfurth, 79.

Der bayerische Wurstkönig, der mit "Herta" das größte fleischverarbeitende Unternehmen Europas aufgebaut hatte, erkannte in den Achtzigern "schlagartig", dass "Fleisch von derart gequälten Tieren keine lebensfördernde Nahrung für uns Menschen sein kann". Er verkaufte "Herta" an Nestlé und investierte seine Millionen fortan in Biobetriebe.

Schweisfurths Sohn Georg baute samt drei Mitstreitern nach dem Vorbild des Biopioniers Rehn einen weiteren deutschen Öko-Supermarktverbund auf, die Basic AG. Mit dem Slogan "Bio für alle" und bis zu 25 Filialen gedieh das Schweisfurth-Unternehmen bald zur Nummer zwei in der Branche.

In einem zentralen Punkt sind die Konzepte der konkurrierenden Ketten identisch: Beiden ist es durch Großeinkäufe und Großfilialen gelungen, Ökoprodukte zu attraktiveren Preisen anzubieten als die traditionellen Bioläden und Reformhäuser; auf diese Weise ist grüne Ware auch für viele Normalkunden erschwinglich geworden.

Beispielloser Boom

Dass Bio-Filialisten wie Alnatura einen Teil ihrer Eigenmarken mehr und mehr auch über große Discounter wie "dm" und Budnikowski vermarkten, hat zusätzlich dazu beigetragen, dass sich die Biobranche eines beispiellosen Booms erfreuen kann.

Üblich waren in den letzten Jahren Zuwachsraten zwischen 15 und 22 Prozent. Alnatura erhofft sich für 2009 eine Umsatzsteigerung um 20 Prozent. Derzeit zeige sich, konstatiert der Branchen-Fachdienst bio-markt.info, dass Käufer von Biolebensmitteln (Gesamtumsatz 2008: 5,8 Milliarden Euro) "ihre Einstellung nicht wegen der Krise über Bord werfen".

Angepeilt wird von den Bioketten eine Kundschaft, überwiegend weiblich, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 2500 Euro verfügt und von Konsumforschern den "Lohas" zugerechnet wird - kurz für "Lifestyle of Health and Sustainability". Diese Klientel, der die eigene Gesundheit wie auch die Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur im Zweifel ein paar Euro mehr wert ist, erweist sich allerdings jäh als kritische Masse, sobald ihr Vertrauen in die Prinzipientreue ihres Bioversorgers schwindet.

Diese böse, ja existenzbedrohende Erfahrung musste die Basic AG machen, als 2007 die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) ihren Einstieg in die Biokette plante. Kundenproteste, Lieferboykotte und Gesellschafterstreitigkeiten ließen Basic rasch in die roten Zahlen rutschen, Filialen mussten geschlossen, Mitarbeiter entlassen werden.

Alnatura-Gründer Rehn hingegen hat von Beginn an strikt berücksichtigt, was der seinerzeitige Basic-Chef Josef Spanruft während der Lidl-Krise bemerkte: dass "im Bio-Bereich nicht der Preis im Vordergrund steht" und dass "neben der Qualität auch Werte eine Rolle" spielen, darunter " Umweltschutz, guter Umgang mit den Mitarbeitern, Tierschutz und vieles andere mehr".

"Nur wenn all diese Werte gelebt werden", so Spanruft, "ist der Verbraucher bereit, Bioware zu kaufen" - die Öko-Klientel zahlt nicht nur für gesunde Kost, sondern auch fürs gute Gewissen.

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Forum - Wie ehrlich ist die Nahrungsmittelindustrie?
insgesamt 741 Beiträge
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1.
Hartmut Dresia 10.10.2009
Zitat von sysopDie Liste der Zusatzstoffe auf Nahrungsmittelverpackungen ist oft lang und geheimnisvoll. Nicht jeder Verbraucher kann verstehen, was eigentlich alles in den Lebensmitteln ist, die er im Supermarkt kauft. Notwendiges Fachvokabular oder raffinierte Verschleierungstechnik? Wie ehrlich ist die Nahrungsmittelindustrie?
Müsste die Frage nicht auch lauten: Wie kritisch und wie informationsbereit ist der Verbraucher? Häufig ist es doch schlichte Bequemlichkeit, einfach nur im Supermarkt zuzugreifen, statt auch einmal nach anderen Beschaffungsmöglichkeiten und wirklichen Qualitätsprodukten Ausschau zu halten, denn die gibt es auch: 20 Prozent Wachstum für ein Olivenöl der Spitzenklasse (http://www.plantor.de/2009/20-prozent-umsatzwachstum-fuer-ein-olivenoel-der-spitzenklasse/)
2. Ich werde unzerstörbar ;-)
Mocs 10.10.2009
Mein täglich Mittagessen seit Jahren : Schon die Aufschrift "Oriental Style Instant Noodles - Chicken Flavour" klingt überaus exotisch und vielversprechend. Die Zutaten lassen einem erst recht das Wasser im Munde zusammenlaufen : Nudeln: Weizenmehl 70%, Palmöl, Stärke, Salz, Säureregulatoren (E452), E500 und E501, Verdickungsmittel (E412). Suppenmischung: Palmöl, Salz, Gemüse, Geschmacksverstärker (E621, E631, E627), Zucker, Gewürze, Säuerungsmittel (E296) und Huhnaroma (0,09%) Kann man ein Gericht delikater komponieren oder eleganter zusammenstellen ? Ich denke : nein! Da sind zwar ein paar "E"-s drin - aber es schmeckt fantastisch und meine Gesundheit hat sich nicht verändert. Preisgünstiges Essen lässt sich ohne Zusatzstoffe doch fast gar nicht mehr herstellen, da braucht man nicht in Panik zu verfallen.
3.
rabenkrähe 10.10.2009
Zitat von Hartmut DresiaMüsste die Frage nicht auch lauten: Wie kritisch und wie informationsbereit ist der Verbraucher? Häufig ist es doch schlichte Bequemlichkeit, einfach nur im Supermarkt zuzugreifen, statt auch einmal nach anderen Beschaffungsmöglichkeiten und wirklichen Qualitätsprodukten Ausschau zu halten, denn die gibt es auch: 20 Prozent Wachstum für ein Olivenöl der Spitzenklasse (http://www.plantor.de/2009/20-prozent-umsatzwachstum-fuer-ein-olivenoel-der-spitzenklasse/)
...... Natürlich sind letztlich die Konsuemnten schuld, aber haben sie eine andere Wahl? Die Preise werden immer mehr gedrückt, mit Folgen, denn Löhne und Leistungen rund um die Arbeit müssen dementsprechend "verschlankt" werden. Also kann sich ein Großteil der Konsumenten gar nicht mehr erlauben, zu vergleichen und zu hinterfragen, sie müssen das Billiggestanzte aus der Massenproduktion nehmen. Was die Industrie auch weiß, ob Sahne-Käseecken, in denen sich nicht ein Milligramm Sahne befindet oder Erdbeerjoghurt, der bar jedes Fruchtauszugs ist, es wird alles versprochen und nichts gehalten. rabenkrähe
4.
Krassopateras 11.10.2009
Zitat von MocsMein täglich Mittagessen seit Jahren : Schon die Aufschrift "Oriental Style Instant Noodles - Chicken Flavour" klingt überaus exotisch und vielversprechend. Die Zutaten lassen einem erst recht das Wasser im Munde zusammenlaufen : Nudeln: Weizenmehl 70%, Palmöl, Stärke, Salz, Säureregulatoren (E452), E500 und E501, Verdickungsmittel (E412). Suppenmischung: Palmöl, Salz, Gemüse, Geschmacksverstärker (E621, E631, E627), Zucker, Gewürze, Säuerungsmittel (E296) und Huhnaroma (0,09%) Kann man ein Gericht delikater komponieren oder eleganter zusammenstellen ? Ich denke : nein! Da sind zwar ein paar "E"-s drin - aber es schmeckt fantastisch und meine Gesundheit hat sich nicht verändert. Preisgünstiges Essen lässt sich ohne Zusatzstoffe doch fast gar nicht mehr herstellen, da braucht man nicht in Panik zu verfallen.
Vielleicht darf es auch ein wenig E 605 sein?
5. Alles nur Nachfrage bzw. ein Hinweis auf allgemeine Verblödung
nemansisab 11.10.2009
Zitat von sysopDie Liste der Zusatzstoffe auf Nahrungsmittelverpackungen ist oft lang und geheimnisvoll. Nicht jeder Verbraucher kann verstehen, was eigentlich alles in den Lebensmitteln ist, die er im Supermarkt kauft. Notwendiges Fachvokabular oder raffinierte Verschleierungstechnik? Wie ehrlich ist die Nahrungsmittelindustrie?
Warum kauft der Verbraucher diesen Mist? Wer lesen kann ist eindeutig im Vorteil und wer das, was er liest auch noch versteht, ist ein Held.... Wenn ich sehe, war die Leute so auf das Einkaufsband legen, wird mir schlecht. Werden die mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, Fertiggerichte zu verzehren? Nein, sie sind faul und wissen zum Teil nicht mehr, wie man ordentlich kocht. So einfach ist das.
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