Von Jochen Bölsche
Kleine Torte statt vieler Worte" hieß einer der Slogans, mit denen die Nestlé AG in den Achtzigern für das "Yes Torty" warb, eine industriell gefertigte Süßspeise, die in TV-Spots als Mini-Geburtstagstorte vorgeführt wurde, mit einer kleinen Kerze obendrauf.
Bei Nestlé war der Volkswirt Götz Rehn als Produktgruppenleiter Schokolade/Riegel europaweit für Marketing und Vertrieb von "Yes" und ähnlichen Kalorienbomben zuständig. "Tolle sieben Jahre", erinnert sich Rehn, 59, habe er im Management des größten Lebensmittel- und Getränkeherstellers der Welt zugebracht.
Später gab's Ärger um die süßen Riegel aus dem Hause Nestlé. "Schiebt Nestlé einen Riegel vor", forderten Greenpeace-Demonstranten in den Neunzigern, nachdem ein Produkt namens "Butterfinger" in Verdacht geraten war, es enthalte genmanipulierten US-Mais. Und in den von Kindern geliebten "Yes"-Törtchen entdeckte ein Fernsehmagazin Spuren von Alkohol.
Solche Meldungen fügten sich in das Image, zu dem Gruppierungen wie Greenpeace dem multinationalen Konzern verholfen hatten. Die Öko-Krieger warfen Nestlé vor, Kakao, Kaffee und andere Rohstoffe "unter extrem niedrigen Menschenrechtsstandards" produzieren zu lassen, teils gar von "Kindersklaven" und unter "massivem Einsatz von Pflanzengiften".
Als die Proteste aufbrandeten, in deren Folge der Konzern seine "Butterfinger" vom Markt nahm, hatte der einstige Schokoriegel-Manager Rehn ("Sag ja zu Yes") bereits No zu Nestlé gesagt und die Seiten gewechselt.
Die Bio-Supermarktkette "Alnatura", die er von 1984 an auf- und ausbaute, ist mittlerweile, ein Vierteljahrhundert später, mit 50 Filialen, 1200 Mitarbeitern und mehr als 300 Millionen Euro Umsatz zum nationalen Marktführer in ihrem Segment aufgestiegen. Und die Kette versteht sich in jeder Beziehung als Alternative zu den konventionellen Handelsgiganten.
Alle 900 Produkte vom "Brotaufstrich Kichererbse mit Ingwer" bis zum "Dinkeldoppelkeks, zartbitter" seien, versichert Rehn, "100 Prozent Bio". Textilien sind ohne Kinderarbeit hergestellt, Nahrungsmittel ohne Gentechnik und ohne Geschmacksverstärker, Rohstoffe vorzugsweise von Kleinbauern-Kooperativen produziert und, natürlich, "fair gehandelt".
Der bayerische Wurstkönig
Kaum jemand sonst in Deutschland hat sich ähnlich radikal wie Rehn (und ebenso erfolgreich) vom konventionellen Saulus in einen Öko-Paulus verwandelt - abgesehen lediglich von Karl Ludwig Schweisfurth, 79.
Der bayerische Wurstkönig, der mit "Herta" das größte fleischverarbeitende Unternehmen Europas aufgebaut hatte, erkannte in den Achtzigern "schlagartig", dass "Fleisch von derart gequälten Tieren keine lebensfördernde Nahrung für uns Menschen sein kann". Er verkaufte "Herta" an Nestlé und investierte seine Millionen fortan in Biobetriebe.
Schweisfurths Sohn Georg baute samt drei Mitstreitern nach dem Vorbild des Biopioniers Rehn einen weiteren deutschen Öko-Supermarktverbund auf, die Basic AG. Mit dem Slogan "Bio für alle" und bis zu 25 Filialen gedieh das Schweisfurth-Unternehmen bald zur Nummer zwei in der Branche.
In einem zentralen Punkt sind die Konzepte der konkurrierenden Ketten identisch: Beiden ist es durch Großeinkäufe und Großfilialen gelungen, Ökoprodukte zu attraktiveren Preisen anzubieten als die traditionellen Bioläden und Reformhäuser; auf diese Weise ist grüne Ware auch für viele Normalkunden erschwinglich geworden.
Beispielloser Boom
Dass Bio-Filialisten wie Alnatura einen Teil ihrer Eigenmarken mehr und mehr auch über große Discounter wie "dm" und Budnikowski vermarkten, hat zusätzlich dazu beigetragen, dass sich die Biobranche eines beispiellosen Booms erfreuen kann.
Üblich waren in den letzten Jahren Zuwachsraten zwischen 15 und 22 Prozent. Alnatura erhofft sich für 2009 eine Umsatzsteigerung um 20 Prozent. Derzeit zeige sich, konstatiert der Branchen-Fachdienst bio-markt.info, dass Käufer von Biolebensmitteln (Gesamtumsatz 2008: 5,8 Milliarden Euro) "ihre Einstellung nicht wegen der Krise über Bord werfen".
Angepeilt wird von den Bioketten eine Kundschaft, überwiegend weiblich, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 2500 Euro verfügt und von Konsumforschern den "Lohas" zugerechnet wird - kurz für "Lifestyle of Health and Sustainability". Diese Klientel, der die eigene Gesundheit wie auch die Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur im Zweifel ein paar Euro mehr wert ist, erweist sich allerdings jäh als kritische Masse, sobald ihr Vertrauen in die Prinzipientreue ihres Bioversorgers schwindet.
Diese böse, ja existenzbedrohende Erfahrung musste die Basic AG machen, als 2007 die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) ihren Einstieg in die Biokette plante. Kundenproteste, Lieferboykotte und Gesellschafterstreitigkeiten ließen Basic rasch in die roten Zahlen rutschen, Filialen mussten geschlossen, Mitarbeiter entlassen werden.
Alnatura-Gründer Rehn hingegen hat von Beginn an strikt berücksichtigt, was der seinerzeitige Basic-Chef Josef Spanruft während der Lidl-Krise bemerkte: dass "im Bio-Bereich nicht der Preis im Vordergrund steht" und dass "neben der Qualität auch Werte eine Rolle" spielen, darunter " Umweltschutz, guter Umgang mit den Mitarbeitern, Tierschutz und vieles andere mehr".
"Nur wenn all diese Werte gelebt werden", so Spanruft, "ist der Verbraucher bereit, Bioware zu kaufen" - die Öko-Klientel zahlt nicht nur für gesunde Kost, sondern auch fürs gute Gewissen.
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© SPIEGEL Wissen 3/2009
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