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Ernährungsweisheiten: Ratlose Ratgeber

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Schadet Rotwein, oder hält er gesund? Muss man Kirschen essen? Und viel Wasser trinken? Oder wenig? Eine Polemik gegen die Einfältigkeit der Ernährungswissenschaften.

Ernährung: So kocht und isst die Welt Fotos
AFP

Knoblauch hilft gegen Krebs, Zwiebel gegen Magengeschwüre, roter Wein ist gut, rotes Fleisch ist böse. Orangen halten fit, Fisch ist gesund, jedenfalls meistens, "salzarme Ernährung schützt vor Herz-Kreislauf-Krankheiten" und "Fast Food fördert womöglich Alzheimer". Dies sind wahllos gepickte Meldungen aus der Welt der Ernährungswissenschaften. Sie geben einen Eindruck davon, dass ein beliebigeres Forschungsfeld als das von der menschlichen Ernährung auf Erden nur sehr schwer zu finden ist.

Wer die vermischten Nachrichten liest, kann das Muster ihrer Verlautbarungen leicht nachäffen, denn es ist immer gleich: "Wissenschaftler der Universität XY haben herausgefunden, dass", nur mal als Beispiel, "Kirschen nicht nur stark im Kampf gegen freie Radikale sind, sondern auch das Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern." So stand es im "Focus", also muss es wahr sein, wie überhaupt der Expertenglaube auf dem Feld der Ernährung ungebrochen scheint.

Wieder und wieder gehen Professoren und Doktoren hausieren mit Erkenntnissen, die 1. entweder längst Allgemeingut, 2. irrelevant oder 3. meistens nur Spiegelbilder unserer kollektiven Ernährungsstörungen sind.

Unter Punkt 1 fallen Studien, die stets aufs Neue nachweisen, dass zu viel Butter ungesund ist, eine Ernährung ganz ohne Obst ebenso, und dass der tagtägliche Verzehr von geräucherten Makrelen zu Problemen führen könnte. Unter Punkt 2 - irrelevant - sind die Studien zu finden, die in Äpfeln mit Druckstellen "Patulin" nachweisen oder im geräucherten Heilbutt "Toxaphen", was immer das im Einzelnen sei - die dabei aber vor allem unterschlagen, dass kein Mensch die genannten Lebensmittel in Mengen zu sich nehmen kann, dass die Möglichkeit einer Gesundheitsgefahr auch nur am Horizont auftauchte. Punkt 3 - die kollektive Störung - betrifft das Große und Ganze.

Die zugehörigen Fragen lauten hier: Bleibt ein Mensch gesund, weil er in seinem Leben viele Kirschen gegessen hat oder weil er jeden Tag spazieren gegangen ist - oder weil er spazieren gegangen ist und viele Kirschen gegessen hat? Wird er krank, weil er nicht genug Vollkornbrot auf dem Speiseplan hatte und dabei ständig zu wenig (oder zu viel!?) Wasser getrunken hat? Bleibt er gesund (oder wird er krank?), weil er abends stets zwei Gläser Rotwein trinkt? Geht es ihm vielleicht deshalb gut, weil er gern isst und trinkt, manchmal auch gegrillten Schweinebauch und danach drei Obstler? Und hilft es womöglich, dass er glücklich verheiratet ist? Und dass er Mozart-Opern mag? Und einen Hund hat?

Die Stoßrichtung dieser Fragen ist klar: Die Versuchsanordnungen der Ernährungswissenschaften sind in der Regel derart einfältig, dass ihre Ergebnisse nur lachhaft sein können. Ernsthaft und mit vielen Probanden, Labormäusen und "Kontrollgruppen" zu untersuchen, ob dieses oder jenes Lebensmittel je nach Dosis diesen oder jenen Effekt auf die Befindlichkeit haben könnte, ist ein Witz angesichts der tausendfältigen Faktoren, von denen unser Leben so offensichtlich tagtäglich abhängt. Wieso hat Onkel Franz, der nie in seinem Leben Alkohol und Zigaretten anrührte, der viel Salat gegessen und moderat Sport getrieben hat, mit Mitte 50 Lungenkrebs? Und wieso feiert Onkel Herbert, der immer noch Zigarren raucht und sich die meiste Zeit von Wurstbroten und Bier ernährt hat, bald seinen 93. Geburtstag?

Ernährungswissenschaft ist Rätselraten auf niedrigem Niveau, und entsprechend widersprüchlich sind alle Befunde. Der Wein und seine Wirkungen liefern dafür ein gutes Beispiel. Einige Jahre lang freute sich die ganze Welt am "French paradox", und nicht umsonst prägte ein Forscher aus Bordeaux diesen Namen: Hinter ihm versteckt sich die Hypothese, dass die Franzosen eigentlich viel zu viel Butter, Käse und Fleisch essen, dass sie deren schädliche Wirkungen aber mit Rotwein bekämpfen - und deshalb paradoxerweise seltener als ihre Zeitgenossen in den Nachbarländern an Herz und Kreislauf erkranken.

Ist es zu schön, um wahr zu sein? Das ist zumindest sehr wahrscheinlich. Man hat beispielsweise herausgefunden, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Frankreichs Ärzten lange Zeit einfach seltener als anderswo diagnostiziert wurden. Man hat festgestellt, dass Franzosen seltener zu Übergewicht neigen, man hat Verbindungen zum insgesamt "mediterranen" Lebensstil der Franzosen hergestellt, über Olivenöl nachgedacht, und manche Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Butter, Käse und Fleisch eben in Wahrheit gar nicht ungesund seien. Ist also Rotwein - in Maßen - gesund? Geht es den Franzosen besser, weil sie ihn trinken? Oder weil sie besser, leichter zu leben verstehen? Wer weiß, wer weiß.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
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1. Endlich
larsT64, 03.11.2009
Vielen Dank für diesen Artikel. Er spricht mir aus der Seele.
2. Seltsames Fazit
helbig 03.11.2009
Zitat von sysopSchadet Rotwein, oder hält er gesund? Muss man Kirschen essen? Und viel Wasser trinken? Oder wenig? Eine Polemik gegen die Einfältigkeit der Ernährungswissenschaften. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,655439,00.html
Wir haben doch volles vertrauen in uns und Essen gegen allen Rat der Fachleute zu viel, zu fettig, zu salzig, zu süß und zu viel Fast Food. Vom vielen Alkohol ganz zu schweigen.
3. Treffend
Ossisocke, 03.11.2009
Dieser Artikel ist der erste exzellente Artikel bei SPON, der sich um das Thema Ernährung dreht. Der Inahlt ist leider traurig (aber wahr). Ich empfehle zu diesem Thema den Epilog aus Gary Taubes Buch "Good Calories Bad Calories". Hier ein Auszug: ---Zitat--- The institutionalized vigilance, “this unending exchange of critical judgment,” is nowhere to be found in the study of nutrition, chronic disease, and obesity, and it hasn’t been for decades. For this reason, it is difficult to use the term “scientist” to describe those individuals who work in these disciplines, and, indeed, I have actively..... ---Zitatende--- Wer nach praktischen Lösungen aus diesem Dilemma sucht, dem empfehle ich das Buch "In defense of Food" von Michael Pollan.
4. schlimmer noch.....
hitman, 03.11.2009
Ich lese diesen Ratgeber Unfug seit langem nicht mehr. Aber schlimmer als die Belanglosigkeit und Beliebigkeit selbiger ist die Tatsache dass hierdurch schon mehrfach Megatrends ausgeloest wurden die nach etlichen Jahren um 180 grad umgedreht wurden. Dies geschah dann natuerlich wieder aufgrund "wissenschaftlicher Erkenntnisse". Insofern sind solche Ratgeber nicht nur laecherlich sondern bisweilen gefaehrlich. Kopf einschalten bei Auswahl und Aufnahme von Nahrung hilft!
5. Medienmist
Tubus 03.11.2009
Zitat von sysopSchadet Rotwein, oder hält er gesund? Muss man Kirschen essen? Und viel Wasser trinken? Oder wenig? Eine Polemik gegen die Einfältigkeit der Ernährungswissenschaften. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,655439,00.html
Tatsächlich wohl mehr Polemik als sachlicher Beitrag, denn nicht "gehen Professoren und Doktoren hausieren mit Erkenntnissen, die 1. entweder längst Allgemeingut, 2. irrelevant oder 3. meistens nur Spiegelbilder unserer kollektiven Ernährungsstörungen sind." sondern Medien blasen Selbstverständlichkeiten zu Sensationen auf, um ihr Zeug an den Mann oder die Frau zu bringen.
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