Agriturismo in Italien Zuflucht mit Risotto

2. Teil: Spaß am Kochen verbindet Wochenendtouristen mit Langzeiturlaubern


Berrit aus Hannover und Margitta aus Eltville, die sich beim Säubern der Miesmuscheln in der Riparbella-Küche kennen lernen, geben nach einer Stunde Schrubben zu, dass sie das "zu Hause wohl eher nicht machen werden". Bibliothekar Michael aus Bielefeld und Musiker Max aus Zürich entdecken beim Ausnehmen der Sardellen überrascht, wie viel trotz des Kommandos "Kopf ab, Schwanz ab, Rückgrat raus" am Ende doch übrigbleibt. Nebenbei erfahren die Eleven, wie organischer Müll nochmals getrennt wird in Abfall und Kompost und dass die deutsche Regel, Meeresfrüchte nur in Monaten mit "R" zu essen, in Italien ebenso wenig gilt wie der Grundsatz, Muscheln wegzuwerfen, die sich beim Kochen nicht geöffnet haben - Veronica: "Hier riecht man dran und entscheidet danach."

Skeptisch lesen die Laienköche das Rezept für "Dinkelrisotto mit Auberginen und Tomaten" - das klingt denn doch sehr nach Reformhauskost. Aber Veronica ist es ernst mit ihrem Motto: "Zuallererst soll es schmecken und Freude machen." Ob es die in Öl aromatisierten Nüsse mit Rosmarin, die duftenden Cherrytomaten oder die kugeligen Auberginen in weiß-violetter Batikschale sind: Als das Zwischengericht am Abend verspeist wird, rollen die Augen vor Genuss.

Deutsche Unternehmer und schweizerische Bänkelsänger, Haus- wie Karrierefrauen, ein 80-jähriger Arzt mit seiner schwerkranken Frau und der junge Mailänder Grafikdesigner Dante, der früher mit dem Motorrad kam und heute mit Frau und Baby anreist - das Podere Riparbella zieht 40 Prozent Stammgäste an, die sich bei allem Zufall immer wieder zu ebenso ungewöhnlichen wie unterhaltsamen Urlaubsgemeinschaften gruppieren. Der Spaß am Kochen und gesundem Essen verbindet Wochenendtouristen mit Langzeiturlaubern. Sie kommen, obwohl das Anwesen keinen Luxus bietet.

Alles hier ist schlicht, wie der Aufenthaltsraum mit Kamin und skandinavischen Freischwingersesseln. Manches ist spartanisch, etwa die elf Zimmer in den Farben der Toskana, die nur auf Wunsch öfter als alle drei Tage gereinigt werden und ohne Schrank, nur mit Regal und Kleiderstange auskommen müssen. Dafür gibt es Duschen, in denen sich auch Männer von der Ausdehnung des Hausherrn (gut zwei Zentner verteilt auf 1,97 Meter) verletzungsfrei bewegen können. Einiges ist auf besondere Weise schön geraten: Im Esssaal mit Bauhaus-geraden Eichentischen nach eigenen Entwürfen erinnern die alten, gemauerten Rundbögen daran, was hier einmal war - der Stall.

"Meine Beschäftigung mit dem Weinbau kam eindeutig übers Trinken"

Wirt Christian, der alles von der Architektur bis zum Winzersein im Leben und nicht an der Universität studierte, hat das heruntergekommene Bauernhaus mit Kanonenofen, ohne Strom und fließend Wasser auf den Stand von Holzvergaser-Fußbodenheizung, Sonnenkollektoren und Internetanschluss gebracht.

Dort, wo die Ökologie keine Rolle spielt, sorgt der ästhetische Purismus des Bauherrn dafür, dass Terrassengeländer aus graulackierten Armierungseisen nicht befürchten müssen, für charmant gehalten zu werden - nichts läge Christian Prohaska ferner als Schnörkel, nichts näher als die Alltagstauglichkeit. Die Auffahrt aus Kies und Schotter verkraftet neben Motorrädern und Limousinen auch den Traktor des Chefs. Es ist dieser gute Geist der Gastgeber, der den vom Recyclingpapier im Büro bis zum preisgekrönten Bio-Olivenöl zertifizierten Öko-Ort wahrhaftig und doch abseits jeder Ideologiehuberei ungemein wohltuend macht.

Das Abendessen, das diesmal der Kochkurs vorbereitet hat, serviert - wie jeden Abend - die Herrin des Hauses. Ihre weiße Kellnerjacke wird von einem roten Schmetterling zusammengehalten. Immer trägt sie Hosen, und sie hat eine Schwäche für bunten Schmuck. An einem der Gemeinschaftstische hat sich ihr Mann zum Essen eingefunden und erklärt, welcher von seinen beiden Rotweinen und den zwei Weißen zum Menü passt. "Meine Beschäftigung mit dem Weinbau kam eindeutig übers Trinken", sagt der Winzer aus Leidenschaft.

Manchmal wird er von Schweizer Pensionären gefragt, wie lange sie sich die Schufterei auf dem Hof noch antun wollen. "Ich muss hier nicht bleiben", sagt er. "Auch Südamerika macht mich an." Aber zurück und nichts tun?

Da holt er lieber den Traktor raus und stülpt sich dicke Kopfhörer über die Ohren. "Wilde Musik" mag er am liebsten, "frei arrangiertes Zeug, manchmal Bob Dylan". Heute sieht man einen winzigen Zipfel vom Meer und ganz hinten die Berge von Korsika. Veronica liebt diesen Blick. "Willentlich aussteigen", sagt die Aussteigerin, "das ginge hier nicht."



© SPIEGEL Wissen 3/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.