Der Wachhalterekord des Tony Wright Schlaflos in Cornwall

2. Teil: Roh essen, weniger schlafen


Was Wright seine "Theorie" nennt, ist simpel und kompliziert zugleich. Eine mittlerweile fixe Idee, die als harmloser Selbstversuch startete. Seit mehr als 18 Jahren isst der Brite nur noch Obst und Gemüse - alles roh. Dazu ein paar Tropfen Essig und Öl. Er trinkt keinen Alkohol, raucht nicht. Manchmal gönnt er sich bei Kopfschmerzen eine Aspirin.

Tony Wright glaubt, dass unsere Ernährung der Grund ist, warum unsere beiden Gehirnhälften weniger miteinander vernetzt sind und vor allem die rechte weniger leistungsfähig ist, als dies genetisch möglich wäre. Und warum wir im Vergleich zu manch anderen "Tierarten" eben auch so viel Schlaf bräuchten. Mit der richtigen Nahrung, so seine These, benötige man weniger Schlaf.

Die beiden Hirnhälften, so glaubt er, könnten getrennt schlafen oder ruhen - wie bei Walen und Delphinen: Werde die eine müde, könne der Mensch die andere, wachere aktivieren. Und währenddessen könne sich die "ruhende" Seite regenerieren. Das gehe aber eben nur mit dem richtigen Kraftstoff - vegetarischer Kost. Vereinfacht gesagt.

Denn eigentlich ist Wrights Theorie, die er in seinem Buch mit dem Titel "Left in the Dark" umreißt, eine bunte Mixtur aus Medizin, Ernährungswissenschaft, Psychologie, Schlafforschung, Evolutionstheorie und Anthropologie - um nur die wichtigsten Wissenschaften zu nennen.

Der "Schlüssel-Zeitpunkt": sieben Tage ohne Schlaf

Viele kanzeln den Sieger über die Schläfrigkeit schlicht als einen ideologischen Spinner ab. Ihn selbst stört das kaum: "Ich bin doch wohl selbst das beste Beispiel dafür, dass an meiner Theorie irgendetwas dran sein muss."

Jahrelang habe er in Hunderten Schlafentzugsexperimenten seine Methode perfektioniert, die Tür im Kopf weiter aufzustoßen. Immer länger ohne Schlaf auszukommen - und sich dabei trotzdem fit zu fühlen. Sieben Tage ohne Schlaf hält er etwa für einen "Schlüssel-Zeitpunkt". Das habe er selbst erlebt und Vergleichbares auch in spiritueller Literatur, etwa über die Geisteskraft von Schamanen aus Naturvölkern, gefunden.

Als evolutionäres Vorbild sieht Wright Menschenaffen wie Schimpansen und Bonobos, unsere genetisch gesehen nächsten Verwandten aus dem Tierreich. Ernährten nicht auch sie sich nur von Ungekochtem und seien zu ausgezeichneten Gedächtnisleistungen in der Lage? Für Wright ist der Zusammenhang ganz offensichtlich.

Während seines Selbstversuchs in der "Studio Bar" nahm der Rohkost-Anhänger wie schon zuvor nur Bananen, Avocados, Salat, Tomaten oder ein paar Nüsse zu sich. Mangos liebt er besonders. Auch wenn er beklagt, dass gute, reife Früchte auf der Insel schwer zu bekommen seien und zudem sehr teuer.

Öffentlicher Selbstversuch

Wright lebt bescheiden. Der gelernte Gärtner bezieht Arbeitslosengeld. Um sein Buch zu promoten, zu Kongressen zu reisen und Experten zu treffen, fehlt ihm schlicht das Geld. Auch deshalb der öffentliche Selbstversuch.

Außerhalb von Penzance, wo Cornwall selbst im Nieselregen aussieht wie eine Postkarte, bewohnt Wright ein enges Zimmerchen. Ein Schreibtisch, Bett, vollgestopfte Bücherregale. Die meiste Zeit, auch nachts, verbringt er mit Lesen. Er hat zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, beide leben bei ihren Müttern.

Tony Wright hat nie eine Universität besucht. All sein Fachwissen hat er sich angelesen. Er ist ein Getriebener. Verzweifelt kämpft er, weniger um Anerkennung als um Beachtung seiner Theorie, notfalls auch Widerlegung.

Wer jede Nacht weniger als vier Stunden schläft, so die gängige Meinung der Schlafforscher, manipuliert die Ausschüttung diverser Hormone wie Cortisol, Melatonin, Leptin und Prolaktin. Das Immunsystem wird geschwächt, die Menschen altern schneller und werden dick. 27 Stunden ohne Schlaf beeinträchtigen die kognitive Leistung stärker als 0,85 Promille Alkohol im Blut.

"40 Stunden reden war schlimmer als elf Tage ohne Schlaf"

Auf Tony Wright scheint das nicht zuzutreffen. Seine Figur kann man als asketisch bezeichnen. Er sei gesund, hin und wieder bekomme auch er einen Schnupfen. Er sei seit Jahren nicht beim Arzt gewesen. Und in der "Studio Bar" besiegte er nach tagelangem Schlafentzug jeden Gegner am Poolbillard mit ruhiger Hand und zitterfreiem Stoß.

Astronauten, Nachtwächter, Ärzte oder Soldaten könnten davon profitieren, würde man das, was Tony Wright am besten kann, in Pillenform pressen.

Die zwei tiefen senkrechten Falten über seiner Nasenwurzel verkrampfen sich, wenn Tony Wright davon berichtet, wie lange er schon erfolglos versuche, für ein wissenschaftliches Schlafexperiment rekrutiert zu werden. Frustriert stochert er mit der Gabel in seinem Salat herum, schiebt die Kresse beiseite. Hunderte E-Mails habe er in den letzten Jahren an Wissenschaftler in aller Welt verschickt. Er warte noch immer auf Antworten.

Wright hat noch eine weitere Bestzeit aufgestellt: im Dauertelefonieren. Mehr als 40 Stunden hat er geschafft, dann gab er auf. "40 Stunden reden war schlimmer als elf Tage ohne Schlaf."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gayling 20.11.2009
1. zweifelhafte Theorie
Zitat von sysopTony Wright machte mehr als elf Tage und Nächte lang kein Auge zu. Wie ihm das gelang, dazu hat der Brite eine ganz eigene Theorie. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,660643,00.html
Zitat aus dem Artikel: Die beiden Hirnhälften, so glaubt er, könnten getrennt schlafen oder ruhen - wie bei Walen und Delphinen: Werde die eine müde, könne der Mensch die andere, wachere aktivieren. Und währenddessen könne sich die "ruhende" Seite regenerieren. Das gehe aber eben nur mit dem richtigen Kraftstoff - vegetarischer Kost. Vereinfacht gesagt. Ein typischer Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Wale und Delphine sind zwar "Rohkostler", aber ganz bestimmt keine Vegetarier. Es gibt genügend Fälle von Rohkostlern, die unter Vitaminmangel, oder Leberprobleme leiden, weil sie die rohe Kost eben nicht vertragen. Nichts gegen die Lebensweise des Herrn Wright, wenn er damit klar kommt - warum nicht? Dieses Verhalten aber pauschalisieren zu wollen, halte ich für gefährlich. Für mich habe ich herausgefunden, dass es eigentlich die "Vorverdauung", genannt Küche, ist, die uns Menschen so einen entscheidenden Vorsprung vor unseren nächsten Verwandten, den Affen ist. Um rohe Nahrungsmittel verdauen zu können, benötigt der Körper ein vielfaches an Energie, als das mit zubereiteten Lebensmitteln der Fall ist. Ich selbst befinde mich zwar im gleichen Alter, wie Herr Wright, sehe aber um Jahre jünger aus :-) Liegt vieelleicht an ausreichend Schlaf und eine abwechslungsreiche Kost, die auch rohes Obst und Gemüse beinhaltet - aber eben in Maßen.
mitbürger 20.11.2009
2. Erstaunliche Fähigkeit, aber
warum sollten wir weniger schlafen? Seine Theorie kann nicht stimmen, da Neugeborene, die ausschließlich gestillt werden ca. 12 Stunden schlafen, allerdings nie dann, wenn die Eltern das auch wollen. Als Vater von 4 Kindern hätte ich gerne einen Bruchteil der Fähigkeiten dieses Mannes gehabt, wenn man nächtelang versucht, die Kinder zu beruhigen und am nächsten Tag wieder fit sein soll. Mein Spruch zu dieser Zeit: "Man soll die Nacht nicht vor dem Morgen loben". An meinen Kindern sehe ich auch, wie wichtig der Schlaf ist. Hier würde ich niemandem zu solchen Experimenten wagen. Allerdings verstehe ich nicht, warum sich die Schlaflabore dieser Welt nicht um dieses Ausnahmetalent reisen. Jemand der kein Schlaf braucht und diesen Zustand zu geniesen scheint, könnte doch den Schlüssel für neue Medikamente für Schlafgestörte in sich bergen.
zerss, 20.11.2009
3. Wachhalterekord
Es gibt in Europa Veranstaltungen mit geschlossenen Großgruppen, wo die Teilnehmer bis zu einem Monat ohne Schlaf auskommen. Die Methode ist einfach ein heftiges, andauerndes Encounter der verschiedensten Art mit geregelten Pausen. Klar, das die Teilnehmer die ganze Zeit aufgeputscht sind und sicherlich Ihre "Grenzerfahrungen" machen. Also nichts neues, was da im Artikel steht. Wer Interesse auf solche Erfahrungen hat, findet bestimmt...und kann dies durchziehen bis er seinen Verstand vollkommen ausgeschaltet hat. Eins ist richtig : man sieht ziemlich schnell sehr alt aus.
Hercules Rockefeller, 20.11.2009
4. Wozu weniger Schlaf
Theorie hin oder her-was ich mich dabei nur frage ist, weshalb man denn (noch) weniger schlafen wollen soll? Ich meine, die Menschen werden immer älter. Umso mehr Zeit haben sie auch. Da ist es doch albern, noch mehr zu wollen. Und ganz ehrlich: Ohne seine Ablenkung und den Dauerlärm wäre er garantiert eingeschlafen. Das ist doch insofern schon falsch angelegt, die Theorie. Sie entspricht nicht der Wirklichkeit. Und die Schlafforschung interessiert sich doch dafür, warum bspw. jemand nicht schlafen kann. In seinem Fall ist das ja klar, er sitzt in einer Kneipe und lässt sich wach halten. Wenn das nun alle machen würden, dann merkt keiner mehr, wenn alle Wahnvorstellungen kriegen. So weit hat er also trotz Rohkost und geöffneter Tür nicht denken können. Vielleicht muss er noch länger wach bleiben um zu erkennen, dass hinter der Tür nichts ist? Für mich klingt es fast so, dass er sich selber einen Bären aufgebunden hat. Insgeheim besessen von der fixen Idee, nicht auf Schlaf angewiesen zu sein, deutet er alles was er anders macht als andere als Schlüssel dazu. Es gibt doch nun wahrlich genug Essgestörte, die nur Obst und da auch nur bestimmte Sorten essen. Die haben aber nicht den Spleen, die Menschheit dadurch weiter zu bringen.
frubi 20.11.2009
5. .
Zitat von sysopTony Wright machte mehr als elf Tage und Nächte lang kein Auge zu. Wie ihm das gelang, dazu hat der Brite eine ganz eigene Theorie. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,660643,00.html
Mit dem normalen Arbeitsleben sehr wahrscheinlich nicht zu verbinden. Hat Herr Wright eigentlich auch versucht körperlich anstrengende Arbeit zu vollrichten? Ich denke mal, dass man spätestens daran scheitert. Ansonsten finde ich solche Versuche toll. Sie zeigen doch nur zu was der Mensch als Art so alles leisten kann. Es gibt Menschen die werfen Nadeln durch Glas, andere Schubsen Autos um und andere schaffen 11 Tage ohne schlaf. Find ich klasse. Nur ich selber liebe meinen Schlaf. Das Gefühl davor und danach (meistens jedenfalls).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL Wissen 4/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.