Der Wachhalterekord des Tony Wright: Schlaflos in Cornwall

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Tony Wright machte mehr als elf Tage und Nächte lang kein Auge zu. Wie ihm das gelang, dazu hat der Brite eine ganz eigene Theorie.

Schlafentzug: Wie lange kann ein Mensch wach bleiben? Fotos

"Es ist wie beim ersten Sex oder wenn man erstmals Drogen ausprobiert", sagt Tony Wright. "Ich dachte damals nur: Wow, diese 20 Minuten waren spannender als die letzten 25 Jahre deines Lebens."

Vier Tage und Nächte hatte Wright da nicht geschlafen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Menschen wohl schon längst in einen komatösen Tiefschlaf gefallen wären, rutschte Wright in einen Bewusstseinszustand, den er heute als "eine Art Rausch, allerdings bei höchster Konzentration" beschreibt. Er habe plötzlich das Gefühl gehabt, er könne in seinen Körper hineinhorchen. Die linke Hälfte seines Kopfes fühlte sich ungewohnt schwer, die rechte aber auffallend leicht an. Die Worte, die aus seinem Mund purzelten, waren rhythmischer als sonst, so als würde er Gedichte rezitieren. Eine bizarre Empfindung, fremd, aber angenehm zugleich.

Tony Wright sagt: "Es war, als ob sich durch den Schlafentzug eine Tür in meinem Kopf einen Spalt breit geöffnet hätte, von deren Existenz ich zuvor noch nie etwas bemerkt hatte." Seit diesem Tag im Sommer 1995 versuchte er, die Tür in seinem Kopf immer ein Stückchen weiter aufzustoßen.

Tony Wright ist 45, er lebt in Penzance, einem Küstenstädtchen am westlichsten Zipfel Großbritanniens. Er sieht aus wie einer der Fischer, die früh am Morgen ihre Boote in den Hafen steuern, trägt einen grobgestrickten Pullover, Dreitagebart und die langen Haare sonnengebleicht. Sein Gesicht ist wettergegerbt und voller Sommersprossen, die Augen dunkelgraublau wie die dicken Wolken, die den Regen bringen, unter dem die Wiesen von Cornwall so grün glühen.

266 Stunden am Stück wach

Der Brite schläft selten länger als fünf oder sechs Stunden pro Nacht. Er sagt, das sei kein Problem. Er glaubt sogar, das könnten alle Menschen schaffen. Er fragt sich, wieso noch kein anderer vor ihm darauf gekommen ist. Denn Tony Wright hat eine Theorie.

Im Mai 2007 gelang es ihm, 266 Stunden am Stück wach zu bleiben. Das sind mehr als elf Tage und elf Nächte. Als berühmtester Schlafrekord gilt der des Amerikaners Randy Gardner. Der Student hatte 1964 für ein wissenschaftliches Experiment 264 Stunden lang die Augen offengehalten - ohne drastische Folgen? Noch am zehnten Tag ohne Schlaf habe Randy ihn beim Flippern geschlagen, erklärte der Schlafforscher William Dement, der den Jungen begleitete. Doch ein Militärarzt registrierte Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, später sogar Paranoia und Halluzinationen.

Inzwischen nehmen die Wächter der Weltrekorde keine Wettkämpfe mehr in ihre Listen auf, die potentiell lebensbedrohend sein könnten. Schlafentzug zählen sie dazu. Und so wurde Tony Wrights Rekordversuch zunächst nur von einer Webcam und den Stammgästen seines damaligen Lieblingspubs in Penzance überwacht.

"Wichtig ist es, aktiv zu bleiben, sich zu beschäftigen"

Wer in die "Studio Bar" will, muss sich durch eine niedrige, mit alten Musikplakaten verklebte Brettertür in der Bread Street quetschen. Dann geht es über einen halbüberdachten Hinterhof, vorbei an Bierfässern und kaputten Bänken in die schlauchförmige Kneipe. Der Teppichboden in dem maximal 40 Quadratmeter, fast fensterlosen kleinen Raum war in besseren Zeiten wahrscheinlich einmal braun oder schwarz. So genau ist das heute nicht mehr zu erkennen. Der unverkennbare Geruch nach literweise verschüttetem Bier macht jede Getränkekarte überflüssig.

Tony Wright ist die Visite am Ort seines Triumphes sichtlich unangenehm. Alex, der Wirt, begrüßt ihn mit Handschlag, aber Wright bleibt wortkarg. Er vergräbt die Hände tief in den Taschen seiner Windjacke, nachdenklich wandern seine Blicke über die verkratzten Tische, die abblätternde Wandfarbe. Man fragt sich, was damals wohl schlimmer war: elf Tage und Nächte ohne Schlaf zu überstehen - oder die ganze Zeit in diesem dunklen Loch zu verbringen? Wright nickt. "Das war ziemlich hart." Aber er dachte, um wach zu bleiben, wäre es wohl das Beste, unter vielen Menschen zu sein.

Ein immer größeres Publikum

Schnell sprach sich in Cornwall, dann im ganzen Land herum, dass Wright es ernst meinte mit dem Rekordversuch. Mit jedem Tag, den der damals 43-Jährige weiter wach blieb, wurde die Zahl der Zuschauer größer, die ihn bei der Herausforderung unterstützen und unterhalten wollten. Wechselnde Bands drückten sich mit ihren Instrumenten auf die Mini-Bühne der "Studio Bar" und halfen Wright, die toten Punkte zu überwinden, die natürlich kamen. "Wichtig ist es, aktiv zu bleiben, sich zu beschäftigen", erinnert sich Wright. Fernsehteams filmten ihn beim Billardspielen, am Telefon gab er im japanischen Radio Live-Interviews. Zeitverschiebung spielte für ihn in diesen Tagen schließlich keine Rolle mehr. Jeden zweiten Tag ging er in die Wohnung eines Bekannten auf der anderen Straßenseite, um kurz zu duschen. Ein Freund kontrollierte dann, dass er unter dem warmen Wasserstrahl auch ja nicht wegdöste.

Tony Wright ist ein zurückhaltender Typ, keiner, der sich in den Mittelpunkt spielt. Er spricht mit leiser, ruhiger Stimme. Wright sagt, er sei richtig erleichtert und froh gewesen, als nach 266 Stunden der Rummel um ihn endlich vorbei war und in der "Studio Bar" die Kameras ausgingen. Am liebsten wäre Tony Wright wohl seinem eigenen Rekordversuch ferngeblieben. "Wahrscheinlich war ich selbst derjenige, der sich am wenigsten darüber freuen konnte. Aber es war eben die einzige Möglichkeit, ein großes Publikum auf meine Theorie aufmerksam zu machen."

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