Interview "Es gibt viele besorgte Gesunde"

Der Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, 47, über die Unterschiede zwischen Vergesslichkeit und Demenz sowie den Sinn einer frühen Diagnose der Krankheit

Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: "Die Alten werden heute unter Druck gesetzt"
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Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: "Die Alten werden heute unter Druck gesetzt"


SPIEGEL: Herr Pantel, Sie konnten sich gerade selbst nicht auf Anhieb an Ihre eigene Telefonnummer erinnern. Ein Frühzeichen von Demenz?

Pantel: Das menschliche Erinnerungsvermögen ist begrenzt. Je mehr Informationen man mit sich herumträgt, desto eher kann man auch mal etwas nicht abrufen. Das ist völlig normal.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich die normale Vergesslichkeit von Demenz?

Pantel: Wenn mir etwa in einem Moment so etwas wie meine Telefonnummer nicht einfällt, ein Detail, das später aber abgerufen werden kann, erklärt sich das mit einer kurzfristigen Kapazitätsüberlastung des Gehirns. Das kennt jeder. Im Alter lernt man meist nicht mehr so schnell, man braucht mehr Wiederholungen und Konzentration, braucht länger, um sich auf neue Situationen einzustellen. Vokabellernen dauert dann eben nicht zwei Tage, sondern eine Woche. Ein dementer Mensch hingegen lernt gar nicht mehr. Die Fähigkeit, neue Informationen zu speichern, ist bei der Krankheit zerstört.

SPIEGEL: Glauben Betroffene oft vorschnell, an Demenz erkrankt zu sein?

Pantel: Natürlich gibt es viele besorgte Gesunde, die einfach gar nichts haben. Manche ältere Menschen haben geradezu eine neurotische Fixierung darauf, dass ihr Gedächtnis nachlassen könnte. Das ist aber auch ein gesellschaftliches Problem: Die Alten werden heute unter Druck gesetzt, mit den Jungen mithalten zu müssen.

SPIEGEL: Was bringt einem tatsächlich Betroffenen die Frühdiagnose Demenz? Man kann doch kaum etwas dagegen tun.

Pantel: Es gibt da tatsächlich auch ein Recht auf Nicht-Wissen. Aber die Menschen, die zur Frühdiagnostik kommen, haben einen Leidensdruck und wollen es wirklich wissen. Wichtig ist, dass man schon vor der Untersuchung mit dem Patienten klärt, welche Konsequenzen eine Demenz-Diagnose für sein weiteres Leben hätte. Entscheidet er sich für eine Diagnostik, könnte er Vorteile haben: Im besten Fall kann eine Krankheit ausgeschlossen werden oder man entdeckt eine Krankheit, die behandelbar ist. Auch wenn die Diagnose Demenz lautet, gewinnt der Patient Zeit, sich bewusst damit auseinanderzusetzen und Vorkehrungen für einen Verlust seiner Autonomie zu treffen. Viele Menschen empfinden es als eine Chance, zuvor Verfügungen und Vollmachten zu hinterlegen.

SPIEGEL: Wirklich behandeln kann man die Krankheit aber nicht?

Pantel: In allen Stadien der Erkrankung ist es möglich, den Verlauf einer Demenz positiv zu beeinflussen, auch medikamentös. Je früher man eine Therapie beginnt, desto besser. Die Patienten können auch an Studien für neue Medikamente teilnehmen. Man weiß zwar nicht, ob die Substanzen funktionieren, aber es gibt zumindest eine Chance. Auch für eine gesunde Ernährung und körperliche Aktivität gibt es erste Hinweise, dass das eine eine Verbesserung des Zustandes ermöglichen kann.

SPIEGEL: Welche Möglichkeiten gibt es, vorzubeugen?

Pantel: Es gibt drei Säulen der Demenz-Vorbeugung. Es hilft, wenn sich das Gehirn lebenslang aktiv mit der Umgebung auseinandergesetzt hat und dies auch im Alter noch tut. Bei der Ernährung sollte man auf Mittelmeerkost setzen, und Bewegung ist wichtig. Es gibt einen gewissen Schutz durch Bildung; ein Hochgebildeter würde dann ein paar Jahre später zum Patienten.

SPIEGEL: Gibt es für die Zukunft Hoffnung, Demenzen wirklich heilen zu können?

Pantel: Es gibt zurzeit etwa 20 Medikamente, die sich in einer aussichtsreichen Phase der klinischen Prüfung befinden. In der Vergangenheit gab es hier aber viele Enttäuschungen. Zudem wird man künftig den Betroffenen noch stärker psycho-soziale Hilfestellung für ihren Alltag geben - die positive Wirkung ist gut bewiesen. Eine dritte Säule könnten dann technische Adaptionen im Wohnraum des Patienten sein, die es ermöglichen, dass er trotz der Krankheit lange dort wohnen bleiben kann.

SPIEGEL: Sie meinen ...

Pantel: ... zum Beispiel einen Kühlschrank, der seinen Besitzer daran erinnert, dass er Milch einkaufen muss.

Das Interview führte Martin U Müller



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dasky 27.02.2010
1. Gerontopsychiatrie
Zitat von sysopDer Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, 47, über die Unterschiede zwischen Vergesslichkeit und Demenz sowie den Sinn einer frühen Diagnose der Krankheit http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,680013,00.html
Mehr als Frau Bundessozialministerin von der Laien (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=5105593#postcount=379) fällt mir zu diesem Thema im Moment nicht ein.
stanis laus 27.02.2010
2. Je früher man Demenz behandelt....
Möglichst schon im kindlichen Alter. Durch geistige Anregung und Bildung.
toskana2 27.02.2010
3. nichts Neues
Zitat von sysopDer Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, 47, über die Unterschiede zwischen Vergesslichkeit und Demenz sowie den Sinn einer frühen Diagnose der Krankheit http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,680013,00.html
Demenz hat es zu allen Zeiten gegeben - nichts Neues. Man pflegte diese Erscheinung als etwas "Natürliches" zu betrachten, also weniger aufgeregt als heute. Im Informations-Zeitalter mag diese Alterungs-Tendenz verstärkt worden sein. Das "Informationsvolumen" hat sich in unserer Zeit vergrößert, wogegen die "Platte-Kapazität" unverändert blieb. Man kann die Panik kriegen, wenn man in späteren Jahren den Schlüsselbund nicht gleich findet. Der Doktor mag hier Recht haben: In einer Leistungsgesellschaft ist ein Funktionen-Nachlassen verpönt. Und in einer der europäischen Sprache gibt es dafür den Spruch, "er/sie wird wieder Kind". Ich meine, hier ist Gelassenheit angesagt. Jede Maschine gibt auch irgendwann mal ... den Geist auf. Wir Menschen haben halt bis heute keine ... Ersatzteile dafür erfunden.
manda chuva 27.02.2010
4. der sinn?
Zitat von sysopDer Frankfurter Gerontopsychiater Johannes Pantel, 47, über die Unterschiede zwischen Vergesslichkeit und Demenz sowie den Sinn einer frühen Diagnose der Krankheit http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,680013,00.html
7 milliarden menschen a 50kg ergibt eine menschliche biomasse von 350 millionen wabernden tonnen...und wir alle wollen unsterblich sein. selbstverstaendlich OHNE die gebrechen, die sich nun einmal im alter einstellen. unser gehirn ist ganz einfach nicht dafuer geschaffen, um alle eindruecke eines unnatuerlich langen lebens zu verarbeiten. insofern: "...Sinn einer frühen Diagnose..."? vorschlag: forschungen mit dem ziel die durchschnittliche koerpergroesse des menschen von 1,70m auf 10cm zu reduzieren. dann waere platz fuer alle da ;)
Mel.M 28.02.2010
5. Zynisch
Zitat von toskana2Demenz hat es zu allen Zeiten gegeben - nichts Neues. Man pflegte diese Erscheinung als etwas "Natürliches" zu betrachten, also weniger aufgeregt als heute. Im Informations-Zeitalter mag diese Alterungs-Tendenz verstärkt worden sein. Das "Informationsvolumen" hat sich in unserer Zeit vergrößert, wogegen die "Platte-Kapazität" unverändert blieb. Man kann die Panik kriegen, wenn man in späteren Jahren den Schlüsselbund nicht gleich findet. Der Doktor mag hier Recht haben: In einer Leistungsgesellschaft ist ein Funktionen-Nachlassen verpönt. Und in einer der europäischen Sprache gibt es dafür den Spruch, "er/sie wird wieder Kind". Ich meine, hier ist Gelassenheit angesagt. Jede Maschine gibt auch irgendwann mal ... den Geist auf. Wir Menschen haben halt bis heute keine ... Ersatzteile dafür erfunden.
Sie haben offensichtlich keine Ahnung. Demenz ist nicht nur das Vergessen von Dingen oder die Tatsache, das der demente Mensch nichts neues lernen kann. Das ist nur der Anfang. Irgendwann kann der Mensch seine Umgebung nicht mehr verstehen, wird aggressiv, die Persönlichkeit verändert sich, die Menschen leiden unglaublich, sind manchmal total panisch, weil sie schon ein vorbeifahrendes Auto nicht als solches einordnen können und sich bedroht fühlen. Und dann kommt das Stadium, in dem die einfachsten Tätigkeiten nicht mehr selbstständig verrichtet werden können, die Patienten nicht mehr wissen, wie man auf Toilette geht, dass man was essen und trinken muss. Und irgendwo tief drinnen, wissen sie, das etwas nicht stimmt, sind oft traurig. Das ist Demenz und das mit dem Worten "wieder zum Kinden werden" zu beschreiben ist zynisch. Aber wenn sie das als natürlichen Zustand empfinden, dann viel Spaß, wenn es sie erwischt.
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