Rätsel Pubertät Nebel hinter der Stirn

Jugendliche beim Sprung ins Meer: Der Kick während der Pubertät muss größer sein
Corbis

Jugendliche beim Sprung ins Meer: Der Kick während der Pubertät muss größer sein

2. Teil: Streitlust, Risikofreude, Abgrenzung von den Alten


Doch nicht alle Teile des Denkorgans reifen gleichzeitig heran: Vergleichsweise schnell abgeschlossen sind die Bauarbeiten in jenen Arealen, die für Wahrnehmung und Bewegungssteuerung zuständig sind, im sensorischen und motorischen Cortex. Es folgt die Feinjustierung der Regionen, die Sprache und räumliche Orientierung steuern.

Ausgerechnet die oberste Kommandozentrale des Gehirns indes lässt sich Zeit: Bis im präfrontalen Cortex alles rund läuft, vergehen viele, mitunter quälende Jahre. Gar bis über das 20. Lebensjahr hinaus, schätzt Psychiater Giedd, dauert die Reifung des Stirnhirns an.

Dieses Phänomen könnte so manche Spritztour mit Papas BMW, so manchen Alkoholexzess erklären: Der Stirnlappen ist für lebenspraktische Leistungen wie Planung oder das Abschätzen der Folgen einer Handlung zuständig.

"Ich glaube, dass der Frontallappen bei Jugendlichen nicht immer voll funktioniert", erklärt die Psychologin Deborah Yurgelun-Todd vom McLean Hospital in Belmont, Massachusetts. Sie hat Heranwachsenden und Erwachsenen Bilder von angstverzerrten Gesichtern gezeigt und gleichzeitig ihre Hirnströme gemessen. Ergebnis: Während die meisten Erwachsenen die gezeigte Emotion als Angst deuten konnten, lagen von den Pubertierenden erstaunlich viele weit daneben.

Und während die Erwachsenen reichlich Aktivität im Stirnhirn aufwiesen, schien diese Schaltstelle der Besonnenheit bei den Adoleszenten seltsam unbeteiligt. Bei ihnen feuerten weit mehr Neuronen im Bereich des Mandelkerns im Zwischenhirn, einer entwicklungsgeschichtlich älteren Struktur, die vor allem unbewusste Reaktionen steuert. "Das könnte ein Grund dafür sein, dass Jugendliche oft impulsiver handeln als Erwachsene", folgert Yurgelun-Todd.

Nie mehr im Leben ist die Gefahr größer, einen Unfalltod zu sterben

Im unreifen Dopaminsystem wiederum verbirgt sich womöglich die Antwort auf die Frage, warum manche Jugendliche sich mit Vorliebe in brenzlige Situationen bringen: Während der Umstrukturierung gehen im Gehirn vorübergehend rund 30 Prozent der Rezeptoren für den Glücksbotenstoff verloren - was bislang als aufregend verbucht wurde, erscheint plötzlich schal, der Kick muss ungleich größer sein, um dieselben Glücksgefühle zu erzeugen wie vor der Pubertät. Nie zuvor und nie mehr später im Leben ist denn auch die Gefahr größer als in der Adoleszenz, einen Unfalltod zu sterben.

Wer jetzt allzu sorglos mit Drogen herumexperimentiert, richtet womöglich bleibenden Schaden an. "Die Dopaminbahn ist die letzte, die im Gehirn heranreift", erklärt die Bielefelder Biologin Gertraud Teuchert-Noodt, Expertin für Transmittersysteme in der Hirnentwicklung. "Noch bis Anfang 20 kann man sie durch Drogenmissbrauch für immer durcheinanderbringen."

Dazu passt die Beobachtung des Neuropharmakologen Michael Koch: Der Bremer Forscher spritzte Ratten während ihrer Pubertät einen synthetischen Cannabiswirkstoff. Noch als erwachsene Tiere zeigten die Kifferratten deutliche Veränderungen im Dopaminsystem, sie wurden vergesslich und anstriebsschwach. Übertragen auf den Menschen, glaubt Koch, könnte diese chronische Überaktivierung des Dopaminsystems in einer sensiblen Phase auch dazu führen, dass Betroffene später im Leben nach harten Drogen greifen.

Selbst die plötzliche Neigung junger Menschen, abends lange auszugehen und sich dann zur ersten Schulstunde - wenn überhaupt - nur unter Protest aus dem Bett zu quälen, kann die Hirnforschung inzwischen erklären. Mit Beginn der Pubertät schüttet die Zirbeldrüse im Gehirn das Hormon Melatonin, den physiologischen Müdemacher, täglich zwei Stunden später aus als vorher; der Rhythmus verschiebt sich nach hinten.

Eine Hormonkaskade ist es auch, die den Startschuss für die Pubertät gibt: Die Zellen des Hypothalamus, einer wichtigen Steuerzentrale im Zwischenhirn, bilden den Botenstoff Neurokinin B, der wiederum die Produktion einer Substanz namens Gonadotropin-Releasing-Hormon anstößt. Dieser Stoff signalisiert über weitere Zwischenschritte Hoden und Eierstöcken, dass die Zeit gekommen ist, den heranwachsenden Körper mit den Sexualhornomen Testosteron und Östrogen zu fluten. Parallel dazu sorgen Wachstumshormone dafür, dass die Kinder in die Höhe schießen, sieben bis neun Zentimeter pro Jahr.

Auch wenn es vielen Eltern so vorkommt - sie müssen sich heutzutage nicht viel früher mit der Adoleszenz der Nachkommen herumschlagen als etwa ihre Eltern. Seit 1960 haben europäische Mädchen ihre erste Regelblutung im Schnitt mit etwa zwölfeinhalb Jahren. Noch hundert Jahre zuvor fand diese sogenannte Menarche erst mit etwa 17 Jahren statt, das lag vor allem an der schlechteren Ernährung junger Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts: Damit der Reifungsprozess starten kann, muss ein Körperfettanteil von rund 17 Prozent erreicht werden. Bei den meisten Jungen setzt die Pubertät zwischen dem 12. und dem 15. Lebensjahr ein, im Schnitt sind sie also etwas später dran als die Mädchen.

Frühe oder spätere Geschlechtsreife hat Konsequenzen für das ganze Leben

Ob die Geschlechtsreife früh oder spät eintritt, hat indes Konsequenzen für das ganze Leben. Das hat die Jenaer Entwicklungspsychologin Karina Weichold herausgefunden, die eine der größten Längsschnittstudien zum Thema Pubertät leitet.

Zehn Jahre begleiteten Weichold und ihr Team eine Gruppe von 66 jungen Mädchen. Die Forscher filmten die heute 23-Jährigen bei Streitgesprächen mit ihren Müttern, maßen Hirnströme und Stresshormonspiegel, packten ihnen GPS-Geräte in den Rucksack, um zu schauen, wo sie ihre Freizeit verbrachten. Den Kern der Untersuchung aber bildeten regelmäßige, ausführliche Befragungen.

"Es hat eindeutig Konsequenzen, ob jemand frühreif oder spät dran ist", erläutert Weichold: So entwickeln Mädchen, die schon mit elf Jahren die erste Regelblutung haben, ein auf Dauer schwieriges Verhältnis zu ihren Müttern, gründen früher eine Familie, wechseln den Partner häufiger und sind oft beruflich weniger erfolgreich als ihre Geschlechtsgenossinnen. "Diese Mädchen mussten zu früh erwachsen werden", erläutert Weichold, "zugleich neigen die Mütter dazu, ihre frühreifen Töchter besonders kurzzu- halten - das führt zu Konflikten."

Viel Leid und Ärger könnten sich die Eltern aufmüpfiger Heranwachsender ersparen, glaubt der Erlanger Pubertätsexperte Ralf Dawirs, wenn sie sich beizeiten klarmachten, wozu die ganze Quälerei gut ist: "Die Pubertät hat ja den Zweck, dass der Jugendliche sich emotional von den Eltern entkoppelt", erklärt der Buchautor. Das sei "eine biologische Notwendigkeit, sonst kann er nicht erwachsen werden".

Streitlust, Risikofreude, Abgrenzung von den Alten - was heute als störend wahrgenommen wird, war laut Dawirs über weite Strecken der Menschheitsgeschichte überlebenswichtig. "Vor eineinhalb Millionen Jahren sind die Eltern meist gestorben, wenn die Kinder in die Pubertät kamen", sagt er: "Das war die eigentliche Zeit des Erwachsenseins." Die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, um sich weiterzuentwickeln, sei damals eine wichtige Qualität gewesen - "heute erleben die Jugendlichen diese Phase oft als Zeit der Verbote durch die Eltern, die mit Mitte 40 verständlicherweise noch nicht abtreten wollen".

Das verlangt auch keiner. Gleichwohl, glaubt Dawirs, seien die Eltern gut beraten, dem biologischen Programm weitgehend seinen Lauf zu lassen: "Zu Beginn der Pubertät verschwinden die Kinder in einem emotionalen Nebel", sagt der zweifache Vater, "umso schöner ist es, wenn sie dann als Erwachsene wieder rauskommen."


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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marvinw 17.05.2010
1. Hirnforschung
---Zitat--- Wieso stellen Pubertierende so viel Unsinn an? Die Hirnforschung untersucht die neurologischen Grundlagen des Leichtsinns und findet Erstaunliches heraus. ---Zitatende--- Jeder war mal jung kennt das, deshalb sollten die Forscher sich damit nicht rumquälen. Viel interessanter wäre die neurologische Untersuchung des Hirns von Ackermann was einen älteren Mann dazu bringt alle Gewissensbisse und alle moralische und ethische Bedenken bei Seite zu räumen und andere zu betrügen. Das wäre wirklich interessant zu wissen ob es ihm an Erzienung gefehlt hat.
tystie, 17.05.2010
2. Auffällig
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Menschen bis zum Alter von 18 Jahren nach der Kinderrechtskonvention unterschiedslos als 'Kinder' eingestuft werden. Immerhin werden im alltäglichen Umgang und beispielsweise der Rechtsprechung Unterschiede wie 'Jugend' berücksichtigt. Was sich mir aufdrängt, ist die Tatsache, dass beispielsweise in der britischen und der US-Armee bereits 16jährige als Kindersoldaten dienen dürfen. "Ausgerechnet die oberste Kommandozentrale des Gehirns indes lässt sich Zeit: Bis im präfrontalen Cortex alles rund läuft, vergehen viele, mitunter quälende Jahre. Gar bis über das 20. Lebensjahr hinaus, schätzt Psychiater Giedd, dauert die Reifung des Stirnhirns an. Der Stirnlappen ist für lebenspraktische Leistungen wie Planung oder das Abschätzen der Folgen einer Handlung zuständig." Gerade die Risikobereitschaft junger Männer prädestiniert sie doch offenbar für Kriegseinsätze. Also Leute, die dem Artikel nach eine verminderte Fähigkeit haben, Angst in den Gesichtern von anderen Menschen als solche zu deuten und generell impulsiver handeln. "Nie zuvor und nie mehr später im Leben ist denn auch die Gefahr größer als in der Adoleszenz, einen Unfalltod zu sterben." - oder eben im Kampf für kalkulierende Generale.
3-plus-1 17.05.2010
3. Kein Titel
Lassen wir die Ar*chlochkinder einfach mal außen vor (also die, die in der Phase Prügeln wollen oder Vandalismus betreiben) und bleiben bei denen, die die eigentlich "normal" sein wollen. Genau jene werden nun in der hier beschriebenen Phase von der G8-Verkürzung getroffen: Schule nicht nur am Vormittag, sondern auch am Nachmittag und Hausaufgaben bis in die Nacht. Die Eltern sehen höchstens die schlechter werdenden Noten und mahnen zum mehr lernen und schüren die Angst vor dem Abschluss. Kein Wunder, dass der oder die Jugendliche(r) dann irgendwann auf Opposition geht, denn wo ist noch die Hoffnung? Man erinnert sich nicht mehr an etwas anderes als zur Schule gegangen zu sein und dort wurden die Anforderungen kontinuierlich höher und lassen in genau dieser Phase keinen Raum mehr dafür zu entdecken was man eigentlich machen will und kann. Alles an Zeit ist bereits fremdverplant. Oh man, wenn ich mich an diese Zeit erinnere. Da haben wir uns Nachmittags getroffen und Ideen entwickelt, was man auf den damaligen Heimcomputern programmieren konnte. Das Eine oder Andere ist sogar fertig geworden. Das war komplett außerhalb der Welt der damaligen Erwachsenen und hat Spaß gemacht, weil man hier Kreativ ohne Zwang sein konnte. Wilde Ideen entwickeln und dann versuchen das umzusetzen - klappt es nicht macht's auch nichts. Wie gesagt, ich vermute Heute ist die Woche der Jugendlichen so mit Pflichtterminen vollgestopft, dass nur noch das Wochenende bleibt. Kein Wunder, dass es da zu Excessen kommt - und auch zu Konflikten mit den Eltern, die genau wenn endlich Wochenende ist auch noch fragen "Wie ist es eigentlich in der Schule? Erzähl doch mal ausführlich"
haltetdendieb 17.05.2010
4. Das passt doch hervorragend: Banderas und seine Tochter
Super-Papa Banderas "Meine Tochter ist viel reifer als ich" Der Mann hat viel Selbstbewusstsein, phantastisch, wie er mit seiner Tochter umgeht. Ich habe drei Söhne, und genau so wie Banderas agiert. Nein, Foto von mir gibt es nicht, Banderas sieht viel attraktiver aus. Ich habe die drei auch an der langen Leine gelassen, später war ich dann mit Zweien alleinerziehend. "Ich werde mich nicht einmischen, solange es für sie ohne Schaden abläuft" Das ist die beste Devise in der Erziehung, wenn auch nicht immer leicht einzuhalten. Meine Ex war viel strenger und ich bekam des öfteren Vorwürfe zuhören. Du interessierst Dich nicht und so weiter.... Alle drei sind jetzt prächtige Exemplare und ich frage mich nur, wieso sie die Rente für all die Dinks verdienen, die sich all das leisten können, wovon ein dreifacher Vater nicht einmal träumt. Denn eigentlich sind es "meine" Kinder! Ich bin mit meinem Leben als Vater sehr zufrieden.
fblummr 17.05.2010
5. Hominiden
"Vor eineinhalb Millionen Jahren sind die Eltern meist gestorben, wenn die Kinder in die Pubertät kamen", sagt er: "Das war die eigentliche Zeit des Erwachsenseins." Ob da Dawirs nicht um 3 Nullen missverstanden wird?...
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