Rätsel Pubertät Nebel hinter der Stirn

Nicht nur die körperlichen und seelischen Umbauarbeiten sind dramatisch - auch das Gehirn macht in der Pubertät gewaltige Veränderungen durch. Mit modernsten Methoden fahnden Hirnforscher nach den neurologischen Grundlagen jugendlichen Leichtsinns.

Jugendliche beim Sprung ins Meer: Der Kick während der Pubertät muss größer sein
Corbis

Jugendliche beim Sprung ins Meer: Der Kick während der Pubertät muss größer sein


Der Psychologe Peter Uhlhaas interessiert sich vor allem dann für das Gehirn, wenn es aus dem Takt gerät; etwa bei Schizophreniekranken. Die Probanden in Uhlhaas' aktueller Studie aber sind allesamt ganz normal - so normal jedenfalls, wie man eben sein kann mit 15, 16 Jahren.

Reihenweise bestellt der Wissenschaftler vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung Gymnasiasten ins "Brain Imaging Center" der Universität ein. Er klebt ihnen Elektroden auf Stirn und Wangen, zur Messung der Augenbewegungen.

Dann setzen sich die Jugendlichen auf eine Art Zahnarztstuhl, und ihre Köpfe verschwinden in einer Röhre, die aussieht wie eine zu groß geratene Trockenhaube - das Herzstück des sogenannten Magnetenzephalografen (MEG). Hochempfindliche Sensoren messen jene Magnetfelder, die von den Hirnströmen erzeugt werden: Das MEG kann Vorgänge im Gehirn sichtbar machen, die sich innerhalb von Tausendstel Sekunden abspielen.

Uhlhaas untersucht funktionale Netzwerke: jene Verbünde von Nervenzellen, die bei bestimmten geistigen Aufgaben im Gleichtakt feuern, obwohl sie räumlich getrennt in verschiedenen Zentren des Hirns angesiedelt sind. Diese neuronale Synchronisation ist eine wichtige Voraussetzung für höhere Hirnfunktionen wie etwa das Erkennen von Gesichtern.

So setzte Uhlhaas Probanden verschiedener Altersstufen - von sechs Jahren bis ins Erwachsenenalter - vor verfremdete Gesichter und zeichnete die Hirnströme auf. Ergebnis: Je älter die Versuchsteilnehmer waren, umso treffsicherer erkannten sie die Gesichter; und die Nervenzellen wiesen zudem koordinierte und hochfrequente Schwingungen auf. Nur eine Gruppe fiel aus dem Raster: Bei Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren, in der Hochphase der Adoleszenz also, beobachtete Uhlhaas völlig chaotische, weniger synchronisierte Ausschläge.

Nicht das Kind spielt verrückt, sondern seine kleinen grauen Zellen

Im Teenagerhirn, so scheint es, herrscht heilloses Durcheinander. Für Eltern rebellischer Heranwachsender dürfte das eine Nachricht zum Durchatmen sein: Nicht das Kind spielt verrückt, sondern seine kleinen grauen Zellen.

Der Zunft der Hirnforscher erwächst daraus seit einigen Jahren ein ganz neues Forschungsfeld. In seiner Schülerstudie etwa untersucht Psychologe Uhlhaas Jugendliche kurz vor, während und kurz nach der Pubertät; mit komplizierteren Tests als bei der Gesichtserkennung will er seine Befunde untermauern. "Man hat lange geglaubt, dass das menschliche Gehirn mit etwa zwölf Jahren ausgereift ist", erklärt der Wissenschaftler: "In Wahrheit vollzieht sich danach noch einmal ein gewaltiger Wandel."

Dass gerade ein Schizophrenieforscher wie Uhlhaas die Pubertät für sich entdeckt hat, ist kein Zufall: Viele psychische Krankheiten bahnen sich im Jugendalter an. Die Schizophrenie ist nur ein Beispiel - auch für den Beginn von Depressionen, Essstörungen oder Angsterkrankungen ist die Adoleszenz die kritische Phase. Kaum je ist das Gehirn verletzlicher als in dieser Zeit der Generalüberholung.

"Es ist offensichtlich, dass in der Umbauphase des Gehirns während der Adoleszenz der Schlüssel zu vielen Krankheiten liegt", erklärt Wissenschaftler Uhlhaas. "Ich finde es erstaunlich, dass man nicht früher darauf gekommen ist."

Das mag auch daran liegen, dass die Wissenschaft erst nach und nach versteht, wie gewaltig die Renovierungsarbeiten tatsächlich sind. Nicht nur die Kommunikation zwischen den Nervenzellen verändert sich während der Pubertät - das ist der Teil des Puzzles, den Uhlhaas mit seinen MEG-Studien untersucht. Auch anatomisch wird das Teenagergehirn noch einmal runderneuert. Und wichtige Transmittersysteme (wie etwa das des Botenstoffs Dopamin, der im körpereigenen Belohnungssystem eine Rolle spielt) reifen erst während der Adoleszenz vollständig aus.

Bilder vom jugendlichen Hirn offenbaren eine Baustelle von verblüffendem Ausmaß

Wohl kein Forscher kennt die Architektur des heranwachsenden Gehirns so gut wie der US-Psychiater Jay Giedd. Tausende Teenager hat der bärtige Wissenschaftler mittlerweile in seine Kernspintomografen am National Institute of Mental Health in Bethesda, Maryland, geschoben und ihre Köpfe durchleuchtet. Seine 3D-Bilder vom jugendlichen Hirn offenbaren eine Baustelle von verblüffendem Ausmaß.

So konnte Giedd als Erster zeigen, dass die graue Substanz - sie bildet die Nervenzellen der Großhirnrinde - in den Jahren vor der Pubertät einen immensen Wachstumsschub erlebt, den zweiten nach dem Kleinkindalter.

Doch mit Beginn der Pubertät, fand Giedd, sterben Milliarden dieser Zellen und Kontaktstellen wieder ab. Bis zu 30.000 Nervenverbindungen gehen bei diesem Ausleseverfahren zugrunde - pro Sekunde! Entsorgt werden vor allem jene, die selten gebraucht werden: "Use it or lose it" heißt die Devise. Offenbar trennt sich das Gehirn von Störendem, um fit zu werden für die Herausforderungen des Erwachsenenlebens.

Was Ballast ist und was nicht, bestimmt der Lebenswandel, glaubt Giedd: "Ihr entscheidet selbst über die permanenten Verschaltungen in eurem Gehirn", predigt er seinen Probanden und wird durchaus moralisch: "Wollt ihr es durch Sport zur Reifung bringen, durch das Spielen eines Musikinstruments oder durch das Lösen mathematischer Aufgaben? Oder indem ihr auf der Couch vor dem Fernseher liegt?"

Zeitgleich mit dem Schwund der grauen Zellen, auch das zeigen Giedds Bilder, greift die sogenannte weiße Substanz des Gehirns gewaltig Raum. Sie stellt die fettreichen Myelinscheiden, die sich wie eine Isolierschicht um die Nervenkabel schmiegen und deren Leistung verbessern. Eine myelinisierte Faser leitet die Impulse der Nervenzellen ungleich schneller als eine ohne Fetthülle. Das jugendliche Gehirn steigert seine Rechenleistung bis zu 3000fach.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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marvinw 17.05.2010
1. Hirnforschung
---Zitat--- Wieso stellen Pubertierende so viel Unsinn an? Die Hirnforschung untersucht die neurologischen Grundlagen des Leichtsinns und findet Erstaunliches heraus. ---Zitatende--- Jeder war mal jung kennt das, deshalb sollten die Forscher sich damit nicht rumquälen. Viel interessanter wäre die neurologische Untersuchung des Hirns von Ackermann was einen älteren Mann dazu bringt alle Gewissensbisse und alle moralische und ethische Bedenken bei Seite zu räumen und andere zu betrügen. Das wäre wirklich interessant zu wissen ob es ihm an Erzienung gefehlt hat.
tystie, 17.05.2010
2. Auffällig
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Menschen bis zum Alter von 18 Jahren nach der Kinderrechtskonvention unterschiedslos als 'Kinder' eingestuft werden. Immerhin werden im alltäglichen Umgang und beispielsweise der Rechtsprechung Unterschiede wie 'Jugend' berücksichtigt. Was sich mir aufdrängt, ist die Tatsache, dass beispielsweise in der britischen und der US-Armee bereits 16jährige als Kindersoldaten dienen dürfen. "Ausgerechnet die oberste Kommandozentrale des Gehirns indes lässt sich Zeit: Bis im präfrontalen Cortex alles rund läuft, vergehen viele, mitunter quälende Jahre. Gar bis über das 20. Lebensjahr hinaus, schätzt Psychiater Giedd, dauert die Reifung des Stirnhirns an. Der Stirnlappen ist für lebenspraktische Leistungen wie Planung oder das Abschätzen der Folgen einer Handlung zuständig." Gerade die Risikobereitschaft junger Männer prädestiniert sie doch offenbar für Kriegseinsätze. Also Leute, die dem Artikel nach eine verminderte Fähigkeit haben, Angst in den Gesichtern von anderen Menschen als solche zu deuten und generell impulsiver handeln. "Nie zuvor und nie mehr später im Leben ist denn auch die Gefahr größer als in der Adoleszenz, einen Unfalltod zu sterben." - oder eben im Kampf für kalkulierende Generale.
3-plus-1 17.05.2010
3. Kein Titel
Lassen wir die Ar*chlochkinder einfach mal außen vor (also die, die in der Phase Prügeln wollen oder Vandalismus betreiben) und bleiben bei denen, die die eigentlich "normal" sein wollen. Genau jene werden nun in der hier beschriebenen Phase von der G8-Verkürzung getroffen: Schule nicht nur am Vormittag, sondern auch am Nachmittag und Hausaufgaben bis in die Nacht. Die Eltern sehen höchstens die schlechter werdenden Noten und mahnen zum mehr lernen und schüren die Angst vor dem Abschluss. Kein Wunder, dass der oder die Jugendliche(r) dann irgendwann auf Opposition geht, denn wo ist noch die Hoffnung? Man erinnert sich nicht mehr an etwas anderes als zur Schule gegangen zu sein und dort wurden die Anforderungen kontinuierlich höher und lassen in genau dieser Phase keinen Raum mehr dafür zu entdecken was man eigentlich machen will und kann. Alles an Zeit ist bereits fremdverplant. Oh man, wenn ich mich an diese Zeit erinnere. Da haben wir uns Nachmittags getroffen und Ideen entwickelt, was man auf den damaligen Heimcomputern programmieren konnte. Das Eine oder Andere ist sogar fertig geworden. Das war komplett außerhalb der Welt der damaligen Erwachsenen und hat Spaß gemacht, weil man hier Kreativ ohne Zwang sein konnte. Wilde Ideen entwickeln und dann versuchen das umzusetzen - klappt es nicht macht's auch nichts. Wie gesagt, ich vermute Heute ist die Woche der Jugendlichen so mit Pflichtterminen vollgestopft, dass nur noch das Wochenende bleibt. Kein Wunder, dass es da zu Excessen kommt - und auch zu Konflikten mit den Eltern, die genau wenn endlich Wochenende ist auch noch fragen "Wie ist es eigentlich in der Schule? Erzähl doch mal ausführlich"
haltetdendieb 17.05.2010
4. Das passt doch hervorragend: Banderas und seine Tochter
Super-Papa Banderas "Meine Tochter ist viel reifer als ich" Der Mann hat viel Selbstbewusstsein, phantastisch, wie er mit seiner Tochter umgeht. Ich habe drei Söhne, und genau so wie Banderas agiert. Nein, Foto von mir gibt es nicht, Banderas sieht viel attraktiver aus. Ich habe die drei auch an der langen Leine gelassen, später war ich dann mit Zweien alleinerziehend. "Ich werde mich nicht einmischen, solange es für sie ohne Schaden abläuft" Das ist die beste Devise in der Erziehung, wenn auch nicht immer leicht einzuhalten. Meine Ex war viel strenger und ich bekam des öfteren Vorwürfe zuhören. Du interessierst Dich nicht und so weiter.... Alle drei sind jetzt prächtige Exemplare und ich frage mich nur, wieso sie die Rente für all die Dinks verdienen, die sich all das leisten können, wovon ein dreifacher Vater nicht einmal träumt. Denn eigentlich sind es "meine" Kinder! Ich bin mit meinem Leben als Vater sehr zufrieden.
fblummr 17.05.2010
5. Hominiden
"Vor eineinhalb Millionen Jahren sind die Eltern meist gestorben, wenn die Kinder in die Pubertät kamen", sagt er: "Das war die eigentliche Zeit des Erwachsenseins." Ob da Dawirs nicht um 3 Nullen missverstanden wird?...
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