Tatort Familie "Auf dem Stand eines Zweijährigen"

Problemfall Kind: "Es kann zur zur totalen Verweigerung kommen"
Corbis

Problemfall Kind: "Es kann zur zur totalen Verweigerung kommen"

2. Teil: Tiefe Verunsicherung: "Eltern wirken wie willenlose Gegenstände"


SPIEGEL: Und Schuld daran haben die Eltern selbst?

Winterhoff: Viele Eltern sind heute tief verunsichert. In der modernen Gesellschaft lösen sich Strukturen auf, Computer und Telekommunikation krempeln unser Leben um, in den Nachrichten ist permanent die Rede von Krisen, bedrohten Arbeitsplätzen, unsicheren Renten. Irgendwann verkraftet unsere Psyche das nicht mehr. Sie sucht sich, unbewusst, eine Kompensation, und dafür bietet sich das Kind an. Die Kinder müssen dann herhalten für unsere Unfähigkeit, im modernen Leben zurechtzukommen.

SPIEGEL: Seit wann beobachten Sie das?

Winterhoff: Es ist eine mehrstufige Entwicklung. Seit Anfang der neunziger Jahre werden Kinder von vielen Eltern nicht mehr als Kinder, sondern als gleichberechtigte Partner gesehen, die mit vernünftigen Argumenten erzogen werden können. Das führt dazu, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Fehlverhalten aufmerksam machen und es nicht mehr angemessen sanktionieren.

SPIEGEL: Und danach?

Winterhoff: Die zweite Phase, die ich seit Mitte der neunziger Jahre beobachte, nenne ich Projektion. Das Kind wird zum Ersatz für fehlende Anerkennung in der Gesellschaft, nach dem Motto: Wenn mich in der Welt schon keiner liebt, dann muss es wenigstens mein Kind tun. Eltern werden abhängig von der Zuneigung ihrer Kinder. Die merken das natürlich und nutzen es für sich, es kommt zu einer Machtumkehr. Die dritte Phase ist dann die Symbiose, die ich jetzt seit fast sieben Jahren beobachte. Das Kind muss nun herhalten für meine Unfähigkeit, Freude und Glück zu erleben. Ich fange an, das Glück des Kindes für mein eigenes Glück zu halten.

SPIEGEL: Deshalb verwöhne ich es?

Winterhoff: Mehr als das. Das Kind wird von mir unbewusst nicht mehr als eigenständiges Wesen erlebt, sondern als Teil von mir. Wenn das Kind etwas will, sage ich reflexartig ja. Aus der Sicht des Kindes wirken Eltern dadurch wie willenlose Gegenstände, die man permanent steuern kann.

SPIEGEL: Welche Eltern sind besonders gefährdet?

Winterhoff: Das geht durch alle sozialen Schichten. Viele Eltern, die zu mir kommen, sind beruflich in Führungspositionen. Beim eigenen Kind aber versagt ihre Fähigkeit, Menschen zu führen, aufgrund der Beziehungsstörung.

SPIEGEL: Wie stellt man die ab?

Winterhoff: Die Eltern müssen sich zuerst bewusst machen, dass die Beziehung zu ihrem Kind auf einem falschen Konzept beruht. Dann können sie dieses Konzept auch verlassen.

SPIEGEL: Und mit mehr Strenge erziehen?

Winterhoff: Es geht nicht um Strenge, es geht um Intuition. Eltern müssen sich bewusst machen, dass sie nicht die besten Freunde ihrer Kinder sein können. Ihre Aufgabe ist es, das Kind aktiv anzuleiten, es zu führen und zu beschützen. Dann stellt sich das richtige Verhalten intuitiv ein.

SPIEGEL: Auch dann noch, wenn die Kinder schon in der Pubertät sind?

Winterhoff: Das hängt davon ab, ob der Jugendliche sich noch auf die Familie einlässt. Bei manchen 16-Jährigen klappt das noch gut, aber es gibt auch 13-Jährige, die schon mit dem Thema Familie abgeschlossen haben. Da wird man keine klassische Eltern-Kind-Beziehung mehr aufbauen können.

SPIEGEL: Ist die Schule dann ein möglicher Reparaturbetrieb?

Winterhoff: Es ist möglich, Kinder auch in der Schule nachreifen zu lassen, sofern die Lehrer erkennen, dass die Kinder entwicklungsgestört sind. Ich plädiere deshalb sehr dafür, die Entwicklungspsychologie stärker in die Lehrerausbildung einzubinden. Wenn ein Lehrer erreicht, dass das entwicklungsgestörte Kind seine Rolle als Lehrer akzeptiert, wird es sich auch an ihm orientieren. Das geht allerdings nicht in Klassen mit 20 oder mehr Leuten, dafür braucht man kleine Gruppen von acht bis zwölf Schülern. Und am besten beginnt man damit in der Vorschule.

SPIEGEL: Einige Pädagogen machen gute Erfahrungen mit Projekten, bei denen Schüler im Pubertätsalter ein paar Wochen lang nicht lernen, sondern zum Beispiel mit ihrem Lehrer zu Fuß durch die Alpen marschieren.

Winterhoff: Das kann gut funktionieren. Wichtig wäre, dass der Lehrer immer wieder den einzelnen Jugendlichen auf sich bezieht. Der Jugendliche müsste die Erfahrung machen, dass er sich am Lehrer orientieren muss, dass er vielleicht sogar auf ihn angewiesen ist. Die Tour würde ihm abverlangen, nicht nach dem Lustprinzip zu leben, sondern auch Aushalten und Abwarten zu müssen. Es gibt nicht an jeder Ecke etwas zu essen oder zu trinken. Und am Ende wird er stolz darauf sein, dass er es geschafft hat und die geforderte Leistung erbringen konnte. Wenn das entwicklungsverzögerte Kinder und Jugendliche häufig erleben, besteht die Chance, dass sie in ihrer Entwicklung aufholen.

Das Interview führte Matthias Bartsch


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
Allegorius 13.05.2010
1.
Aus meiner praktischen Arbeit als Logopäde bleibt dem nichts hinzuzufügen. Herr Winterhoff hat uneingeschränkt Recht!
WernerS 13.05.2010
2. Verunsicherte Elternn
sind die Käufer der Bücher der Autoren die die Eltern verunsichern.
Boandlgraber 13.05.2010
3. Der Winterhoff...
Was mich stört am Winterhoff, auch wenn ich ihm inhaltlich in vielerlei Hinsicht folgen kann, sind seine extrem präzisen Angaben zu seinen Beobachtungen. Man meint gar das Jahr 1995 als kollektives Abkippen in die Beziehungsstörung zu Kindern dingfest machen zu können. Problematisch finde ich auch, dass er sich überhaupt nicht abgrenzt - wie stellt er beispielsweise sicher, dass sich nicht die Millieus seiner Patienten gravierend geändert haben? Wäre das nicht für eine so weit ausgreifende Beobachtung ein wichtiger Punkt? Winterhoff erklärt eine gesellschaftliche Veränderung mitsamt mehrstufigen Wirkmechanismus durch die Familie durch - der auch noch mit Schuld der nicht reflektierenden Eltern angefettet wird. Vielleicht können die Eltern gar nicht viel dafür? Vielleicht fehlt die natürliche Autorität nur deswegen, weil schon Kindern durchschauen, was für arme Würstchen wir sind? Solche Überlegungen tauchen bei Winterhoff praktisch nicht auf, deswegen glaube ich, dass er am Ende doch nur ein Schwätzer ist, dem ein paar zutreffende Beschreibungen der Realität gelungen sind.
tystie, 13.05.2010
4. Hans im Glück
Ein Ratgeber-Autor muss sich geradezu totfreuen, wenn er nicht nur einen zweiseitigen Artikel im SPIEGEL als Werbegeklingel eingeräumt bekommt, sondern gleichzeitig die Vermarktung "Einfach und bequem direkt im SPIEGEL-Shop" besorgt bekommt. (Klingt verdächtig nach Angebotsbefriedigung von 'Ich will sofort!') Was ist das verbindende Merkmal aller Ratgeber-Literatur? Dass sie von Leuten gekauft wird, die der absurden Idee anhängen, dass ein/e mit ihrer Situation völlig unvertraute/r Fremde/r irgendwelche Erkenntnisse von sich geben könnte, die auf sie zutreffen. Möglich in einer Kultur, die von der absurden Vorstellung geprägt ist, aus einem antiken Textsammelsurium namens Bibel (Buch!) relevante Informationen für das Leben gewinnen zu können. Ihnen allen ist gemeinsam: Alle mussen sich bitteschön GLEICH verhalten. Wer diesem totalitären Anspruch, bzw. Diktat nicht folgt, wird als Feind und Problem angesehen. "Winterhoff: Es geht nicht um Strenge, es geht um Intuition. Eltern MÜSSEN sich bewusst machen, dass sie nicht die besten Freunde ihrer Kinder sein können." "Winterhoff: Das kann gut funktionieren. Wichtig wäre, dass der Lehrer immer wieder den einzelnen Jugendlichen auf sich bezieht. Der Jugendliche MÜSSTE die Erfahrung machen, dass er sich am Lehrer orientieren MUSS, dass er vielleicht sogar auf ihn angewiesen ist." (Wenn ich mir vorstelle, wie DurchschnittslehrerInnen mit Jugendlichen "wochenlang zu Fuß durch die Alpen marschieren" sollen, überfällt mich das blanke Grauen.) Winterhoff verbreitet nicht nur Blödsinn über vergangene Zeiten, "das war eine Zeit, in der Schläge noch als probates Erziehungsmittel galten und Eltern sehr viel Gehorsam verlangten", sondern mogelt sich darum herum, seine Ergüsse einfach als seine persönlichen Erfahrungen (Geschlagener) und Ansichten (zur Verteidigung der Schläger?) zu outen. Eltern kann man nur davor warnen, sich auf solche Ratgeber einzulassen. PS: "Ein Internetblogger verkündet unter vollem Namen sein Konzept für die Bestrafung eines Brandstifters: "Ich würde ihn in eins dieser Autos setzen, die er gerade angezündet hat." Ein Porsche-Besitzer, dessen neuer Sportwagen vergangene Woche verbrannte, würde die Täter am liebsten "häuten und durch die Stadt ziehen"." http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,694099-2,00.html Erwachsene auf dem Stand von Zweijährigen? Sicher nicht, denn Zweijährige kennen solche psychopathischen Grausamkeitsfantasien nicht.
spiegelmaus 13.05.2010
5. Auf dem Stand des Zweijährigen
Auf dem Stand des Zweijährigen heißt, keine Erfahrungen, die typisch für das Alter jenseits von 2 Jahren, gemacht zu haben. Nur Fernsehen und Computer führen zu Verkümmerung. Zum Leben gehört die Erfahrung von Einfühlung, von Gegenüber, von Auseinandersetzung, von Frustriertwerden, von Grenzen erfahren, und mit all dem Erfahrenen umgehen zu lernen. Kinder, die wie Kaspar Hauser aufwachsen, haben dann halt später gravierende Defizite.
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