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Wirtschaftsdebatte: Alles hängt am Geld

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In der Folge der Finanzkrise beschäftigen sich nun auch jene Menschen mit ökonomischen Zusammenhängen, die sich dafür bislang nicht interessierten.

Kapitalismus für Anfänger: Auch gute Seiten Fotos
AFP

Vor ein paar Monaten fragte mich meine Freundin Isabel nach einem Grillfest, ob ich eigentlich an die Inflation glaubte. Es klang so, als hätte sie jemanden mit einer ihr fremden Religion kennengelernt und wollte nun wissen, was davon zu halten sei.

Wir standen in ihrer Küche, um die letzten Gläser abzutrocknen, Deutschland hatte gerade gegen England im Achtelfinale gewonnen, ich hätte in diesem Augenblick alle möglichen Fragen erwartet, aber sicher keine zur drohenden Geldentwertung. Außerdem kommt meine Freundin aus der Kulturszene, da interessiert man sich für Finanzdinge nur, wenn plötzlich die Subventionen ausbleiben. Also fragte ich erst einmal zurück, warum sie sich denn jetzt um Himmels willen Gedanken über eine Inflation mache.

Ein Bekannter habe sie zu einem Vortrag mit George Soros an der Berliner Humboldt-Uni mitgenommen, sagte Isabel. Sie verstehe ja nicht viel von solchen Dingen, aber der Investor habe das Publikum vor einer schweren Rezession gewarnt, verheerender noch als die letzte, weil diese mit einer verhängnisvollen Deflation verbunden sei. So wie sie es verstanden habe, bleibe uns nur die Möglichkeit, ganz schnell ganz viele Schulden zu machen, um das Schlimmste abzuwenden. Mein erster Gedanke an eine religiöse Begegnung war also gar nicht so falsch, wie sich herausstellte.

Muss man sich vor Deflation mehr fürchten als vor Inflation?

Man mag von Soros halten, was man will. Ich persönlich finde es eher kurios, wenn Leute Empfehlungen zur Währungsstabilität geben, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, diese zu erschüttern. Von Spekulationsgeschäften versteht der Milliardär etwas, keine Frage, dafür spricht schon die Tatsache, dass er seine Quantum Fonds außerhalb der US-Finanzkontrolle in Offshore-Paradiesen wie den Niederländischen Antillen angesiedelt hat. Genau dieser Umstand wäre für mich aber auch Grund genug, seinen politischen Ratschlägen zu misstrauen. Trotzdem bemühte ich mich, Isabels Frage ernst zu nehmen.

Ob man sich mehr vor einer Deflation oder einer Inflation fürchten muss, ist nicht so einfach zu sagen. Bei einer Deflation sinken die Preise, was zunächst wenig beängstigend klingt. Aber weil die Leute darauf setzen, dass im nächsten Monat alles noch billiger wird, schieben sie größere Einkäufe auf, was der Wirtschaft gar nicht gut bekommt. Bald sinken überall die Einkommen, worauf alle sparen müssen, die Folge sind Massenentlassungen und weitere Sparrunden, theoretisch ist diese Deflationsspirale unendlich.

Die Inflation wiederum verbinden die Deutschen bis heute mit der größten Krise, die das Land heimgesucht hat: Wenn eine Schachtel Zigaretten so viel kostet wie eben noch ein ganzes Haus, dann ist irgendwann die ganze Welt aus den Fugen. Ich glaube dennoch, wir werden um ein wenig Inflation nicht herumkommen. Die schleichende Geldentwertung ist der einzige Weg, die enormen Schulden- und Pensionslasten zu bewältigen, die auf die öffentlichen Haushalte drücken. Hoffen wir nur, dass die Inflation nicht außer Kontrolle gerät, das nennt man dann Hyperinflation und endet in der Regel mit einem Währungsschnitt.

Viele haben mehr Ahnung vom Gazastreifen als von der eigenen Rente

Die meisten Menschen sind erstaunlich unsicher, wie sie ökonomische Tatbestände bewerten sollen, dabei müssen sie im Alltag häufig sehr viel kompliziertere Dinge beurteilen. Viele treffen regelmäßig Entscheidungen und haben Berufe, die eine lange und gründliche Ausbildung voraussetzen, aber wenn das Gespräch auf die Grundlagen unseres Wirtschaftsgeschehens kommt, müssen sie passen. Vielen fällt es leichter, die Situation im Gazastreifen zu beurteilen als den Stand ihrer Rente.

Die wenigsten würden bestreiten, dass es durchaus von Vorteil wäre, sie wüssten besser Bescheid, wie der Kapitalismus eigentlich funktioniert. Beinahe täglich werden sie mit Nachrichten konfrontiert, die sie nicht wirklich beurteilen können, die aber für ihre Zukunft und die ihrer Kinder enorme Bedeutung haben.

Ob es richtig oder falsch war, für die Rettung des Euro ein Mehrfaches des Bundeshaushalts einzusetzen, ist so eine Frage, über die viele gern mehr Klarheit hätten. War es wirklich notwendig, die Schuldverpflichtungen in der Finanzkrise in solche Höhen zu treiben, dass noch die Generation der Enkel und Urenkel die Zinsen dafür zahlen müssen? Wie weit lassen sich Steuersätze heben oder senken, ohne dass die Leistungsfähigkeit des Landes leidet? Was ist eigentlich an der Behauptung dran, der zufolge die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
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1. Tja jeder bekommt
cosmo72 05.09.2010
Tja jeder bekommt eingetrichtert, dass man es sich verdienen muss, wieviel man braucht, wie die Scheine & Münzen aussehen, Zinsberechnung, unsw ... Kaum einer versteht wie Geld funktioniert, wie Geldmengen funktionieren (kaum einer Ihrer Abgeordneten weiss das!!!) und kaum einer hat mitbekommen wie sehr die Geldschöpfung in den letzten Jahrzehnten manipuliert wurde, und wem das nützte! Die ganzen Experten beschäftigen sich mit dem Verteilen, Eintreiben durch Steuern, Einnahmen generieren, aber eben nicht damit, wo es eigentlich stammt und wer den Wert generiert! http://www.youtube.com/watch?v=M8JspA6nnl8 http://video.google.com/videoplay?docid=-2537804408218048195 (Der Film enthält Informationen die sehenswert sind - links daraus folge ich persönlich aber nicht) *Kurz gesagt ist Geld Papier, dem durch Ihre Lebensarbeitszeit Wert, ein paar Gesetze und vor allem Schuld und Steuern Wert verleihen wird - in diesem Prozess werden steuerzahlende Bürger momentan nicht selten um 20-40 % Ihrer Lebensarbeitszeit "erleichtert" - Sie müssten jeden Tag einige Stunden weniger arbeiten, wüsste die Mehrheit der Menschen wie Geld funktioniert und die ständige Abzweigung Ihrer Lebensarbeitszeit durch demokratische Mittel einzuschränken!*
2. Nein, keinen Titel
Hador, 05.09.2010
Grundsätzlich eine sehr gute Kolumne, besonders bzgl. der völligen Vernachlässigung von Wirtschaftssystemen im Schulunterricht. Wenn ich aber dann zum Schluss etwas lesen muss wie: ---Zitat von Jan Fleischhauer--- Nehmen wir nur Berlin, Hauptstadt des Landes: Nur 40 Prozent der Einwohner gehen dort noch einer geregelten Arbeit nach, die anderen sind zu jung, zu alt oder an anderem interessiert. ---Zitatende--- Dann krümme ich mich ob der offensichtlichen Polemik doch in meinem Sessel zusammen. Ähnlich polemisch ist auch die Glorifizierung des Kapitalismus. Zweifellos hat dieser auch seine guten Seiten bzw. seine Erfolge vorzuzeigen, aber er hat eben auch Schattenseiten. Vor allem sollte der Autor z.B. darauf hinweisen, dass gerade die Kaufkraftsteigerungen zu einem großen Teil auf die Arbeit der Gewerkschaften zurückzuführen sind welche dem Kapitalismus in Reinform etwas Einhalt bieten konnten. Denn richtigen Kapitalismus in seiner Urform gabs vor allem im 19. Jahrhundert also VOR der vom Autor so gepriesenen Wohlstandsexplosion. Die kam zum Großteil eben erst als dem Kapitalismus gewisse soziale Ketten angelegt wurden. Heute aber rutschen wir immer mehr in ein Wirtschaftssystem ab wie es in den USA im sogenannten 'gilded Age' der späten Jahre des 19. Jahrhunderts herrschte. Dort kassierte eine kleine Oberschicht und die Masse der Leute schuftete sich für ein Butterbrot zu Tode.
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 05.09.2010
Schon lange keinen SpOn-Artikel mehr gelesen, der mir so sehr aus der Seele gesprochen hat! Wenn überhaupt mal das Thema "Wirtschaft" angesprochen wird in der Schule, dann im Sozialkundeunterricht vom strickpullovertragenden frustrierten SPD-Mitglied. Kein Mensch weiß so richtig, was der Dispokredit überhaupt ist, stattdessen wird lieber leidenschaftlich gegen die Schufa gewettert, die machen ja schließlich "so was wie Datensammeln im großen Stil". Man klopft sich selbst auf die Schulter dafür das man "Exportweltmeister" ist, aber Globalisierung findet man ganz böse, das ist Ehrensache, wo kämen wir denn sonst hin. Manchmal wird selbst gesunden Optimisten wie mir Angst und Bange um Deutschland...
4. -
Dei_Mudda 05.09.2010
Zitat von cosmo72Tja jeder bekommt eingetrichtert, dass man es sich verdienen muss, wieviel man braucht, wie die Scheine & Münzen aussehen, Zinsberechnung, unsw ... Kaum einer versteht wie Geld funktioniert, wie Geldmengen funktionieren (kaum einer Ihrer Abgeordneten weiss das!!!) und kaum einer hat mitbekommen wie sehr die Geldschöpfung in den letzten Jahrzehnten manipuliert wurde, und wem das nützte! Die ganzen Experten beschäftigen sich mit dem Verteilen, Eintreiben durch Steuern, Einnahmen generieren, aber eben nicht damit, wo es eigentlich stammt und wer den Wert generiert! http://www.youtube.com/watch?v=M8JspA6nnl8 http://video.google.com/videoplay?docid=-2537804408218048195 (Der Film enthält Informationen die sehenswert sind - links daraus folge ich persönlich aber nicht) *Kurz gesagt ist Geld Papier, dem durch Ihre Lebensarbeitszeit Wert, ein paar Gesetze und vor allem Schuld und Steuern Wert verleihen wird - in diesem Prozess werden steuerzahlende Bürger momentan nicht selten um 20-40 % Ihrer Lebensarbeitszeit "erleichtert" - Sie müssten jeden Tag einige Stunden weniger arbeiten, wüsste die Mehrheit der Menschen wie Geld funktioniert und die ständige Abzweigung Ihrer Lebensarbeitszeit durch demokratische Mittel einzuschränken!*
Sie bringen es auf den Punkt. In der modernen Gesellschaft interessiert halt nur das einfache, vordergründige. Was "hinter dem Vorhang" geschieht wollen nur die wenigsten sehen oder begreifen... Die Filme auf die Sie verlinken zeigen meiner Meinung nach eine Tatsache auf, die eigentlich jeder von uns wissen sollte. Nicht nur wenige Leute wie Sie und ich. Ich denke das große Desinteresse an der wahren Funktionsweise des Kapitals könnte daher rühren, dass sich viele Menschen insgeheim darüber "im klaren sind", welches Spiel mit der breiten Masse gespielt wird. Ablenkungsmanöver wie Mittel- gegen Unterschicht, Beschwichtigung durch sinnlose und ineffektive Steuergeschenke so wie die allgegenwärtige Werbung die einen suggeriert, man könne sich alles leisten. Notfalls mit Kredit... Wer will denn unter diesen Gesichtspunkten schon frwillig zugeben, dass er auf gut Deutsch schon sein ganzes Leben verarscht wurde? Dass sich der Mensch selbst an das Kapital geißelt rührt aus dem industriellen Zeitalter, die das Leben quasi über Kapital (viel mehr die Konzentration von Kapital auf das einzelne Individuum) definiert. Nur wer Geld hat kann sich alles Leisten => Wer sich alles leisten kann hat Macht => Wer sich viel leisten kann hat viel Macht usw... Aus meiner Sicht hat sich der Kapitalismus selbst abgeschafft, die aktuellen Krisen sollten es eigentlich mehr als genug verdeutlichen. Doch dass es auch einen anderen Weg wie den mit'm Kapital geben kann will der Großteil der Bevölkerung nicht wahr haben. Warum ein Leben lang geschufftet und gespart? Wieso u. U. nur geschafft und nie das Leben an sich genossen? Wieso für den neuen schönen Wagen fast den gesamten Monatslohn an die Bank verpfänden? Viele Leute sind auf die Tricks herein gefallen... Auch ich! Früher war ich auch der "Geld ist im Zweifelsfall alles" Typ. Heute ist es für mich einfach buntes bedrucktes Papier dem nur wir Menschen durch unsere Raffgier einen vermeintlichen Wert geben.
5. Das Versagen der Westlichen Wirtschaftelite
localpatriot 05.09.2010
Die Schwaebische Hausfrau beschaeftigt sich schon immer mit Geldangelegenheiten und die Regeln der Grossmutter haetten in Harvard, Cambridge und anderen Lehranstalten als Grundlagen fuer einen PHD Kurs von den Schwaben als Know How gekauft werden sollen. Ein ueberwaeltigendes Versagen der Erziehung von Wirtschafts 'experten'.
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