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Wissen macht Spaß: Auf den Zahn gefühlt

Von Charlotte Klein

Manches gilt als unumstößlich, bis jemand das Gegenteil beweist. Vom ach so gesunden Spinat bis zur Erdscheibe - menschliches Wissen war und ist von Irrtümern durchsetzt. Einige von ihnen sind sogar ziemlich amüsant.

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AFP

Die Erde ist eine Scheibe. Seefahrer, die sich zu weit aufs Meer hinauswagen, laufen deshalb Gefahr, über den Scheibenrand ins Verderben zu stürzen. Tausende Jahre herrschte dieser Irrglaube, er prägte die Geschicke der Menschheit bis ins Mittelalter. Denkt man. Und sitzt dabei selbst wieder einer Täuschung auf: Schon seit Platon, also etwa 400 Jahre vor Christus, war allen seriösen Gelehrten und Seefahrern in Europa bekannt, dass unser Planet nicht flach, sondern kugelförmig ist.

Solche schwer ausrottbaren Irrtümer gibt es, seit Menschen versuchen, Antworten zu finden auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Die meisten Fehler waren natürlich eher harmlos, sogar banal.

Weil ein Schweizer Physiologe beim Bestimmen des Eisengehalts von Spinat irreführende Angaben gemacht hatte, wurde Generationen von Kindern die nicht unbedingt wohlschmeckende grüne Grütze eingeflößt, obwohl in Wirklichkeit sogar Kakaopulver prozentual mehr von dem lebenswichtigen Blutbaustein enthält. Geschadet hat das aber sicherlich den wenigsten. Jahre später rechnete jemand nach, und der Spinat-Mythos wurde aufgeklärt. Andere Irrtümer halten sich wesentlich hartnäckiger - manche beeinflussten sogar die Geschichte.

Die größten Fehleinschätzungen entstanden im Zusammenhang mit den größten Fragen, zum Beispiel nach der Beschaffenheit, Form und Umgebung unseres Heimatplaneten. An eine platte, tellerförmige oder gar viereckige Erde glaubten viele frühe Völker. "Dass aber noch das mittelalterliche Weltbild von einer Scheibe ausging, ist völliger Unsinn", sagt Reinhard Krüger. Der Romanistikprofessor an der Universität Stuttgart trägt seit 15 Jahren historische Belege dafür zusammen, dass die Kugelform der Erde Naturforschern und Kaufleuten schon seit mehr als 2000 Jahren kontinuierlich bekannt ist.

"Dass die Erde noch im 13. Jahrhundert als tellerförmig galt, ist ganz einfach eine Erfindung der Aufklärung, die sich damit vom ,dunklen Mittelalter' abgrenzen wollte", sagt Krüger. "Diese Erfindung wurde in der Geschichtsschreibung anschließend übernommen. Auf diese Weise hat sie ihren Weg bis in die Schulbücher des 20. Jahrhunderts gefunden."

Die Erde als Mittelpunkt des Universums

Weitaus länger hielt sich, trotz widersprechender Beobachtungen, die Vorstellung von der Erde als Mittelpunkt des Universums. Schon vor über zwei Jahrtausenden war das geozentrische Weltbild eigentlich überholt; im dritten Jahrhundert vor Christus hatte der griechische Astronom Aristarch von Samos erkannt, dass nicht die Sonne sich um die Erde dreht, sondern umgekehrt. Doch erst im 16. Jahrhundert konnte Nikolaus Kopernikus der Theorie zum Durchbruch verhelfen.

Falsche Annahmen haben die Entwicklung des Wissens beileibe nicht immer gebremst. Zuweilen waren sie sogar echte Motoren des Fortschritts. Die im 17. Jahrhundert entstandene Ätherhypothese, die besagt, dass alle scheinbar leeren Räume von einer unsichtbaren Materie, dem Äther, ausgefüllt sind, war zwar falsch, ließ sich aber trotzdem zur Formulierung richtiger neuer Erkenntnisse heranziehen, zum Beispiel den Gesetzen der Lichtbrechung, die auch ohne die Existenz des Äthers gelten. Erst Einsteins Relativitätstheorie allerdings konnte das Verhalten von Lichtwellen so erklären, dass die Ätherhypothese unnötig wurde.

Kolumbus hätte wohl nie Amerika entdeckt, wäre er nicht davon ausgegangen, dass die Erde zwar kugelförmig sei, ihr Umfang aber lediglich 30.000 Kilometer betrage statt wie in Wirklichkeit 40.000. Die Strecke von Portugal bis nach Asien unterschätzte er auch deswegen um über 10.000 Kilometer. Andernfalls hätte er sich nie auf die lange Reise gemacht, die 1492 letztlich für die Europäer einen neuen Kontinent zutage förderte.

Einen Kontinent, dessen Bevölkerung ebenfalls so mancher bizarren Vorstellung anhing. Wie schon im alten Ägypten und im antiken Griechenland war etwa bei den Mayas für Schmerzen im Gebiss eine schauerliche Erklärung verbreitet: Ursache, so glaubte man, seien Zahnwürmer, die sich von innen durch den menschlichen Mundraum fräßen. Dieser Glaube hielt sich selbst in Europa bis ins 19. Jahrhundert.

Aderlass als Universalheilmittel

Andere medizinische Lehrmeinungen konnten tödliche Folgen haben. So galt im Mittelalter der Aderlass als Universalheilmittel. Fieber, Lungenentzündung, Herzfehler? Einfach eine Vene anstechen und das "kranke" Blut herausfließen lassen! Diese Therapie war nicht selten lebensgefährlich: Durch die Blutabnahme wurden die Patienten zusätzlich geschwächt; mitunter war das Quantum, das Arzt oder Bader ablassen wollten, sogar höher als die tatsächlich im Körper befindliche Menge Blut.

Aderlässe beruhten auf der seit Hippokrates gültigen Humoralpathologie: Das Wohlbefinden des Menschen, so lehrte sie, hänge von vier Säften ab, die sich im Gleichgewicht befinden müssten - Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Anhand dieser Flüssigkeiten teilte man die Menschen auch in Persönlichkeitstypen ein: energiegeladene Sanguiniker, träge Phlegmatiker, reizbare Choleriker und introvertierte Melancholiker. War jemand krank, versuchte der Arzt die Säfte wieder in Balance zu bringen.

Eine andere bei Klosterärzten extrem beliebte Methode, den Körper von verdorbenen Lebenssäften zu befreien, bestand darin, Tierkot oder anderen Schmutz auf offene Wunden zu schmieren. Dass nach einigen Tagen Eiter aus den Wunden trat, werteten die mittelalterlichen Heiler als Behandlungserfolg und Bestätigung für die Wirksamkeit ihrer Kur. Leider endete sie oft letal.

Je schlüssiger eine Theorie auf den ersten Blick und je zeitgeistiger und blumiger die zugehörige Erklärung, desto eher setzt sie sich durch, und desto länger kann sie sich oft auch halten. Annahmen, die besonders fortschrittlich, dadurch von Kenntnisstand und der Lebensrealität ihrer Zeit jedoch weiter entfernt sind, haben es dagegen oft schwer, anerkannt zu werden, selbst wenn sie der Wahrheit entsprechen. So erging es der Evolutionslehre Charles Darwins.

Als der Naturforscher im Jahr 1859 sein Werk "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" veröffentlichte, glaubte die Mehrheit der europäischen Naturforscher genau wie der Rest der Bevölkerung noch, dass Tiere und Menschen von Gott geschaffen worden seien. Darwin erkannte, dass die Individuen einer Spezies verschieden sind, miteinander in Wettbewerb stehen und dass nur die Angepasstesten überleben. Die Veränderlichkeit der Vielfalt über viele Generationen hinweg ohne einen Schöpfer und den gemeinsamen Ursprung von Arten hielt die Allgemeinheit für unmöglich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 121 Beiträge
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1. Unser Mythen
frank2222 19.09.2010
Die meisten Menschen glauben zum Beispeil inzwischen, dass die Erde sich erwärmt. Dabei bräuchte man nur auf Google den Begriff Erderwärmung einzugeben und den ersten Beitrag auf Wikipedia anzuschauen. In der ersten Zeile heisst es dort: "Zwischen 1906 und 2005 hat sich die durchschnittliche Lufttemperatur in Bodennähe um 0,74 °C (± 0,18 °C) erhöht.[2]" Als Quelle wird angegeben: Intergovernmental Panel on Climate Change. (das ist die Weltklimakonferenz der UN, der man gewiss nicht vorwerfen kann, die Erderwärmung zu untertreiben). Wir sprechen also von 0,005 Grad pro Jahr. Na ja.
2. "Aderlass als Universalheilmittel "
imagine, 19.09.2010
Ersetzen sie Aderlass durch Medikamentenkonsum, und schon sind wir im Hier und Heute.
3. merkwürdig
raskolnikkov 19.09.2010
Habe gerade mit Staunen erfahren, daß wir gar nicht vom Affen abstammen. Nun war mir zwar nicht unbekannt, daß irgendwo beim Australopithecus die Abspaltung des späteren Menschen von den Menschenaffen begann, aber was waren denn die Vorfahren von Australopithecus? Waren das keine Altweltaffen? Waren denn? Meerschweinchen?
4. Wie sagte einmal ein weiser Mensch:
h0l0fernes 19.09.2010
"Wissenschaft ist der aktuelle Stand des Irrtums." Das ist natürlich vollkommen zutreffend, nur kann einem das so viel Angst machen, dass viele Menschen - um diese Angst zu vermeiden - sich in religionsartige Gedankengebäude flüchten, die ihnen eine Illusion von Sicherheit geben. Denn wenn Eines überhaupt sicher ist in diesem Universum, dann ist es die Tatsache, dass es keine Sicherheit gibt. Das ist DIE Herausforderung unseres Lebens - an der leider sehr, sehr viele scheitern - unter Anrichtung unermesslichen Schadens und Leides für ihre Mitmenschen.
5. Pseudo-Aufklärung
RinKa 19.09.2010
"In Wirklichkeit aber bildet vieles, was man heute zu wissen glaubt, einfach nur den derzeitigen Stand der Forschung ab und könnte jederzeit durch neue Erkenntnisse wieder über den Haufen geworfen werden." - Sehr hübsch. Aber ein paar Absätze vorher wird Darwins Evolutionlehre zu den Theorien gerechnet, die "der Wahrheit entsprechen", und Lamarck wird kurzerhand als Trottel hingestellt. Letztlich ist wohl doch alles sehr klar und einfach... - Das ist Wissenschaftsjournalismus für Arme.
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