Gesellschaft und Arbeit Abschied vom Himmel

Schon frühe Hochkulturen kannten den Rhythmus der Gestirne. Aber erst seit dem späten Mittelalter beherrscht die Uhr den Alltag. Sie zergliedert die Zeit - und entfremdet den Menschen so von der Natur.

Von Johann Grolle

Corbis

Kaufen geht schneller als Denken - an den großen Börsen der Welt jedenfalls. Wenn dort Millionenkontrakte geschlossen werden, kann jede Mikrosekunde entscheiden.

Menschen können da schon lange nicht mehr mithalten. Es sind immer öfter die Computer, die bei den großen Hedgefonds entscheiden, wann welcher Kaufauftrag rausgeht.

Immer näher sind die Händler deshalb an die Handelsplätze herangerückt. In Frankfurt am Main beispielsweise haben viele einen Teil ihrer Computer inzwischen sogar schon im Rechnerzentrum der Börse selbst installiert. "Colocation" nennt sich das im Börsianerdeutsch.

Das Ziel der Händler ist es, so nah wie irgend möglich an den Zentralrechner heranzukommen. Denn mit jedem Meter, den sie weiter entfernt sind, wächst die Kabelstrecke, die ihre Kauf- und Verkaufsaufträge zurücklegen müssen. Das kostet Zeit, und Zeit ist Geld, selbst wenn es sich nur um Mikrosekunden handelt.

Ohne Unterlass verfolgen die Rechner Aktienkurse, Währungsschwankungen und andere Nachrichten vom Kapitalmarkt. Und sobald ihnen die Software sagt, dass jetzt der Augenblick günstig ist, setzen sie ihre Order ab: kaufen Rohstoffe, bestellen Futures, stoßen Optionsscheine ab.

Dann kommt es auf Sekundenbruchteile an. Denn trifft der Auftrag des Konkurrenten auch nur 100 Mikrosekunden früher ein, so kommt dieser zum Zuge.

Dramatisch hat sich der Takt des Börsengeschehens in den letzten Jahren beschleunigt. "Anfang der neunziger Jahre war es schon gut, wenn wir einen Auftrag innerhalb einer halben Sekunde ausgeführt haben", berichtet Gerhard Leßmann, Vorstandsmitglied der Deutsche Börse Systems AG. Heute sei selbst eine Millisekunde dafür zu lang.

Für menschliche Händler ist in dieser Welt der Millisekunden kein Platz mehr. Menschen leben in Stunden, handeln in Minuten, denken in Sekunden. Was noch schneller geht, gehört dem Reich der Computer an. Sie rechnen, kommunizieren und entscheiden mit Geschwindigkeiten, die jenseits menschlicher Erfahrungsmöglichkeit liegen.

Diktat präzisester Uhren

Und nicht nur die Börse ist dem Diktat präzisester Uhren unterworfen. Auch Internet, Luftsicherheit und Autonavigation, auch Kreditkartengeschäft und Telekommunikation werden in Zeitdimensionen abgewickelt, die einem Menschen längst nicht mehr zugänglich sind.

Seit Jahrhunderten schon vollzieht sich die schleichende Machtergreifung der Uhren. Kaum merklich haben sie sich immer weiterer Lebensbereiche bemächtigt und Schritt um Schritt Alltag, Arbeitswelt und Wirtschaftsleben durchdrungen.

"Die Uhr, nicht die Dampfmaschine ist die wichtigste Erfindung des modernen Industriezeitalters", erklärte der große US-Historiker Lewis Mumford. Indem sie allem irdischen Geschehen ihr unbeirrbares Ticktack überstülpte, habe die Uhr "die Zeit von der Welt des menschlichen Erlebens entfremdet".

Und fast widerstandsfrei fügt sich der moderne Mensch ihrem Regime. Willig regelt er Arbeit und Schule, Reisen, Freizeit und Freundschaften nach ihrem Gebot. Seine Unterwerfung offenbart sich in seinem Verlangen, stets und überall Zugang zur genauen Uhrzeit zu haben.

Kein technisches Gerät wird auch nur annähernd so häufig gefertigt, gekauft und befragt wie die Uhr. Sie findet sich in Klassenräumen und Wartezimmern, in Schwimmbädern, Bahnhöfen, Meldeämtern und Bussen. Zudem ist sie eingebaut in Herden, Handys, Computern, Fernsehern, Autotachos oder sogar in manchen Kaffeemaschinen und Kugelschreibern - was die Mehrzahl der Menschen nicht daran hindert, sie zusätzlich noch am Arm zu tragen.

Warum ist der Mensch jahrtausendelang ohne Uhr ausgekommen?

Doch woher rührt diese Besessenheit von der Uhr? Braucht der Mensch das? Und wenn ja, warum ist er dann jahrtausendelang ohne Uhr ausgekommen? Vor gut 700 Jahren setzten mittelalterliche Handwerker die erste mechanische Uhr zusammen. Historiker aber, die diesen epochalen Moment der Menschheitsgeschichte verstehen wollen, müssen sich nicht nur fragen, wie diese technische Meisterleistung möglich wurde, sondern auch, warum sich überhaupt Interesse daran regte.

Zwar besteht kein Zweifel, dass viele, wenn nicht gar alle Hochkulturen fasziniert vom natürlichen Rhythmus der Gestirne waren. Eindrucksvoll bezeugt dies schon ein mehr als 5000 Jahre altes Denkmal im irischen Newgrange, rund 50 Kilometer nördlich von Dublin. Dort erhebt sich ein mächtiger Grabhügel, in dessen Innerem ein 19 Meter langer Gang bis zu einer kreuzförmig angelegten Grabkammer führt.

Wer sich bis dorthin vorgetastet hat, sieht sich von undurchdringlicher Finsternis umfangen. Nur einmal im Jahr, am Morgen des kürzesten Tages, fällt für wenige Minuten gleißendes Sonnenlicht durch ein winziges Loch am Eingang und erleuchtet die ganze Kammer.

Wie viel Wissen und wie viel Mühen müssen die jungsteinzeitlichen Erbauer aufgewendet haben, um dieses Spektakel möglich zu machen. An jedem 21. Dezember muss der Strahl der aufgehenden Sonne für sie das Signal gewesen sein, dass der lebenspendende Zyklus der Jahreszeiten nun aufs Neue begann.

Auch Babylonier, Chinesen und Mayas kannten eine regelrechte Wissenschaft der Zeit. Mit größter Sorgfalt erkundeten sie die geheimnisvolle Regelmäßigkeit der Sonnen-, Mond- und Planetenbahnen und bemühten sich, die natürlichen, aber kaum miteinander verträglichen Maßeinheiten Tag, Monat und Jahr miteinander zu versöhnen.

Doch sosehr das Kreisen der Gestirne im Zentrum vieler Religionen und Weltsysteme stand - bedeutet dies auch, dass sich die Menschen dafür interessierten, den Tag seinerseits zu zergliedern?

Manches spricht dafür, dass die Chinesen oder Griechen des Altertums bereits das Zeug dazu gehabt hätten, mechanische Uhren zu bauen - wenn sie nur deren Nutzen erkannt hätten.

So präsentierte der große chinesische Ingenieur Su Song seinem Kaiser im Jahr 1094 ein Wunderwerk, in dem eine Vielzahl bronzener Ringe und Schalen kompliziert verschachtelt umeinander kreiste. Von einem Wasserrad angetrieben, vermochte dieses Räderwerk die Bahnen der Gestirne anzuzeigen - und dies mit einer Genauigkeit, wie sie erst von den Pendeluhren des 17. Jahrhunderts wieder erreicht werden sollte.

Bereits ein Jahrtausend zuvor hatten die Griechen ein kaum weniger erstaunliches Gerät entwickelt: In einem Wrack vor der Insel Antikythera fanden Archäologen eine Art antiken Computer. Er bestand aus mindestens 40 bronzenen Zahnrädern, die ineinandergriffen, um den Lauf von Mond, Sonne und Planeten simulieren zu können.

Wie groß wäre da noch der Schritt gewesen, eine mechanische Uhr zu bauen? Reichte das technische Genie von Griechen und Chinesen dazu wirklich nicht aus? Oder mangelte es ihnen schlicht an Interesse?

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insgesamt 24 Beiträge
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wer es glaubt wird selig 31.10.2010
1. !!!
Die zwei Zeiger am Handgelenk sind der mobile Knast.
The_Laser 31.10.2010
2. !!!!
Ich hasse Zeit! Und Wetter auch!
fettwebel 31.10.2010
3. zahlen sie binnen ...
Ohne Zeit kein Bemessen der Leistung, kein Zins. Erträgliches Leben benötigt fast keine Zeitmessung; bestimmte Gesellschaftsformen schon. Klingt anmaßend, ich weiß. Die Konsequenz macht schwindlig. Wieviel Schwachsinn wäre ohne Zeitmessung unmöglich? Das ist höchst politisch.
Emmi 31.10.2010
4. Sonnenzeit statt Sommerzeit!
Wenn wir es wieder so handhaben würden, dass der Tag beginnt, wenn die Sonne aufgeht und er endet, wenn sie untergeht, dann brauchen wir auch keine Sommerzeit mehr. Außerdem müssten wir nie mehr im Dunkeln aufstehen oder bis zum Dunkelwerden auf Arbeit sitzen, und wir würden haufenweise Energie sparen! Die dynamische Anpassung an die variable Stundenlänge sollte im Zeitalter der Computer kein Problem sein... Emmi
onkel hape 31.10.2010
5. Ein sehr guter Artikel..
...von dem ich viel über das Phänomen "Zeit" gelernt habe, Respekt! Natürlich kann unsere moderne Zivilisation nicht mehr nur nach den ursprünglichen Naturgesetzen (Sonnenauf-, untergang usw. leben), die Regelung unseres Daseins durch Zeitmesser ist daher heutzutage zwingend. Andererseits ist das Diktat der Uhr für unsere Lebensweise auch von Übel, was schade ist. Am Beispiel der perversen Computer-Aktivitäten an den Börsen dieser Welt wird das besonders deutlich. Zeit ist ein besonders wertvolles Gut in unserem auf nur wenige Jahrzehnte begrenzten Dasein, wir sollten damit sorgsam umgehen u. sie nicht für Dummheiten verschwenden.
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