Von Manfred Dworschak
Die Jugend von dazumal kannte das noch: echte, ehrliche Langeweile. Heute aber gibt es den Mobilfunk, die Plage darf als besiegt gelten. Kaum droht einem Jugendlichen mal ein Moment der Leere, greift er wie automatisch nach dem Handy und beginnt zu tippen.
Dieser Reflex, Eltern wissen es, funktioniert fast immer: Wenn der Bus nicht kommt, der Nachmittag sich dehnt, nichts Besseres anliegt oder auch nur ein Hauch von Unlust den Nachwuchs anweht - sogleich ruft er jemanden an. Oder schreibt eine SMS. Oder stöpselt sich wenigstens Musik in die Ohren.
Das Mobiltelefon ist ein perfektes Gerät zur Vernichtung flauer Momente. Gedankenschnell sind sie weggeklickt, ehe sie unangenehm werden. Die Jugendlichen, Daumen stets im Anschlag, zappen sich dann mal eben durch den Freundeskreis, und die Gefahr ist gebannt.
Die flauen Momente hatten freilich auch ihren Wert. In diesen Augenblicken machte die Zeit selbst sich bemerkbar, wurde lang und länger, man bekam ein Gefühl für ihre Extreme. Der gelangweilte Mensch, auf quälende Weise ungestört, musste damit fertig werden. Er erlebte die Verzweiflung über das schiere Verrinnen der Sekunden - oder auch, je nachdem, das Herzklopfen vor einem bang ersehnten Treffen. Oder er hatte plötzlich, vor lauter Ödnis, eine Idee, auf die er im Alltagsgetriebe sonst kaum gekommen wäre. Der Lohn des Wartens war, dass es gemeistert werden konnte.
"Dieses Erlebnis der Dauer, das wird den Jugendlichen genommen", sagt der Erfurter Kommunikationsforscher Joachim Höflich. "Was geht nicht alles in einem vor, während man wartet!" Das Leben, meint er, fülle sich doch mit immer neuen Wartegeschichten, jeder Mensch habe quasi seine eigene "Wartebiografie".
Wohl kennt die Jugend noch das große Warten - auf die erste Liebe oder das vernichtende Zeugnis. Aber das kleine Warten, das alltägliche, bestehend aus der Summe zahlloser zäher Viertelstunden, die nicht vergehen wollten, bleibt ihr größtenteils erspart. Die Helden der Langeweile, die es ganz allein mit den Schrecken der tickenden Uhr aufnahmen, sterben aus.
Denn zum echten Warten gehörte das Alleinsein, die zeitweilige Trennung von der Mitwelt und ihrem Überangebot an Kurzweil. Mit dem Handy aber ist immer jemand aus der Ferne greifbar.
Das Gefühl des Verlorenseins aushalten
Die US-Psychologin Sherry Turkle hat bemerkt, dass sich Kinder irgendwann, gewöhnlich im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, zum ersten Mal allein in eine fremde Umgebung wagen - und sei es nur ein unvertrautes Stadtviertel. Das Empfinden des Verlorenseins, das sich dann vielleicht einstellt, müssen sie eben aushalten. Das stärkt ihr Selbstgefühl. Was aber, fragt sich Turkle, wenn die Kinder heute immer und überall in Verbindung mit ihren Freunden stehen? Wenn sie keine Anwandlung von Mulmigkeit mehr ertragen, ohne sich per Handy mit der Gruppe kurzzuschließen?
Vor allem aber hat das Gerät, indem es dem Alleinsein ein Ende machte, die Wahrnehmung der Zeit bei der Jugend von Grund auf verändert. Am besten lässt sich das an Wochenenden beobachten, und zur Probe genügt eine einfache Frage: Was machst du heute Abend?
Die Antwort wird oft genug lauten:"Keine Ahnung, ich muss erst mal telefonieren." Übersetzt heißt das etwa: Tina sagte, man wolle erst mal zu Pummel, der kennt eine, die vielleicht Gästekarten für den Club kriegt, aber Moritz und Lotte wollten lieber zu Anna, die gerade sturmfrei hat, aber noch nicht zu Hause ist, weil sie unterwegs Ilmaz aufgabeln wollte, der sich aber verspätet. Man telefoniert dann noch mal.
Die Freunde sind stets in Rufweite
Etliche Telefonate später ziehen die Nachtschwärmer tatsächlich los, aber wohin und weshalb, wissen sie oft immer noch nicht. Es wird sich ergeben. Die Freunde sind, dank Handy, stets in Rufweite. Warum da Pläne machen und Verabredungentreffen, die ohnehin nicht lange halten? Früher oder später kommt doch ein Anruf, der wieder alles umwirft.
Manchmal kreisen die Jugendlichen wie Vogelschwärme durch die Nacht, in denen auch keiner weiß, auf welchem Baum er in einer Stunde sitzt. Und wann er wieder auffliegt. Es genügt eine SMS mit der Nachricht von einer scharfen Party, und alle flattern hin. Im mobilfunkgestützten Nachtleben spielen Uhrzeiten keine Rolle mehr. Niemand muss sich im Voraus auf einen Zeitpunkt festlegen, ja die Zukunft selbst scheint nicht mehr zu existieren. Alles ist Gegenwart - für viele ein fast rauschhaftes Gefühl. Dank dem Handy kann die Jugend sich in ihrer Freizeit lösen von den Zwängen des Vorausdenkens, der Planung und des Zeittakts, auf dem die moderne Gesellschaft beruht.
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© SPIEGEL Wissen 4/2010
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