Psyche und Körper Wenn die Hirnmasse schrumpft

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2. Teil: Kampf oder Flucht


Bei einer akuten Gefahr haben sich über Jahrtausende hinweg zwei Ur-Reaktionen bewährt: Kampf oder Flucht. Und darauf ist das menschliche Gehirn bis heute programmiert: Mit einer Kaskade von Botenstoffen vermag es den Körper sekundenschnell in Handlungsbereitschaft zu versetzen.

Die biologische Stressreaktion beginnt im Hypothalamus, einer Region des Zwischenhirns, mit der Ausschüttung von Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) und Vasopressin; diese Alarmstoffe bewirken in der Hirnanhangsdrüse die Freisetzung eines weiteren, ACTH. Der gelangt nun über den Blutkreislauf in die Nebennierenrinde und stimuliert dort die Produktion des Stresshormons Kortisol. Im Nebennierenmark werden derweil zwei weitere Stresshormone gebildet, Adrenalin und Noradrenalin.

Der ganze Körper blitzschnell auf Hochspannung

Gemeinsam sorgen die Hormone dafür, dass der ganze Körper blitzschnell auf Hochspannung umschaltet: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck schnellt empor, und die Atemfrequenz beschleunigt sich, damit der Körper mit mehr Sauerstoff versorgt wird. Die Leber stellt Zucker zur Verfügung, so dass die Muskeln und das Gehirn mehr Energie umsetzen können. Das Blut strömt vermehrt in die Skelettmuskulatur. Die Schweißdrüsen werden angeregt, um den Körper vor Überhitzung zu schützen.

Alles, was im Kampf nicht unbedingt die Überlebenschancen erhöht, wird derweil unterdrückt: Sexualtrieb, Müdigkeit, Hungergefühl, Verdauung und die Immunabwehr. Blase und Darm erhalten das Signal, sich schnell zu entleeren. In Körperteilen wie den Geschlechtsorganen, die nicht fürs Kämpfen oder Flüchten benötigt werden, ziehen sich die Blutgefäße zusammen.

Gleichzeitig sorgt das Stresssystem für den Fall vor, dass etwas schiefgeht: Hormone werden ausgeschüttet, welche die Sinne schärfen und die Schmerzempfindlichkeit vermindern. Und das Blut gerinnt leichter, damit wir, falls wir verletzt werden, nicht gleich verbluten. Ab einer bestimmten Menge schließlich bremst Kortisol im Gehirn die weitere Ausschüttung von CRH und ACTH; die Stressreaktion klingt ab.

Für unsere Vorfahren waren diese biologischen Mechanismen auf der Mammutjagd oder im Kampf gegen einen angreifenden Bären lebenswichtig - und auch heute sind sie durchaus hilfreich, wenn wir zum Beispiel blitzschnell einem Auto ausweichen oder auf eine fiese Bemerkung schlagfertig reagieren müssen.

Dummerweise wird das Stresssystem aber auch allzu leicht aktiviert, wenn Kampf oder Flucht nicht in Frage kommen - beim Starren auf den leeren Bildschirm, während die Deadline näher rückt; wenn der Chef miese Laune hat; im Stau. So kann es geschehen, dass die Mühen des Alltags den Körper irgendwann in permanente Alarmbereitschaft versetzen. Das Problem ist, dass die bereitgestellte Energie nicht verbraucht wird - es sei denn, wir reagieren uns ab, indem wir zum Beispiel joggen oder tanzen. Sport hilft gegen Stress, weil er, physiologisch betrachtet, den beiden Ur-Reaktionen gleicht.

Gesellschaftliche Veränderungen, der wachsende Druck in der Arbeitswelt und private Belastungen treffen alle. Aber nicht alle Menschen reagieren unter Druck gleich, und längst nicht alle erkranken irgendwann in ihrem Leben an einer Erschöpfungsdepression. Woran also liegt es, wenn das Stresssystem dauerhaft aus der Balance gerät?

"Letztlich ist es immer eine Wechselwirkung zwischen genetischen Faktoren und der Umwelt", sagt Erich Seifritz. So reagieren schon wenige Tage alte Säuglinge unterschiedlich heftig auf Stress. Langzeitstudien des US-Psychologen Nathan Fox von der University of Maryland haben ergeben, dass jene Babys, die am längsten schreien, wenn man ihnen den Schnuller wegnimmt, auch später im Leben tendenziell empfindlicher auf Stress reagieren.



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
coriolanus, 26.02.2011
1. Schon als Pennäler
Zitat von sysopOhne Stress kann der Mensch nicht leben - doch das biologische Stresssystem ist nicht für die moderne Welt geschaffen und gerät deshalb leicht aus der Balance. Forscher entschlüsseln, wie sich andauernde Alarmbereitschaft auswirkt. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,747304,00.html
... hätte ich lieber wie Jung-Siegfried mit dem Drachen gekämpft, als wie angeschraubt auf der harten Schulbank verharren zu müssen in Erwartung der unentrinnbaren Grammatikfolter des Griechischlehrers.
Willie, 26.02.2011
2. -
Zitat von coriolanus... hätte ich lieber wie Jung-Siegfried mit dem Drachen gekämpft, als wie angeschraubt auf der harten Schulbank verharren zu müssen in Erwartung der unentrinnbaren Grammatikfolter des Griechischlehrers.
Da mag damit zusammenhaengen, dass Pennaeler noch gewisse Vorstellungschwierigkeiten haben, die persoenlichen Gefaehrdungen und Erfordernisse innerhalb eines Kampfes mit einem Drachen realistisch einschaetzen zu koennen. Die schaffen das nur in idealisierter, kindlich oberflaechlicher Weise. Dass dann im Vergleich mit der sehr realen Belastung durch den ebenso sehr realen Lehrer der Drachenkampf als die vorziehenbare Loesung erscheint ist klar. Mit der Realitaet hat dies aber wenig zu tun. Nur mit kindlicher naiver Einschaetzung.
MDen 26.02.2011
3. Sieg- und Frieden
Zitat von WillieDa mag damit zusammenhaengen, dass Pennaeler noch gewisse Vorstellungschwierigkeiten haben, die persoenlichen Gefaehrdungen und Erfordernisse innerhalb eines Kampfes mit einem Drachen realistisch einschaetzen zu koennen. Die schaffen das nur in idealisierter, kindlich oberflaechlicher Weise. Dass dann im Vergleich mit der sehr realen Belastung durch den ebenso sehr realen Lehrer der Drachenkampf als die vorziehenbare Loesung erscheint ist klar. Mit der Realitaet hat dies aber wenig zu tun. Nur mit kindlicher naiver Einschaetzung.
Trotzdem hätte sich im Kampf gegen den Drachen der Stress besser abbauen lassen als im Unterricht. Uns wurde schon vor mehr als 25 Jahren vom Biologielehrer empfohlen, vor Klassenarbeiten oder Klausuren draußen herumzurennen, um das Adrenalin abzubauen. Es mag ja im Rückblick schnell naiv erscheinen, aber für einen Schüler kann eine Prüfung leicht zum "Kampf zwischen Zukunft und Chancenlosigkeit" also Leben und Tod werden. Es ist immer leicht, die Problemsituationen anderer klein zu reden. Außerdem ist es Bestandteil des pubertären Denkens, sich für physisch ungefährdet zu halten. Deswegen all die irren Aktionen der Teenager. Und zu allerletzt kommt es auf die individuellen Fähigkeiten im Fechten und im Altgriechischen an, um wirklich einschätzen zu können, was die real größere Gefahr ist oder war.
Silverhair, 26.02.2011
4. Reaktionsgeschwindigkeit und Schmerz
Zitat von MDenTrotzdem hätte sich im Kampf gegen den Drachen der Stress besser abbauen lassen als im Unterricht. Uns wurde schon vor mehr als 25 Jahren vom Biologielehrer empfohlen, vor Klassenarbeiten oder Klausuren draußen herumzurennen, um das Adrenalin abzubauen. Es mag ja im Rückblick schnell naiv erscheinen, aber für einen Schüler kann eine Prüfung leicht zum "Kampf zwischen Zukunft und Chancenlosigkeit" also Leben und Tod werden. Es ist immer leicht, die Problemsituationen anderer klein zu reden. Außerdem ist es Bestandteil des pubertären Denkens, sich für physisch ungefährdet zu halten. Deswegen all die irren Aktionen der Teenager. Und zu allerletzt kommt es auf die individuellen Fähigkeiten im Fechten und im Altgriechischen an, um wirklich einschätzen zu können, was die real größere Gefahr ist oder war.
Liegt auch vielleicht ganz trivial daran, das das Reaktionsystem von Jugendlichen weitaus schneller noch reagiert als das von Erwachsenen. Das vor allem Jugendliche als "Soldaten" so ab 16-18 verwendet werden/wurden ist ja nicht ohne Grund geschehen! Auch geht im Jugendlichen Alter die Ausschüttung der "Schmerzbegrenzenden Substanzen" die aus endogenen Morphinen bestehen weitaus schneller - so das prinziell schon da ein "taktischer Vorteil besteht"! Wir haben im Alter da wohl eher Angst vor körperlichen Aktionen -weil einfach der "Schmerz" nicht mehr so schnell blokiert wird - das sorgt zwar für mehr "überlegtes Handeln" ist dafür aber recht langsam nur noch!
albert schulz 26.02.2011
5. Erkenntnisgewinn ?
Ein bißchen viel auf einmal. Bereits Kinsey wußte zu berichten, daß beruflich erfolgreiche Männer sexuell nicht unbedingt fordernd sind, sondern den Frauen den aktiven Teil überlassen. Weshalb diese erstaunlich viele Töchter haben, weil diese bereits als Spermien durchsetzungsfreudiger sind. Oder die Gattinnen haben das gemacht, was im Mittelalter Königinnen zur Erbenerzeugung durchführten, nachdem ihre engagierten Bemühungen gescheitert waren, nämlich eine Fremdbesamung. Daß sich Gestreßte das Hirn wegsaufen ist ebenfalls nicht wirklich neu. Und daß Rumrennen weit sinnvoller ist für Körper und Schädel. Leider machen sie nur Sport, um mehr saufen zu können. Alkohol soll übrigens auch unfruchtbar machen. Richtig aber auch bekannt ist, daß wir allesamt ein wenig gestreßt sind, wobei ich ganz gehässig behaupte, daß die Ärmeren sehr viel mehr davon abbekommen, Unterfordert, nicht geschätzt, benutzt, keine Perspektiven, Arbeiten bis zum Umfallen. Diese Erkenntnis fußt allerdings auf der einfachen Tatsache, daß sich diese Leute keinen Psychiater leisten wollen, können und dürfen. Die künstlichen Anforderungen und Normen, auch als Entfremdung bekannt, sind gesichert allgemein. So ist bekannt, daß heute die Spermienmenge bei einem Vierzigjährigen statistisch bereits nicht mehr zum Vermehren langt. Dieser Fruchtbarkeitsabfall nach Alter verläuft seit 1900 kontinuierlich nach unten. Pränatale finanzielle Belastungen kann ich also heilen, wenn ich der Fremdbestimmung (Ehe und Beschäftigung) aus dem Weg gehe. Das ist eine sehr positive Aussicht. Mich würde mehr interessieren, wie hoch die Lebenserwartung nach Einkommen ist. Dabei geht es um die Abnutzung des Lebenswillens, und der hockt irgendwo zwischen Hypothalamus, Mandelkern und limbischem System. Leben ist ein Verschleißkampf.
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